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Kernenergie ist sicher

Die Sicherheit der Nutzung der Kernenergie war zweifellos der erste rationale Aspekt, der zur heutigen Diskussion führte. Dabei ist es offenbar völlig bedeutungslos und findet in der gegnerischen Argumentation keinerlei Anerkennung, daß diese Technik in den Jahrzehnten ihres bisherigen Einsatzes weder bei den Kernkraftwerken noch bei der Lagerung der Abfälle zu schweren Unfällen oder gar Todesfällen aus radiologischen Gründen bei der beruflichen Ausübung führte, geschweige denn bei der Bevölkerung. Kein einziges Kernkraftwerk hat zu einer Erhöhung der Mortalitätsrate in seiner Umgebung geführt (auch Three Mile Island nicht). Wenn die Frage gestellt wird, ob die Kernenergie sicherer ist als die anderen Energietechnologien, so antworten wir unter Betrachtung aller Aspekte, also des normalen Betriebs, tatsächlicher und möglicher Unfälle, mit ja. Dies nachzuweisen gelingt sogar unter Berücksichtigung von Risikoabschätzungen, die durch gegnerische Institutionen vorgelegt wurden.

Oft wird ernsthaft ins Treffen geführt, ein Unfall könne die Dimensionen eines Weltereignisses annehmen. Um es genau festzustellen: Schwerste Unfälle führen bei den Sofortfolgen zu Größenordnungen von Opfern und Schäden, die gleich sind jenen in anderen Techniken - nur werden sie wesentlich seltener eintreten. Sie führen bei den Spätschäden zu wesentlich geringeren Zahlen als es die realen Spätschäden durch chemische Schadstoffe sind. Es sind Hirngespinste, von Millionen Opfern zu reden.

Lassen Sie mich nun einige Thesen anführen; ich bin bereit, sie zu belegen, ihre Richtigkeit nachzuweisen - hier fehlt der Platz dazu:

1. Im normalen Betrieb sind Kernkraftwerke umweltfreundlicher als andere kalorische Kraftwerke, da bei ihnen die Schadstoffabgabe zu zusätzlichen Belastungen (inklusive inneren Belastungen) führt, die im Schwankungsbereich der natürlichen (und auch der medizinischen) Belastung verlorengehen.

Im Gegensatz dazu liegt die chemische Schadstoffabgabe über den natürlichen Werten und fügt den Menschen Belastungen zu, mit denen sie nicht schon seit eh und je leben.

2. Es gab in Kernkraftwerken keine schweren Unfälle mit radiologischen Todesfolgen, daher müssen Unfallsabläufe und ihre Eintrittswahrscheinlichkeiten theoretisch ermittelt werden. Diese Ermittlungen zeigen über das ganze Spektrum von Unfallsabläufen, von den leichten bis zu den schweren, ein geringeres Risiko von Kernkraftwerken als bei anderen Energietechniken.

Unter Beachtung dieser Aussage ist, wie überall in der Technik und im Leben, die Konstruktion beliebig schwerer Unfallsabläufe natürlich denkbar.

Die bisherigen theoretischen Studien sind durch die bisherigen Unfälle nicht widerlegt worden.

3. Die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle ist von technisch-wissenschaftlicher Seite her realisierbar, Geologen vertreten die Ansicht, daß für die Lagerung geologisch geeignete Gebiete, auch in Österreich, gefunden werden können (Stellungnahmen von 34 habilitierten Hochschullehrern, 1978, GEOWAK, 1980). Es ist aber auch eine politische Frage, einen geeigneten Standort zu finden, wenn man nicht gerade spezifisch an das Ausland denkt.

4. Die mißbräuchliche Verwendung von Plutonium aus dem Betrieb eines

Kernkraftwerks für die Bombenherstellung ist nur mit dem technologischen Rüstzeug einer waffenproduzierenden Großmacht möglich, da dieses Plutonium für die Rüstung denkbar schlecht geeignet ist. Selbst die Großmächte gehen daher andere Wege zur Bombenherstellung, die mit unseren Reaktoren nichts zu tun haben.

5. Polizeiliche Maßnahmen zur Überwachung des Kernkraftwerks werden, da es sich dabei um eine ortsfeste, nicht mit der Öffentlichkeit dauernd im Kontakt stehenden und nur von einer kleinen Personengruppe betretene Anlage handelt, kaum zur Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gelangen, geschweige denn einen „Polizeistaat" zur Folge haben.

6. Die Problemkreise Seismologie, Hydrologie, Reaktordruckgefäß, Notkühlsysteme des Kernkraftwerks Zwentendorf sind nach dem Stand der Technik und des Wissens behandelt und technisch zu einer einwandfreien Lösung zugeführt worden.

Keine der später durchgeführten Studien aus geowissenschaftlicher Sicht hat aus dem vorliegenden Material auf eine von vornherein gegebene Unsicherheit der Anlage geschlossen.

Ein Wort sei zum Abschluß noch zum Unfall im Kernkraftwerk Three Mile Island gesagt. Es kam dort zum schwersten bisherigen Unfall in der Geschichte der Kerntechnik, bei dem rund ein Drittel des Reaktorkerns zerstört wurde und eine vergleichbare Menge an Radioaktivität aus dem Kern freigesetzt wurde. Da die anderen Sicherheitsbarrieren fallweise offen waren, sind beträchtliche Mengen radioaktiver Substanzen ausgetreten.

Die Schäden im Kernkraftwerk (vor allem aus entgangenen Stromlieferungen) sind sehr hoch - Menschen kamen nicht zu Schaden.

Nun sagt man, ums Haar wäre es zu einer Katastrophe gekommen. Nein: der Unfall lief praktisch in der schlimmsten möglichen Art ab, eine zusätzliche Erschwerung hätte zu einer gradiellen Erhöhung gesundheitlicher Effekte (d. h. zum ersten Auftreten solcher) geführt, aber nie zu einer Katastrophe.

Dipl.-Ing. Walter Binner ist Leiter des Institutes für Reaktorsicherheit in Wien.

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