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Was ökumenisch reift

Christen aller Bekenntnisse begehen wieder einmal die Woche des Gebets um die Einheit der Kirchen. Viel ist geschehen, seit Papst Johannes XXIII. die Tore weit aufgestoßen hat. Aber irgendwie hat man das Gefühl, daß der Prozeß der Annäherung ins Stocken geraten, der Schwung verlorengegangen ist. Der ökumenische Alltag ist voller Dornen und Disteln. Aber das ist kein Wunder.

Streit und Spaltung, Sorge um Einheit und Versöhnung begleiten die Kirche seit den Tagen ihres Stifters, dessen Gebet um Einheit („ut omnes unum sint") Erlösungstod und Auferweckung voranging. Manichäer, Donatisten, Arianer, Montanisten, Novatianer, Monophysi-ten und Nestorianer haben schon die junge Kirche in Kummer gestürzt. Dem Morgenländischen Kirchenschisma von 1054 folgten die Reformation Luthers 1517 und seiner Nachreformer, die Abspaltung der Anglikanischen Kirche 1534 und 1870 die der Altkatholiken.

Heute wissen wir, daß an diesen Spaltungen Unverstand und Fanatismus, Machtpolitik und Eigensucht ihren gewaltigen Anteil hatten -nicht immer nur auf der Abspalterseite. Nichts Menschliches ist der Kirche fremd. Trotzdem hat die gemeinsame Berufung auf die Botschaft Christi das Band der Einheit niemals ganz zu zerstören vermocht. Seit Beginn unseres Jahrhunderts gibt es Bestrebungen, die Kirchen zur Zusammenarbeit wenigstens auf unbestrittenen Gebieten zu vereinen. Der Ökumenische Rat der Kirchen, 1948 gegründet, ist eine Frucht dieser Bemühungen. Jahrelang pflegte die römischkatholische Kirche Distanz, ja Gegnerschaft zur ökumenischen Bewegung. Papst Benedikt XV. (f 1922) verbat jede Mitarbeit, selbst Pius XII. mahnte noch, ehe sein Nachfolger Johannes XXIII. das Steuer herumwarf.

Seither ist Bahnbrechendes geschehen. Paul VI. und Johannes Paul II. hatten ihren maßgeblichen Anteil daran. Trotzdem ist ein neuer, kühner Schritt vonnöten, der die ökumenische Bewegung aus den Fesseln kleingläubiger Besorgtheit befreit. Hochrangige Theologen geben heute zu: Zwischen römisch-katholischer und altkatholischer Kirche, gegenüber Anglikanem und selbst Orthodoxen, gibt es eigentlich keine tiefgreifenden Wesensunterschiede mehr. Auch mit den reformierten Kirchen ist vieles geklärt. Was trennt, ist kein fundamentaler Dogmenstreit, kein „filioque" und kein „sola gratia" mehr.

Was trennt, ist die Last der Geschichte, sind die Traditionen des Auseinanderlebens. Zu Taufe und Eucharistie hat die Lima-Erklärung von 1982 eine Wiederentdeckung verschütteter Gemeinsamkeiten gezeigt. Wo es sich spießt? Beim Amtsverständnis. Vor allem: beim Petrusamt. Christus aber ging es zuerst um Menschen, nicht um Ämter. Amtsverständnis ist - wandelbar. Der Papst wird kommen, der dies auch über sein Amt sagen wird. Gott wird, wenn es bestimmt ist, die Stunde auch dafür reifen lassen.

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