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Wie unterscheidet man die Geister ?

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Wenn „Erlöse uns von dem Bösen“ gebetet wird, ist nicht nur Besessenheit gemeint. Viel häufiger gibt es Bedrängnis, massive Versuchung, Fesseln aus Sünden und Schicksalen.

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Wenn „Erlöse uns von dem Bösen“ gebetet wird, ist nicht nur Besessenheit gemeint. Viel häufiger gibt es Bedrängnis, massive Versuchung, Fesseln aus Sünden und Schicksalen.

Warum werden Männer der Kirche belächelt oder angegriffen, wenn sie von der Existenz des Teufels sprechen? Warum gibt es Aufregung, wenn Priester als Exorzisten beauftragt werden? Warum gibt es so viele Einwände, wenn jemand von der Notwendigkeit der „Befreiung vom Bösen“ spricht? Warum ist das Thema „Teufel“ ein Tabu in der Pastoraltheologie?

Was ist, wenn es den Teufel wirklich gibt? Wie soll der Priester dem Widersacher Gottes entgegentreten? Welche Orientierung brauchen Christen angesichts dieser Wirklichkeit? Da sind Priester oft hilflos.

Es gibt eine Menge äußerst fragwürdiger Theologien und Praktiken aus der fundamentalistischen Ecke. Es gibt auch den Schock von Klingenberg (Todesfall in Verbindung mit einem „Exorzismus“) auf Grund von viel Naivität und Hilflosigkeit, die damals zutage getreten ist.

Es gibt Menschen, die mit dem Teufel experimentieren und dabei interessante und ihrer Meinung nach gute Erfahrungen machen. Sie können in mancher Hinsicht „Hilfe“ finden, die sie bei Gott nicht gefunden haben. Es kommt vor, daß Schüler einen Pakt mit dem Teufel schließen und dann Prüfungen bestens bestehen. Uneingeweihte werden von solchen „Experimenten“ selten etwas erfahren; diese werden mit einer Mauer des Schweigens umgeben.

Es gibt Menschen, die aus negativen Lebenserfahrungen, furchtbaren Schicksalen, vielleicht gepaart mit eigener schwerer Schuld, einen positiven Lebensweg einfach nicht finden, ja sogar den Eindruck haben, ihnen sei die Tür zu Gott verschlossen. Aus innerer Bitterkeit, Verzweiflung und Auflehnung machen manche dann bewußt den Schritt zum Bösen. Sie verschreiben sich mit ihrem Blut dem Teufel oder besuchen Versammlungen, wo Menschen sich in einem persönlichen Bekenntnis und entsprechenden Riten mit Leib und Seele dem Teufel überantworten.

An diese Menschen werden wir Priester schwer herankommen; sie weichen aus. Wir machen es uns aber zu einfach, wenn wir sagen: da ist nichts zu machen. Wir machen es uns auch zu einfach, wenn wir ihnen gut zureden und Ratschläge geben. Wir werden merken, daß diese Menschen nicht frei sind, daß sie „gefesselt“ sind. Wie hier helfen? Die Frage darf wohl gestellt werden.

Es gibt Menschen, die eine schwere Schuld auf sich geladen haben oder brutal verführt worden sind und dann von den Nachwirkungen nicht loskommen. Sie beichten die Sünde immer wieder, bleiben aber bedrückt, gebunden an die Erinnerung, leiden Jahre und Jahrzehnte furchtbar, weil sie nicht frei werden für Gott Sie haben wohl Vergebung empfangen. Aber irgendwo sind sie wie tot, können nicht leben, werden depressiv, Selbstmordgedanken und Selbstzerstörungstendenzen tauchen auf. Dies kann nach einer Abtreibung sein, nach einer Vergewaltigung, nach Ehebruch, nach Drogeneinnahme, wenn Eltern ein Kind verwünschen oder verfluchen — um nur einige Beispiele zu nennen.

Hier braucht es menschliche, vielleicht auch medizinische und psychotherapeutische Hilfe. Wird aber nicht auch die rettende Macht des Gekreuzigten und Auferstandenen wirksam werden müssen? Ist es uns Priestern gegeben, in seiner Vollmacht zu beten? (Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht von „Exorzismus“ sprechen.)

In dem verbreiteten religiösen Vakuum unserer Tage und auf Grund der fehlenden orientierenden Kraft der Kirche gibt es auch das Phänomen eines praktischen religiösen Synkretismus. Auf jede Weise wird von vielen religiöse Erfahrung gesucht, um dadurch Selbsterlösung ohne Umkehr zum dreifaltigen Gott zu finden. Christen gehen zur Messe und zur Kommunion und probieren daneben asiatische religiöse Praktiken. Sie unterwerfen sich einem Guru, lassen sich zugleich von einem Yogi „einweihen“, lesen kunterbunt esoterische Literatur, probieren es auch mit Astrologie, Geistheilern und weißer Magie.

Sie verfallen ihren eigenen Erfahrungen, verlieren die Beziehung zum transzendenten Gott, benützen ihn fürihre religiöse Selbsterfahrung, deuten die Bibel und Christus um. Sie werden nicht selten depressiv, verdecken ihre Lebensproblematik, die der Erlösung durch Christus bedarf, und versinken in ungeprüften religiösen Erlebnissen, wie man in einem Schlamm versinkt.

Erst die Hinführung zu den klaren Worten des Taufversprechens und zur Annahme des ganzen Glaubensbekenntnisses löst einen inneren Kampf aus. Das Rituale Romanum „Die Feier der Eingliederung Erwachsener in die Kirche“ sieht zur Vorbereitung auf Taufe und Tauferneuerung „Gebete um Befreiung“ vor. Es gibt Behinderungen auf dem Weg zu Gott, die der Mensch aus eigenem nicht lösen kann.

Wir Priester müssen in unserer Pastoral mit der Wirklichkeit des Widersachers Gottes rechnen. Zuerst aber müssen wir uns hüten vor einer gewissen Faszination, die der Böse ausübt, und vor einer übertriebenen Beschäftigung mit ihm. Von Gott haben wir Zeugnis zu geben und nicht vom Teufel. Das Evangelium müssen wir verkünden, und nicht die Schrecken der Hölle ausmalen. Auch angesichts schlimmer Dinge dürfen wir nicht sagen, daß Menschen des Teufels sind; sie gehören Gott und sollen den Weg zu ihm finden. Man kann Menschen böse Einflüsse auch einreden.

Do die ganze Kirche und der einzelne ständig unter dem Einfluß widergöttlicher Mächte stehen, ist das „Gebet um Befreiung“ eine wichtige Hilfe im geistlichen Leben. ,JDas Ge bet um B efreiung“ wendet sich wie jedes Gebet an Gott. Die Schlußbitte des Vaterunsers, ,J£rlöse uns von dem Bösen“, ist das Gebet um Befreiung schlechthin. Es ist allen zugänglich und gehört zu unserem geist-UchenErbe.In bestimmten Situationen ist es hilfreich, zu beten: „Erlöse mich vom Bösen.“ (Weihbischof Florian Kuntner, Geistliche Gemeindeerneuerung Nr. 189.)

Es gibt in der geistlichen Tradition der Kirche die Lehre von der „Unterscheidung der Geister“. Niemand kann Exerzitien geben, andere auf den Weg zu Gott führen, ohne diese Orientierungen. Es gibt das Charisma der Unterscheidung der Geister, ein Pfingstgeschenk Gottes an die Kirche und an einzelne. Priester sollten um dieses Charisma bitten.

Niemand möge sich in der Pastoral auf das Gebiet der Befreiung vom Bösen begeben, der nicht dazu geführt und berufen ist und sich Gott zu eigen gegeben hat. Niemand möge es allein tun. Es gibt nicht nur Besessenheit. Viel häufiger gibt es Bedrängnis, massive Versuchung und Behinderung, Täuschung, Fesseln aus Sünden und Schicksalen. Die Anweisungen der Kirche zeigen auf diesem Gebiet seit alters her eine große Vorsicht und Erfahrung. Heute werden sie vielfach nicht verstanden, entmythologisiert, in den Bereich des Aberglaubens verwiesen. Psychologie und Medizin haben uns sicher differenziertere Beurteilung vieler Phänomene geschenkt und auch manches Instrumentarium geliefert, Menschen zu helfen. Daher ist auf diesem Gebiet interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team nötig.

Die Kirche hat aber dabei unverzichtbare Erfahrungen, Offenbarung, Sendung und Vollmacht. Die rettende Kraft des Kreuzestodes und der Auferstehung Christi soll durch Sakrament und Fürbitte in Vollmacht den Geschlagenen, Bedrückten, Gefangenen, Bedrängten zuteil werden. Sie sollen aus „Gräbern“ auferstehen. Eine naive aufgeklärte Pastoral hat in den letzten Jahrzehnten wohl viele gute Gedanken, Konzepte und Papiere produziert; viele im Tiefsten behinderte Menschen aber ihrem Leiden überlassen.

Der Autor ist Pfarrer von Hernais in Wien. Literatur:

Rituale Romanum „Die Feier der Eingliederung Erwachsener in die Kirche“, Studienausgabe, Benziger-Herder.

Kardinal Suenens, Erneuerung und die Mächte der Finsternis, Otto Müller Verlag, Salzburg.

Weihbischof Kuntner, Geistliche Gemeindeerneuerung/Grundentscheidung — Sakramente—Charismen, erschienen in Zeitschrift „Erneuerung in Kirche und Gesellschaft“, Verlag Erneuerung Paderborn. Nr. 22/1985.

Karl Guido Rey, „Neuer Mensch auf schwachen Füßen“, Köselverlag, S. 89-98.

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