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Wer zweifelt an Rahners Rechtgläubigkeit?

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Der Jesuit Karl Rahner (1904 bis 1984), jüngst heftig kritisiert, hat wie kaum ein anderer die Theologie dieses Jahrhunderts geprägt. Als Konzilstheologe - Berater von Kardinal Franz König - hat er auch das Konzil maßgeblich beeinflußt.

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Der Jesuit Karl Rahner (1904 bis 1984), jüngst heftig kritisiert, hat wie kaum ein anderer die Theologie dieses Jahrhunderts geprägt. Als Konzilstheologe - Berater von Kardinal Franz König - hat er auch das Konzil maßgeblich beeinflußt.

In der Oktobernummer 1992 der Zeitschrift „30 Tage", des Blattes der von Italien ausgehenden Bewegung „Comunione e Liberazione" erschien unter dem Titel „Der teutonische Irrtum" ein Gespräch von Guido Horst mit Theobald Beer und Alma von Stockhausen, in dem Karl Rahner auf diffamierende Weise kritisiert wird. Er wird Luther, Hegel und den Freimaurern gleichgestellt, und die Rechtgläubigkeit wird ihm abgesprochen. Er wird eine „Spätgeburt des deutschen Idealismus" und „ein theologischer Nachfahre Hegels" genannt, bei dem „von einem persönlichen Gott überhaupt nicht die Rede ist".

Ich konnte bei Karl Rahner in Innsbruck studieren und habe ihn immer als beispielhaften Christen, Priester und Theologen erlebt und geschätzt. Ich verdanke ihm viel für meinen Zugang zum Glauben. Dennoch stehe ich seiner Theologie auch kritisch gegenüber. Gerade deshalb möchte ich mich hier zu Wort melden und die in dem genannten Interview erhobenen Vorwürfe als in wesentlichen Punkten unrichtig, als ungerecht (weil mit verschiedenen Maßstäben messend) und auf jeden Fall als gegen die Liebe verstoßend zurückweisen. Außerdem stimmt es nicht, daß eine „grundlegende Kritik an dem fast unüberschaubaren Werk Rahners an deutschsprachigen Universitäten so gut wie untersagt ist". Ich habe an seiner Fakultät mit einer Rahnerkritik dissertiert und mich mit einem Versuch eines neuen Ansatzes der Theologie, der sich wesentlich von dem Rahners unterscheidet, habilitiert.

Theobald Beer kritisiert an Luther und Rahner, „daß sie ihre eigenen Verständnisvoraussetzungen mitbringen". Als ob es jemanden gäbe, der das nicht tut! Jeder hört die Botschaft Jesu Christi mit seinen Voraussetzungen. Wer sich dessen nicht bewußt ist und sich darüber keine Gedanken macht, ist am ehesten in Gefahr, die Offenbarung mißzuverste-hen. Karl Rahner hat das große Verdienst, die Frage nach den Verste-hensvoraussetzungen der Offenbarung im „Hörer des Wortes" neu und mit aller Schärfe gestellt zu haben, um der Religionskritik Rede und Antwort stehen und Rechenschaft über den Glauben (vergleiche 1 Petr 3,15) geben zu können. Hinter dieses Anliegen Rahners kann die Theologie nicht mehr zurück, wenn sie den Menschen nicht einen blinden Glauben zumuten will, wo es (mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer) „dann heißt: ,friß, Vogel, oder stirb'".

Eine ganz andere Frage ist es, ob Rahner in der Durchführung dieses berechtigten Anliegens - in bester Absicht! - nicht unrichtige Voraussetzungen angenommen hat, welche dann Konsequenzen haben, die er nicht gewollt hat und die den Glauben gefährden. Sosehr sich Rahner - entgegen den oben angeführten Unterstellungen - von Hegel unterscheidet und gerade nicht pantheistisch dachte, sondern an einen persönlichen Gott glaubte und zu ihm betete, hat er doch in einem wichtigen Punkt eine Anleihe bei Hegel gemacht, die ein wenig verstehen läßt, wieso es zu einer so maßlos übertriebenen Polemik kommen konnte. Rahner geht wie Hegel davon aus, daß der menschliche Geist einen unendlichen Horizont hat, auf Grund dessen er immer schon um das Unendliche und damit um Gott weiß und der - im Unterschied zu Hegel: geschenkten, gnadenhaften! - Vergöttlichung fähig ist. Und Rahner verwendet dafür dasselbe Argument wie Hegel: Jeder, der eine Grenze seines Horizonts auch nur vermutet, hat sie bereits überstiegen.

Es ist hier nicht der Ort, ausführlich auf die Unnahbarkeit dieses Arguments und der diesem zugrundeliegenden idealistischen Gleichsetzung von Denken und Sein einzugehen (vergleiche dazu P. Weß, Wie von Gott sprechen? Eine Auseinandersetzung mit Karl Rahner. Graz 1970). Es sollen vielmehr die problematischen Folgen aufgezeigt werden, die mit dieser Auffassung von den Voraussetzungen des Glaubens verbunden sind: Eine Wirklichkeit, die meinem Horizont entspricht, werde ich nicht als über mir stehend anbeten, auch wenn ich ihr mein Dasein verdanke.

Rahner hat diese Konsequenz nicht gewollt und sich ausdrücklich zur Anbetung bekannt. Aber wenn „Gott nicht nur ,über uns', ... sondern als unsere eigene Zukunft ,vor uns' ist als das Einzuholende" (Schriften zur Theologie 8, 278), dann ist der Anbetung letztlich das Fundament entzogen. Was ich einholen kann und soll, steht nicht wirklich und für immer über mir. So kommt es bei Rahner zu einer Einebnung von Gottes- und Nächstenliebe, die Hans Urs von Balthasar mit Recht kritisierte. Deshalb werden die Radikalität der Endlichkeit des Menschen und damit der Daseinsangst, das Wesen der Sünde als des „Wie-Gott-sein-Wol-lens" des Geschöpfs, die Dramatik der Glaubensentscheidung und die Notwendigkeit der Umkehr nicht deutlich genug gesehen. Die geschichtliche Offenbarung in Jesus Christus dient der reflexen Bewußtwerdung des Glaubens, der den Menschen als „anonymen Christen", wie sie Rahner bezeichnet, auf Grund ihres unendlichen Horizonts und ihrer übernatürlichen Bestimmung auch ohne Begegnung mit Jesus Christus unreflektiert möglich ist (auch hier hatte Rahner die beste Absicht, nämlich einen Heilszugang für die vielen Menschen aufzuzeigen, die der Offenbarung nicht begegnen oder denen sie nicht glaubwürdig vermittelt wird).

So ist also in der Theologie Rahners die Transzendenz Gottes im Sinn eines für uns Menschen unerreichbaren Grö-

ßer-Seins nicht voll gewahrt. Er wußte selbst auch um die große Gefahr, „ aus dieser Lehre noch einmal eine sublime Gnosis zu machen, in der der Mensch sich nochmals mit Gott verwechselt" (Schriften zur Theologie 12, 300). Er hat sicher nicht den Menschen mit Gott verwechselt. Er hat den „radikalen Horizontalismus", der das Christentum auf Nächstenliebe oder gesellschaftspolitisches Engagement beschränkt, als Häresie und Aposta-sie bezeichnet (Schriften zur Theologie 10,547f.).

Schon vor Rahner

Wenn wir kritisierten, daß er dennoch letztlich den seinsmäßigen Unterschied zwischen Gott und Mensch einebnet (was der Sache nach auf einen, Jforizontalismus" im weiteren Sinn hinausläuft), dann müssen wir aber gerecht sein und gleich dazusagen, daß Rahner sich mit Recht auf Aussagen der theologischen Tradition berufen konnte. Schon Athanasius schreibt: „Gott ist Mensch geworden, damit wir Götter werden." Und bei Thomas von Aquin heißt es: „Die vernünftige Kreatur ist Gottes fähig." Wer also Rahner kritisiert, muß diesen aus der griechischen Philosophie -nicht aus der Bibel -stammenden Traditionsstrom auch kritisieren und radikal zum biblischen Denken zurückkehren, nach dem der Mensch Gott weder beweisen noch - im Sinn Rahners transzendental aufweisen kann, sondern Gott sich an der und durch die Praxis Jesu Christi erweist (vgl. P. Weß, Gemeindekirche -Ort des Glaubens. Die Praxis als Fundament und als Konsequenz der Theologie. Graz 1989). Gott ist dann der bleibend Grö-

ßere, von dessen Leben der Mensch auch in der Gnadenordnung, in der Gott selbst sich ihm mitteilt, nur einen begrenzten An-Teil erhalten kann.

Im Gegensatz zu der Behauptung von Beer und von v. Stockhausen „Christus ist ja nur Mensch bei Rahner" (Seite 66) hat Rahner die Gottheit Christi im Sinn des Dogmas nie in Frage gestellt. Er hat vielmehr gegen die übliche Vermischung von Gott und Mensch in Jesus Christus gekämpft, die eine Irrlehre ist und den Menschen den Zugang zu einem Jesus, dem man nachfolgen kann, unmöglich macht. Dieser sogenannte Monophysitismus (eine „physis" = Natur in Jesus Christus) ist aber der Sache nach so weit verbreitet, daß jeder, der gegen ihn auftritt, selbst in den Verdacht der Häresie gerät. Dies geschah auch Rahner, als er auf der Synode von Würzburg klarstellte, daß Jesus - dieser Name gilt eben direkt für die menschliche Natur Christi -nicht Gott „ist" im Sinn einer Realidentität, sondern mit Gott „ungetrennt und unvermischt" verbunden ist, wie es im Dogma heißt.

Diese von Rahner zu Recht bekämpfte Vermischung von Gott und Mensch in Jesus Christus ist auch eine Hauptursache für die ebenso weit verbreitete Zwei- beziehungsweise Dreigötterlehre (Tritheismus) im landläufigen Verständnis des christlichen Glaubens an die Dreifaltigkeit Gottes. Wenn Jesus Christus zu Gott als seinem Vater betet, dann bedeutet das für die meisten Christen, daß ein zweites göttliches Wesen zum ersten betet. Karl Rahner will mit vollem Recht „eine vom Vater unterschiedene Personhaftigkeit des Sohnes und des Geistes" (Seite 62) im heutigen Sinn des Begriffs „Person" in der göttlichen Dreifaltigkeit „nicht gelten lassen" (ebenda), was ihm aber in dem Interview zum Vorwurf gemacht wird. Auch hier müssen sich die Kritiker der Frage stellen, ob sie nicht selbst der Sache nach einen theologischen Irrtum vertreten. Denn eine Person im heutigen Sinn dieses Wortes hat ein eigenes Selbstbewußtsein und eine eigene Freiheit. Deshalb würde es sich bei einem Gott-Sohn mit einer so verstandenen eigenen Personhaftigkeit um einen zweiten Gott handeln (was uns die Juden und die Muslime mit Recht vorwerfen könnten). Wenn dann der Heilige Geist als eigene Person im selben Sinn verstanden wird, werden aus der Dreifaltigkeit sogar drei göttliche Wesen.

Es soll allerdings nicht übersehen werden, daß bei Rahner dabei die Gefahr der anderen Einseitigkeit besteht, die Dreifaltigkeit auf das dreifache Wirken Gottes nach außen (Schöpfung, Erlösung, Gemeinschaft der Gläubigen) zu beschränken. Das hängt mit einer anderen ungenügenden Verständnisvoraussetzung seiner Theologie zusammen: Rahner versteht -ebenfalls im Licht der griechischen Philosophie - den Geist als solchen nur als Beisichsein, als reine Identität, nicht gleich ursprünglich als Mitsein oder Beziehung. Deshalb fehlt ihm der Zugang zu der christlichen „Revolution des Weltbildes" (J. Ratzinger) oder „Revolution im Seinsverständnis" (W. Kasper), nach der Gott und damit als sein Abbild auch die Schöpfung und in ihr der Mensch Beziehung sind. In Gott gibt es keinen eigenen Vater und eigenen Sohn, aber Gott ist Vater/Mutter-Sein (schenkende Liebe) und Sohn/Tochter-Sein (empfangende Liebe). Der Heilige Geist kann als die innergöttliche Liebe in ihrer dritten Grundform verstanden werden: als Bruder/Schwester-Sein (teilende Liebe). Diese dreifache Liebe in Gott ist die Voraussetzung seines Wirkens in der Heilsgeschichte.

So kann man zwar nicht vor Rahner zurückgehen, muß aber - ihn und seine Quellen in der Tradition teilweise korrigierend - über ihn hinausdenken. Dabei sollen aber die Wahrheit und die Liebe gewahrt bleiben.

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