Bernd Hagenkord - Der deutsche Jesuit (Jahrgang 1968) leitet seit Oktober 2009 die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan. - © Kathbild / Rupprecht

Bernd Hagenkord: "Häresie-Kanone ist eine ANMASSUNG" gegenüber Papst Franziskus

1945 1960 1980 2000 2020

Ultrakonservative werfen dem Papst „Häresien“ vor. Im Vatikan kursieren Reformlust und Reformangst. Bernd Hagenkord erläutert die Vorgänge.

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Ultrakonservative werfen dem Papst „Häresien“ vor. Im Vatikan kursieren Reformlust und Reformangst. Bernd Hagenkord erläutert die Vorgänge.

Der auch in Österreich bekannte Jesuitenpater Bernd Hagenkord ist tot. Der deutsche Journalist und Ordensmann starb an den Folgen einer Krebserkrankung im Alter von 52 Jahren in München, wie seine Gemeinschaft mitteilte. (Anm. d. Red. vom 26.7.2021)

Papst Franziskus will den Vatikan fit fürs 21. Jahrhundert machen, meint Bernd Hagenkord, der Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan. Ein Gespräch über Reform und Konflikte an der Spitze der katholischen Kirche.

DIE FURCHE: Vor einigen Tagen haben konservative Kritiker Papst Franziskus eine "Correctio filialis", eine "kindliche Zurechtweisung" zukommen lassen, in der sie ihn auffordern, sich öffentlich von "Häresien" loszusagen, die im Papstschreiben "Amoris laetitia" zur Kommunion von wiederverheirateten Geschiedenen oder in der Anbiederung des Papstes an Martin Luther zu finden seien. Das ist denn doch starker Tobak - auch die "New York Times" nahm das auf. Wie beurteilen Sie die Relevanz dieser Kritik?
Bernd Hagenkord:
Letztlich hat das kaum eine Bedeutung. Unter den Unterzeichnern sind auch keine großen Namen. Ich finde das Ganze ziemlich absurd und anmaßend. Und mit der Kanone "Häresie" zu hantieren, da müsste man gleich viele Theologinnen und Theologen - inklusive dem Wiener Erzbischof - mit unter Häresieverdacht stellen. Man kann sich kritisch mit diesen Fragen auseinandersetzen, das ist auch gut so. Aber mit der Häresie-Kanone haben sich die Unterzeichner selber ins Abseits geschossen.

Der auch in Österreich bekannte Jesuitenpater Bernd Hagenkord ist tot. Der deutsche Journalist und Ordensmann starb an den Folgen einer Krebserkrankung im Alter von 52 Jahren in München, wie seine Gemeinschaft mitteilte. (Anm. d. Red. vom 26.7.2021)

Papst Franziskus will den Vatikan fit fürs 21. Jahrhundert machen, meint Bernd Hagenkord, der Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan. Ein Gespräch über Reform und Konflikte an der Spitze der katholischen Kirche.

DIE FURCHE: Vor einigen Tagen haben konservative Kritiker Papst Franziskus eine "Correctio filialis", eine "kindliche Zurechtweisung" zukommen lassen, in der sie ihn auffordern, sich öffentlich von "Häresien" loszusagen, die im Papstschreiben "Amoris laetitia" zur Kommunion von wiederverheirateten Geschiedenen oder in der Anbiederung des Papstes an Martin Luther zu finden seien. Das ist denn doch starker Tobak - auch die "New York Times" nahm das auf. Wie beurteilen Sie die Relevanz dieser Kritik?
Bernd Hagenkord:
Letztlich hat das kaum eine Bedeutung. Unter den Unterzeichnern sind auch keine großen Namen. Ich finde das Ganze ziemlich absurd und anmaßend. Und mit der Kanone "Häresie" zu hantieren, da müsste man gleich viele Theologinnen und Theologen - inklusive dem Wiener Erzbischof - mit unter Häresieverdacht stellen. Man kann sich kritisch mit diesen Fragen auseinandersetzen, das ist auch gut so. Aber mit der Häresie-Kanone haben sich die Unterzeichner selber ins Abseits geschossen.

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DIE FURCHE: Es gab ja auch gegen Johannes Paul II. oder gegen Benedikt XVI. starke Kritik. Aber niemand warf ihnen Häresie vor ...
Hagenkord:
... oder drohte mit einem Schisma. Man darf in den konkreten Fällen aber schon ein wenig tiefer stapeln und schauen, dass diese Auseinandersetzung normal bleibt. Auf der Seite derer, die das machen, ist sicher ehrliche Sorge dabei, aber ich halte die Kritik für völlig verfehlt: Sie steht für eine Religion, die nicht im Einklang mit dem ist, wofür der Papst eintritt, nämlich, was Glaube und Christentum heute sein können.

DIE FURCHE: Löst Franziskus größeren Widerspruch aus als die Pontifikate zuvor?
Hagenkord:
Er löst anderen Widerspruch aus. Gerade aus den deutschsprachigen Ländern hat es seit ungefähr 1000 Jahren immer Widerspruch gegeben, seit dem Investiturstreit haben wir da eine ordentliche Tradition. Die Themen sind andere, bei Johannes Paul II. ging es um Moralfragen und auch seine Art und Weise, Papst zu sein. Unter Benedikt gab es auch die Skandale, die sich im Vatikan selber abgespielt haben. Und bei Franziskus ist es jetzt sein Versuch, den Vatikan ins 21. Jahrhundert zu hieven. Das mögen einige nicht, weil sie dann die Definitionshoheit über das, was katholisch ist, abgeben müssten. Es steckt dahinter also eine Machtfrage. Ob die Kritik stärker geworden ist, weiß ich nicht, sie ist lauter geworden. Das liegt sicher auch daran, dass wir in den medialen Echokammern leben: Sobald Kritik geäußert wird, ist sie gleich in den Medien - egal, ob sie wichtig ist oder nicht.

DIE FURCHE: Das heißt also, vor dem Aufkommen der sozialen Medien hat Kritik weniger Wind gemacht als zurzeit. Die Lefebvrianer etwa haben immer schon gesagt, die nachkonziliare Kirche sei häretisch.
Hagenkord: Gerade die Lefebvrianer haben früher Woche für Woche kritische Pressemeldungen veröffentlicht, die dann auch von den kirchlichen Nachrichtenagenturen gebracht wurden. Aber seit dem Rücktritt von Benedikt XVI. hat das keinen mehr interessiert. Das heißt, das war damals eine Art und Weise, die Geschichte "Der Papst und das Konzil" anhand der Lefebvrianer zu erzählen - auch von den kirchlichen Medien.

Bernd Hagenkord - Der deutsche Jesuit (Jahrgang 1968) leitet seit Oktober 2009 die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan. - © Kathbild / Rupprecht

Bernd Hagenkord

Der deutsche Jesuit (Jahrgang 1968) leitet seit Oktober 2009 die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan.

Der deutsche Jesuit (Jahrgang 1968) leitet seit Oktober 2009 die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan.

DIE FURCHE: Kritik wie jene der "Correctio" verschwindet auch: Da fährt Franziskus nach Bologna, und die Bilder, wie er mit den "Menschen am Rand" in der dortigen Kathedrale zu Mittag isst, erzählen eine andere Geschichte und verdrängen die Kritik im Nu.
Hagenkord: Ja. Diese Correctio wird aber auch nicht das Letzte sein, was wir hören.

DIE FURCHE: Der Salzburger Theologe Gregor Hoff hat den Abgang Kardinal Müllers von der Spitze der Glaubenskongregation in der FURCHE dahingehend kommentiert: Papst Franziskus habe erkannt, dass man das Glaubensgut nicht mehr zentral verwalten kann - so wie in den letzten Jahrhunderten. Hoff meint, der Umgang mit den verkündeten Wahrheiten werde sich ändern.
Hagenkord: Aufgabe der derzeitigen kirchlichen Generation ist, die Balance zwischen Orts- und Zentralkirche neu zu definieren. Roma locuta, causa finita - so tickt die Welt heute nicht mehr. Man hat schon beim letzten Konklave gesehen: Ganz andere Kontinente als Europa geben jetzt den Ton vor. Da kann es eben sein, dass - wie auch der Papst sagt - für ein bestimmtes Problem in Europa eine andere Lösung gefunden wird als in Amazonien. Das gilt für den Glauben wie für die Pastoral. Das ist ein spannendes - und nicht nur von Franziskus vorangetriebenes - Projekt. Ohne das neu auszutarieren, wird die Kirche nicht lebensfähig bleiben.

Aufgabe der derzeitigen kirchlichen Generation ist, die Balance zwischen Orts-und Zentralkirche neu zu definieren.'Roma locuta, causa finita' - so tickt die Welt heute nicht mehr.

Bernd Hagenkord

DIE FURCHE: Erleben Sie diese Prozesse eher als chaotisch oder als geordnet?
Hagenkord: Licht und Schatten liegen da nah beieinander. Bei manchem Vorgang denkt man sich schon, es wäre gut gewesen, vorher noch einmal länger nachzudenken, aber ich bin froh, dass sich etwas bewegt. Der Papst sagt ja selber, besser eine verbeulte Kirche als gar keine. Wenn man im Vatikan arbeitet, ist es nicht immer ganz angenehm: Wir sind ja alle für die Reform - es sei denn, wir sind selber der zu Reformierende. (Lacht)

DIE FURCHE: Was tut sich konkret bei der Reform der vatikanischen Medien?
Hagenkord: Wir haben uns die letzten Jahrzehnte nicht an die Medienentwicklung angepasst. Und die neun Medienabteilungen im Vatikan haben aneinander vorbei gearbeitet. Das geht natürlich nicht. Da wurde dann entschieden, diese zusammenzulegen. Wir kleben aber nicht das, was wir haben, zusammen, sondern gründen etwas Neues. Die Art und Weise, Nachrichten zu produzieren, wird davon getrennt, wie diese an den Mann gebracht werden. Man muss also weiterdenken: Wie muss man etwas aufbereiten, dass es zwei Minuten fürs Radio werden oder dann vier Seiten fürs Internet oder Bilder für Instagram.

Und bei uns ist Multikulturalität die Herausforderung. Wir gründen einen Newsroom in sechs Sprachen - Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Deutsch. Aber es gibt ja nicht nur "ein" Englisch - da sind allein mehrere verschiedene Sprachkulturen - Australisch, US-Amerikanisch, Englisch, das Mischmasch-Englisch, das wir alle verwenden. Französisch für Afrika ist anders als Französisch für Frankreich: Wenn ich da nur einen Text schreiben kann, wie kriege ich das für beide hin. Wie mache ich das mit der Zeitverschiebung, wann schalte ich einen Text frei? Das sind einzigartige Herausforderungen.

DIE FURCHE: Wie wird man diese Veränderungen bemerken?
Hagenkord: Wir werden noch heuer unseren Namen ändern, wir arbeiten gerade an einem Rebranding, wie das auf Neudeutsch heißt. Wir wollen moderner auftreten, die Internetseiten werden dynamischer werden, wir machen mehr "Storytelling", denn das ist die Weise, wie Menschen heute Nachrichten wahrnehmen, vielleicht werden wir ein wenig "unterhaltsamer". Dabei geht es aber nicht nur um gute Nachrichten. Ich muss ja auch über die Rohingya sprechen, über die Armut usw.

Es ist nicht immer angenehm: Wir sind ja alle für die Reform, es sei denn, wir sind selber der zu Reformierende.

Bernd Hagenkord

DIE FURCHE: Mit Franziskus ist auch das erste Mal ein Papst da, von dem man das Gefühl hat, der redet so, wie er reden will.
Hagenkord: Manchmal haben wir das Gefühl: Der Mann braucht uns gar nicht. Er geht direkt zu den Leuten. Er gibt seine Interviews nicht den Vatikanmedien, sondern La Repubblica oder einem mexikanischen Bistumsradio. Franziskus kommuniziert unglaublich direkt, sehr einfach und anschlussfähig, man versteht bei seinen Predigten, was er will, manchmal geht es auch schief. Es ist aber authentisch. Und er verändert uns auch, weil er enormes Interesse generiert.

DIE FURCHE: Kann man sagen - siehe zuletzt Kolumbien, siehe demnächst Myanmar -, dass Franziskus ein politischer Papst ist?
Hagenkord: Sicher, und zwar politischer Papst im Sinn der Katholischen Soziallehre: Christ sein heißt auch, die Welt verändern zu wollen. Und Franziskus verlinkt das auch geistlich, etwa wenn er in Laudato Si sagt: Wir können nicht über Schöpfung reden, ohne nicht auch über die Armut zu reden.

DIE FURCHE: Auch eine spirituelle Botschaft?
Hagenkord: Man merkt Franziskus an, dass er ein Bibelleser, ein Beter ist. Was aus ihm kommt, hat er nicht "gelesen", sondern er hat es durchbetet und meditiert.

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