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Keine Kommunion für Kerry

Mit 62 Millionen Gläubigen stellen die Katholiken in den USA weitaus die größte Einzelkonfession dar. Trotz der Missbrauchsaffären ist die katholische Kirche in Washington ein einflussreicher Lobbyist.

Traditionsgemäß wählen Katholiken in den USA die Demokraten. Lange Zeit galten sie sogar als deren sicherste Wählerklientel. Heute zählen jedoch sie zur immer größer werdenden Gruppe von Wechselwählern. Nach wie vor jedoch gelten die Demokraten als die Garanten für soziale Gerechtigkeit und Sicherheit: Unvorstellbare 40 Prozent aller US-Amerikaner stehen ohne Sozialversicherung da. Von Senator John Kerry versprechen sich (nicht nur) viele Katholiken vor allem Verbesserungen in der Gesundheitspolitik. Die sehr lebhaft debattierte "Pro life"-Thematik - Abtreibung, Euthanasie, Stammzellforschung, Todesstrafe - erschwert es freilich vielen Katholiken, sich für Kerry zu erwärmen.

Sollte Kerry die Wahlen Anfang November für sich entscheiden können, wäre er nach John F. Kennedy erst der zweite katholische Präsident. Immer noch stehen Katholiken unter einer Art Generalverdacht. Mehr als andere müssen sie betonen, dass ihnen amerikanische Interessen wichtiger sind als irgendetwas anderes.

Aus dem Glauben wählen

Der "Glaubensfaktor" dürfte bei den kommenden Wahlen, wie das Time Magazine im Juni in einer Titelgeschichte hervorhob ("Faith, God & The Oval Office"), für viele Wähler eine Rolle spielen. Bush hat wiederholt betont, ein Land, das von Pilgern gegründet wurde, könne seine Politik nicht ohne Glauben gestalten. Kirche und Staat mögen verfassungsgemäß getrennt sein. Glaube und Politik sind es nicht.

In konkreten Entscheidungen mögen Politiker wie Wähler also durchaus von ihrem Glauben motiviert sein. Aber das heißt noch nicht, dass sie das in dieselbe Richtung führt. Abtreibung, Homosexuellenehe, Schulgebet sind nur einige der Themen, welche die Gemüter quer durch die Parteien und Konfessionen erregen. Koalitionen bilden sich quer durch die Parteien: Liberale Katholiken verbünden sich mit liberalen Protestanten und Juden, um gegen konservative Katholiken, evangelikale Fundamentalisten und orthodoxe Juden Front zu machen.

Die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten laboriert nach wie vor an der Aufarbeitung der im Jahr 2002 explosionsartig publik gewordenen Missbrauchsskandale. Der schwarze Präsident der Bischofskonferenz, Wilton D. Gregory, wird für sein Krisenmanagement von der Öffentlichkeit allgemein geschätzt. Doch viele Bischöfe verübeln ihm seinen offensiven Umgang mit den Medien. Reale Macht besitzt er keine.

In der "Pro life"-Thematik stehen die Bischöfe uneinheitlich da: Einige haben öffentlich erklärt, sie würden Kerry, der für die freie Wahl auf Abtreibung (pro choice) eintritt, die Kommunion verweigern oder sogar exkommunizieren. Richard P. McBrien, Theologieprofessor an der Notre Dame University (Indiana), nennt es ein durchsichtiges Manöver, wenn der Erzbischof von St. Louis oder der Bischof von Colorado Springs sich exponieren: Raymond Burke von St. Louis wolle unbedingt Kardinal werden, Michael Sheridan von Colorado Springs wäre liebend gern Erzbischof. "Welchen besseren Weg dahin", so McBrien, "gibt es, als dadurch auf sich aufmerksam zu machen, dass man Politikern und Wählern die Kommunion verweigert, die sich für die Abtreibung aussprechen! Damit punkten sie in Rom."

Katholisch und amerikanisch

Nach einer Anfang Juni von Time in Auftrag gegebenen Telefonumfrage wünschen sich 70 Prozent der Befragten, dass die katholische Kirche keinen Einfluss auf das Wahlverhalten ihrer Mitglieder nehmen sollte. 73 Prozent halten eine Kommunionverweigerung für Kerry für unangebracht. Ganze 83 Prozent sagen, die Kritik eines amerikanischen Erzbischofs an Kerrys Position in der Abtreibungsfrage beeinflusse ihr Stimmverhalten nicht.

In den öffentlichen Symbolen unterscheiden sich katholische Kirche und die "amerikanische Nation" gar nicht so sehr: Nicht nur die Dramaturgie der Partei-Konvente, die in Boston und New York die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten kürten, gleicht einer Liturgie. Auch die Inaugurationsfeier für den Präsidenten Ende Jänner wird in Pomp und zeremonieller Bedeutung nur knapp hinter der Papstinthronisierung rangieren. Wie in Rom die Hauptverwaltung des katholischen Credos, so sitzt in Washington die Hauptverwaltung des "American Creed."

Zur Lage

Drew Christiansen, Jesuit und Sozialethiker, ist stv. Chefredakteur des von den Jesuiten herausgegeben Wochenmagazins America und Berater der Bischofskonferenz: Ein Gespräch zur Lage der USKatholiken vor den Wahlen.

Die Furche: Gibt es in den USA Vorbehalte gegen Katholiken?

Drew Christiansen: Die Versuche einiger Bischöfe, John Kerry und andere Politiker, die sich für die freie Wahl auf Abtreibung aussprechen, mit Sanktionen zu belegen, hat alte Verdächtigungen wachgerufen: Katholische Politiker würden ihre Politik von der Hierarchie diktiert bekommen. Aber die antikatholischen Ressentiments, die im Bible Belt - im Süden des Landes, wo es starke Gruppen fundamentalistischer Christen gibt - immer am massivsten waren, sind viel schwächer als 1960 bei der Wahl von Kennedy oder 1928 im Wahlkampf von Alfred Smith, dem ersten katholischen Präsidentschaftskandidaten.

Die Furche: Präsident Bush sagte in einer Wahlkampfrede, Gott stünde auf der Seite Amerikas. Kerry meinte dazu: "Ich wage nicht zu sagen: Gott ist auf unserer Seite, aber ich hoffe, dass wir sagen können, wir stehen auf der Seite Gottes." Welche Gottesbilder kommen da zum Ausdruck?

Christiansen: Bush spricht damit einen bestimmten Typus von religiösem Nationalismus an, um sich bei evangelikalen Gemeinden beliebt zu machen. Kerrys Position repräsentiert das klassische christliche Verständnis von der "Souveränität Gottes".

Die Furche: Einige Bischöfe haben angekündigt, Kerrys Befürwortung der Abtreibung sei ein Grund, ihm die Kommunion zu verweigern.

Christiansen: Kirchenrechtler debattieren, ob es Bischöfen zu-steht, Politiker für ihre politischen Ansichten ohne vorheriges ordnungsgemäßes Verfahren zu exkommunizieren. In ihren jeweiligen Diözesen können Bischöfe solche Restriktionen durchaus auferlegen. Trotzdem hält die große Mehrheit der Bischöfe nichts davon. Zweifellos kann man jedoch nicht leugnen, dass viele Bischöfe enttäuscht darüber sind, dass Politiker, besonders Demokraten, bei so gut wie allen Fragen, die das Leben betreffen - wie Abtreibung, Euthanasie, Klonen oder Stammzellforschung -, von den kirchlichen Standpunkten abgerückt sind. Die Demokraten haben eine liberale Abtreibungspolitik geschaffen. Die republikanischen Grundpositionen wiederum stehen in Spannung zur katholischen Lehre von Krieg und Frieden, Todesstrafe, sozialer Wohlfahrt und wirtschaftlicher Gerechtigkeit.

Bischöfe als Lobbyisten

Die Furche: Wie einheitlich steht die Bischofskonferenz da?

Christiansen: Die Kontroverse über die Kommunionverweigerung für Pro-choice-Befürworter zeigt, dass die Bischöfe zur Zeit alles andere als eine harmonische Einheit sind. Kein einziger Bischof hat sich bisher als informeller Führer der Bischöfe hervorgetan. Der Präsident der Bischofskonferenz, Bischof Wilton D. Gregory, wird zwar für sein Krisenmanagement bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bewundert. Aber der Skandal selber hat verhindert, dass er eine herausragende Führungsposition hätte einnehmen können. Eine Integrations- oder Konsensgestalt vom Format eines Kardinal Joseph Bernardin von Chicago ( 1996) zeichnet sich bisher noch nicht ab. Kardinal Theodore McCarrick, der Erzbischof von Washington, hat während der gesamten Krise herausragende Führungsqualitäten bewiesen. Er hat politisches Geschick gezeigt und wird auch auf der internationalen Bühne sehr geachtet.

Die Furche: In den achtziger Jahren waren die US-Bischöfe mit zwei auch in Europa beachteten Hirtenbriefen über Abrüstung und Wirtschaft in der politischen Diskussion präsent. Heute scheint die Kirche nur noch mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigt zu sein. Hat sie noch moralische Autorität?

Christiansen: Die Hirtenbriefe über Frieden von 1983 und über wirtschaftliche Gerechtigkeit von 1986 markieren Höhepunkte. Sie haben einen Standard für eine bestimmte Art bischöflicher Autorität gesetzt. Das lässt sich schwer wiederholen. Sie wurden als offener Prozess wahrgenommen, der einigen zu demokratisch war und die apostolische Autorität der Bischöfe zu untergraben schien. Es gelang aber nicht klarzumachen, dass Offenheit und breite Beteiligung die moralische Autorität der Bischöfe bei Katholiken wie bei Nichtkatholiken erhöht haben. Die moralische Autorität der Bischöfe wird nach den Missbrauchsaffären in gewisser Weise auf Jahre hinaus geschwächt bleiben. Aber verlorengegangen ist sie nicht, da wird maßlos übertrieben.

Das internationale Engagement der US-Bischofskonferenz ist beachtlich. Ich behaupte selbst für die nationale Ebene, dass sie in Washington nach wie vor die effizienteste religiöse Lobby darstellt. Sie hat beim internationalen Schuldennachlass sowohl unter der Regierung Bush wie auch zur Zeit der Clinton-Regierung einen beachtlichen Beitrag eingebracht. Sie setzte sich maßgeblich dafür ein, dass der Millennium Challenge Account, das Bush-Programm für Entwicklungshilfe für arme Länder, überhaupt in den Kongress kommt und dann auch finanziert wird. Sie hat zum Verbot von Spätabtreibungen und zum Schutz ungeborenen Lebens gegen Gewalt beigetragen. Außerdem ist sie vor dem Obersten Gerichtshof gegen den Vollzug der Todesstrafe für geistig abnorme Straftäter aufgetreten. In der Innenpolitik hat der konservativ dominierte Kongress sozial-ökonomische Themen blockiert. Dieser Widerstand hat mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit der Bischöfe nichts zu tun. Er macht eher Unterschiede in der Bewertung mit einem republikanisch dominierten Kongress deutlich. Trotzdem hat die Bischofskonferenz bewirkt, dass illegale Ausländer Essensmarken erhalten. Es gab auch Steuerrückzahlungen für Kinder aus besonders mittellosen Familien.

Die Furche: Würde sich ein katholischer US-Präsident wie John Kerry mit dem Papst besser verstehen?

Christiansen: Kerry dürfte mit seiner Betonung auf dem Multilateralismus und seiner Sensibilität für fremde Kulturen mit den Positionen des Papstes leichter zurechtkommen. Beim Thema Irak-Krieg unterscheidet er sich aber nur unwesentlich von Bush. Eine Regierung Kerry geriete mit dem Vatikan wegen der Abtreibungsproblematik und der Stammzellforschung in Konflikt. Mit einer weiteren Regierung Bush gäbe es Spannungen wegen des Kriegs und der Todesstrafe.

Der Autor ist österreichischer Jesuit und lebt zur Zeit in den USA.

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