Digital In Arbeit
Feuilleton

Gefahren, wohin man schaut

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Im Temelín-Volksbegehren lebt der Mythos des Kampfes gegen Zwentendorf wieder auf. Zu Unrecht, ging es doch damals um mehr als ein Kraftwerk, nämlich um Österreichs Nein zur Atomenergie. Die von ihr ausgehenden Gefahren wurden in letzter Zeit sehr deutlich.

Nach einer Aufwärmperiode in der Adventzeit - "Fromme Wünsche allein helfen nicht" - tritt die Propaganda-Schlacht um das Temelín-Volksbegehren nun in die heiße Phase. "Krone" und Freiheitliche werden dafür sorgen, dass sich der Horizont der Österreicher - zumindest was die Gefahr der Atomenergie anbelangt - auf "Temelín: ja oder nein" zuspitzt. Als ob es nur um ein gefährliches Atomkraftwerk (AKW) ginge! So sinnvoll es auch wäre, wenn Temelín nicht in Betrieb ginge, so illusorisch ist es, sich davon Sicherheit für Österreich zu erhoffen. Rund um uns gibt es genügend andere AKWs, von denen Gefahren ausgehen.

In Sachen Kernenergie geht es um mehr, nämlich um ihre grundsätzliche Infragestellung. Denn 15 Jahre nach Tschernobyl hat sich die Atomindustrie von ihrem Schock längst erholt. Bei der Neuordnung des EU-Elektrizitätsmarktes geben die größten Produzenten von Atomstrom den Ton an. Und es gelingt sogar, diese Energie als "umweltfreundlich" zu verkaufen! Und dabei stellt diese Form der Energieerzeugung nach wie vor eine Quelle unüberschaubarer Gefahren dar. Man denke allein an den Atommüll, den die rund 440 AKWs, die weltweit in Betrieb sind, produzieren: etwa 10.000 Tonnen, Berge strahlenden Materials, dessen Entsorgung vollkommen ungelöst ist.

Denn immer noch gibt es in keinem einzigen Land ein funktionsfähiges Endlager für die äußerst gefährlichen Abfälle. Verwunderlich ist das nicht, sind doch die Anforderung an eine solche Anlage gigantisch: Sie muss Jahrtausende hindurch - einige radioaktive Stoffe strahlen sogar Millionen Jahre lang - das Material vollständig von der Biosphäre isolieren. Bedenkt man es ernsthaft - eine unlösbare Aufgabe. Wer will über Jahrtausende hinweg zuverlässig prognostizieren! Erdbeben, Klimaveränderungen, mutwillige menschliche Eingriffe können alles grundlegend verändern.

So behilft man sich mit Übergangslösungen: mit der Zwischenlagerung und der Wiederaufbereitung. Das ist eine gewisse "Verbesserung" gegenüber früher. Denn ursprünglich wanderten die Abfälle in den Atlantik, den Pazifik und das nördliche Eismeer. Erst 1983 wurde dieser Praxis dank eines internationalen Moratoriums ein Ende gesetzt - allerdings erst nachdem schon 140.000 Tonnen radioaktiven Mülls im Meer versenkt waren. Kein Mensch kann die Folgen dieses Wahnsinns abschätzen.

Wie problematisch allerdings auch die Wiederaufbereitung ist, zeigt der heuer im Oktober veröffentlichte WISE-Bericht an das EU-Parlament über die Wiederaufbereitungsanlagen (WAA) im englischen Sellafield und im französischen La Hague. Die mit der Untersuchung beauftragten Wissenschaftler sparen nicht mit Kritik: Beide Anlagen seien die weltweit größten menschlichen Emissionsquellen für Radioaktivität. Selbst im normalen Betrieb entspreche die von ihnen ausgehende Verstrahlung der eines Kernkraftunfalles pro Jahr.

Enorme Emissionen

Weil der Befund so unglaublich ist, sei dessen Zusammenfassung wortwörtlich zitiert: "1999 waren die radioaktiven Emissionen von La Hague und Sellafield im Großen und Ganzen vergleichbar. Die Menge des von La Hague und Sellafield in diesem Jahr emittierte Jod-129 war acht Mal größer als der Fallout von allen nuklearen Waffentests zusammen genommen. Rechnet man die geschätzte Gesamtmenge der radioaktiven Emissionen von Sellafield und La Hague für ein Jahrzehnt zusammen, so entspricht der Wert etwa einem Siebentel der Gesamtdosis, die beim Unfall in Tschernobyl freigesetzt wurde."

Und weiter: "Im Raum um La Hague wurde ein statistisch signifikanter Anstieg der Leukämiefälle beobachtet. Er nimmt weiter zu." Und: "Untersuchungen, die sich über mehr als 15 Jahre erstrecken, haben eine überdurchschnittlich hohe Zahl - sie ist statistisch signifikant - von Leukämiefällen bei Kindern rund um Sellafield festgestellt. Der Anstieg setzt sich fort."

Zwar räumt der Bericht ein, dass es schwierig sei, eine lückenlose Kausalkette zwischen den Emissionen und den Leukämiefällen herzustellen. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass ein solcher Zusammenhang besteht.

Irische See verseucht

Wer kann auf diesem Hintergrund verstehen, dass Irland Anfang Dezember mit seiner Klage wegen der WAA Sellafield vor dem Internationalen Seegerichtshof abgeblitzt ist? Dieser weigert sich, eine einstweilige Verfügung gegen den Betriebsbeginn einer neuen Fabrik für Mischoxid-Brennelementen zu erlassen. Wie glaubwürdig Großbritanniens Versicherung ist, "die radiologische Auswirkung der Abfälle aus dem Werk würden unbedeutend sein", macht der WISE-Bericht deutlich. Außerdem ist die Irische See dank Sellafield das am stärksten radioaktiv verseuchte Gewässer der Welt.

Als gesundheitsgefährdend erweist sich jedoch nicht nur die Wiederaufbereitung. Auch Beobachtungen rund um normale Kernkraftwerke lassen auf ein erhöhtes Krebs-Risiko für Kinder schließen.

Untersuchungen in Deutschland liefern dazu interessante Hinweise. Obwohl ihre Ergebnisse nach wie vor umstritten sind, seien sie hier erwähnt - vor allem auch, weil sie ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit Daten bei Fragen der Atomenergie werfen.

Eine Studie des Mainzer Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation aus dem Jahr 1997 hatte ergeben, dass im Umfeld deutscher AKWs zwischen 1983 und 1993 keine signifikante Erhöhung des Auftretens von Krebs bei Kindern festzustellen sei. Im Umkreis von 15 Kilometern sei das Auftreten dieser Krankheit ebenso selten wie in entsprechenden Vergleichsregionen. Für die damalige deutsche Umweltministerin Angela Merkel war die Sache damit erledigt.

Nicht so für Alfred Körblein, einen deutschen Physiker. Er stellte nämlich fest, dass in der Arbeit auch zwei kleine Forschungsreaktoren, zwei AKWs, die kurz nach Betriebsbeginn wieder eingestellt worden waren und ein seit 1985 stillgelegter, kleiner Versuchsreaktor einbezogen worden waren, Einheiten also, von denen kaum Gefahren ausgehen konnten. Daher wiederholte er die Untersuchung nur mit den Daten der 15 Leistungsreaktoren. Das Ergebnis: Eine signifikante Erhöhung der Krebsrate bei Kindern unter 15 Jahren im Nahbereich (unter fünf Kilometern) von AKWs um 22 Prozent. Bei Kindern unter fünf Jahren stieg dieser Prozentsatz sogar auf 53 Prozent. Der Vergleich bei Leukämie ergab sogar einen Überhang von 76 Prozent. Bestätigt wurde das Ergebnis sowohl durch eine gesonderte Auswertung für Bayern wie durch eine Erweiterung des Beobachtungszeitraums bis 1998.

Fazit: Auch neueste Arbeiten bestätigen die Bedrohungen, die von der Atomindustrie ausgehen. Dass Kinder in besonderem Maß betroffen sind, ist nicht überraschend, wenn man die Erkenntnisse der Umweltmedizin berücksichtigt. Sie zeigen nämlich, dass in den Körper aufgenommene Schadstoffe die Informationsabläufe auf biomolekularer Ebene stören. Dadurch werden vor allem jene Funktionen am meisten irritiert, die sehr auf eine stimmige Informationsübertragung angewiesen sind. Eine besondere Rolle spielen diese bei der Entwicklung des Kindes - vor allem im Mutterleib.

Terror-Anschläge

Zu diesen vom Normalbetrieb der Atomindustrie ausgehenden Gefahren, kommt seit dem 11. September 2001 die potenzielle Bedrohung durch terroristische Anschlägen auf AKWs. Diese Frage beschäftigte in letzter Zeit mehrere Tagungen. Eine Gruppe von Sicherheitsexperten in Deutschland etwa kam im November zu folgendem Ergebnis: Gegen Angriffe aus der Luft könne man deutsche Atomkraftwerke nicht sichern. Die ältesten haben nämlich eine Schutzhülle, die nur einem Sportflugzeug standhält. Neuere AKWs könnten einen Starfighter-Absturz überstehen. Die Flugzeugmasse und die Treibstoffmenge eines Boeing-Großraumjets übersteige jedoch die Schutzgrenze um das 15fache. Sollte eine Boeing 747 ein Reaktorgebäude treffen, könne es zu einer Kernschmelze mit schwerer wiegenden Folgen als der Super-GAU von Tschernobyl kommen. Man male sich die Folgen für das dichtbesiedelte Westeuropa aus.

Besorgnisse auch nach einer Tagung der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEO) in Wien. In deren Abschlussbericht wird eine weitere Gefahr hervorgehoben: die Entwendung und der illegale Handel mit nuklearem Material. Seit 1993 habe die IAEO 175 Fälle von illegalem Atomhandel und 201 Fälle von Handel mit anderen radioaktiven Substanzen erhoben. David Kyd, Informationsdirektor der IAEO, meinte, es habe in den letzten Jahren einen regelrechten Schwarzmarkt für radioaktive Stoffe gegeben.

Gefahr von Sabotage

Besonders bedenklich ist die Situation in Russland. Ein dort eingesetzter parlamentarischer Ausschuss kam zu dem Ergebnis, die Atommülllager des Landes ständen vor dem Zusammenbruch: kein Geld, fehlende Kontrollen. Kopfzerbrechen bereitet insbesondere eine Deponie in Tschetschenien (nahe Tschir-Jurt), die während der Kämpfe im Land beschädigt wurde. Bis vor kurzem sei das Gelände auch nicht bewacht worden. So sei es durchaus möglich gewesen, dort radioaktives Material zu entwenden, stellte Abdul Chamadow, Direktor des tschetschenischen Instituts für Reaktorsicherheit laut APA fest.

Auf eine weitere Gefahr wies IAEO-Informationsdirektor Kyd im Anschluss an die Wiener Tagung hin, auf mögliche Anschläge von innen: "Leute, die die Sache studiert haben, könnten sehr wohl versuchen, in ein Kernkraftwerk einzudringen, um zu sabotieren."

Dass solche Sabotage-Akte keineswegs auf unüberwindliche Hindernisse stoßen, bewies im Dezember eine Gruppe australischer Greenpeace-Aktivisten. Ihnen gelang es eher problemlos, im Gelände eines nahe Sidney gelegenen AKWs auf das Dach eines Reaktors und eines Atommülllagers zu klettern. Erst nach zehn Minuten schritten Sicherheitskräfte ein.

All das zusammengenommen macht deutlich, dass ein Ausstieg aus der Atomenergie überfällig ist. Diesen auf internationaler Ebene konsequent weiter zu propagieren wäre der eigentlich wichtige Auftrag eines sinnvollen Volksbegehrens an die Regierung - gerade nach ihrem Scheitern in dieser Frage beim EU-Gipfel in Laeken.