Die nukleare Gefahr auf leisen Sohlen

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Die mysteriöse Ermordung eines AKW-Wachmanns, Spionage eines Atomforschers - die Hinweise verdichten sich, dass Atomanlagen ins Visier von Terroristen geraten. Wie gefährdet sind AKWs wirklich, und wie groß ist die Gefahr einer schmutzigen Bombe?

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Die mysteriöse Ermordung eines AKW-Wachmanns, Spionage eines Atomforschers - die Hinweise verdichten sich, dass Atomanlagen ins Visier von Terroristen geraten. Wie gefährdet sind AKWs wirklich, und wie groß ist die Gefahr einer schmutzigen Bombe?

Es sind zuweilen die Ereignisse nach dem Ereignis, die die größere Sprengkraft besitzen, aber im Schatten der Ersteren von der Öffentlichkeit weniger Beachtung finden. So auch in Belgien. Zwei Tage nach den Anschlägen von Brüssel wurde Didier Prospero, ein Wachmann der Sicherheitsfirma G4S, tot in seiner Wohnung in Froidchapelle aufgefunden -durchsiebt von mehreren Schüssen. Die Kinder hatten den leblosen Körper nach der Rückkehr von der Schule entdeckt.

Prospero bewachte im belgischen Fleurus (nahe Charleroi) das Institut für Radioelemente, das 2008 durch den Austritt von Radioaktivität Schlagzeilen machte. Erste Berichte, wonach der Badge des Sicherheitsmanns gestohlen wurde, wurden dementiert. Die Staatsanwaltschaft von Charleroi ermittelt, verfolgt aber keine terroristische Spur.

Merkwürdige Zufälle

Es ist schon eine merkwürdige Koinzidenz. Kurz nach den Terroranschlägen wurden die Atomkraftwerke Tihange und Doel evakuiert. Das geschieht eigentlich nur im Notfall. Der Hintergrund: Die französischen und belgischen Kriminalbeamten waren bei ihren Ermittlungen zu den Attentätern vom 13. November auf mögliche Anschlagspläne gegen Nuklearanlagen in Belgien gestoßen. Bei einer Hausdurchsuchung in Brüssel am 30. November hatten Ermittler ein zehnstündiges Video gefunden, das den Tagesablauf eines Wissenschaftlers des Centre d'études nucléaires (CEN) dokumentierte. Die Bakraoui-Brüder hatten eine Überwachungskamera am Wohnsitz des Physikers versteckt und dessen Gewohnheiten ausspioniert. Wurde die Kamera installiert, um eine Entführung vorzubereiten? Oder gar ein Angriff auf das Forschungszentrum? In den belgischen Medien schossen die wildesten Spekulationen ins Kraut. Der Anti-Terror-Beauftragte der Europäischen Union, Gilles de Kerchove, hatte zuvor vor einem Angriff auf belgische Atomanlagen gewarnt. "Ich wäre nicht überrascht, wenn in den nächsten fünf Jahren das Internet genutzt würde, um einen Angriff zu verüben", sagte er der belgischen Zeitung La Libre Belgique.

Es wäre ein Horrorszenario: Terroristen attackieren ein Atomkraftwerk oder zünden eine schmutzige Bombe. Wie real ist die Gefahr eines Nuklearangriffs durch Terroristen? Könnte der IS gar eine schmutzige Bombe bauen?

Die Wissenschaftlerin Togzhan Kassenova, die beim Nuclear Policy Program des Carnegie Endowment forscht und von 2011 bis 2015 bei den Vereinten Nationen mit Abrüstungsfragen befasst war, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: "Die Gefahr, dass Atomanlagen ins Visier genommen werden, ist ernst." Dass der IS in den Besitz einer radiologischen Waffe gelangt, hält Kassenova für eine reale Bedrohung. Anders als beim Bau einer Atombombe bräuchten Terroristen kein hochangereichertes, waffenfähiges Plutonium, sondern lediglich Zugang zu radioaktivem Material wie etwa Cäsium-137 - ein Produkt der Kernspaltung, das bei der Strahlenbehandlung von Krebspatienten eingesetzt wird und in einer Vielzahl von Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen zu findet ist.

Einem australischen Geheimdienstbericht zufolge haben die IS-Milizen genug strahlendes Material in Spitälern gefunden, um eine radiologische Bombe zu bauen. Solche schmutzigen Bomben können erhebliche Strahlungsschäden verursachen und werden daher auch als Massenvernichtungswaffen eingestuft.

1987 gelangte im brasilianischen Goiânia nicht entsorgtes Cäsium-137 aus einer Strahlenklinik in die Hände von Müllsammlern, die das hochradioaktive Material für Deko-Stoff hielten und damit einen ganzen Landstrich kontaminierten. Laut einem Bericht des Belfer Center for Science and International Affairs der Harvard Kennedy School lagert in über 13.000 Gebäuden auf der Welt radioaktives Material. Zwischen 2013 und 2014 wurden 325 Fälle von Verlust oder Diebstahl gemeldet. In welche Hände das Material gelangte, ist bis heute unklar. Am Centre d'études nucléaires (CEN), dessen einen Mitarbeiter die Bakraoui-Brüder observierten, werden nach einem Bericht der französischen Zeitung Le Monde geringe Mengen Uran gelagert, die zum Bau einer schmutzigen Bombe geeignet sind.

Sabotage im Werk

Im August 2014 ereignete sich im belgischen Kernreaktor Doel-4 ein Sabotageakt: ein Betriebsangehöriger hatte ein Ventil geöffnet und rund 65.000 Liter Öl auslaufen lassen, sodass sich die Turbine überhitzte und automatisch stehen blieb. Zwar trat kein radioaktives Material aus, der Schaden belief sich durch den Neukauf einer Turbine und die monatelange Stilllegung des Reaktors auf 100 bis 200 Millionen Dollar. Aufgeklärt wurde der Vorfall nicht. Später wurde bekannt, dass der in Syrien getötete radikale Islamist Ilyass Boughala drei Jahre lang als Techniker im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks Doel gearbeitet hatte. Hat er seine Expertise weitergegeben? Der Vorfall stimmt bedenklich. "Das zeigt eine Verbindung zwischen Terrorakten und dem Interesse an nuklearem oder radioaktiven Material", sagt die Atomexpertin Kassenova. Belgien hat unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft die Armee zur Sicherung seiner Atomkraftwerke Tihange und Doel eingesetzt.

Gleichwohl: Ein möglicher Angriff müsste nicht mal physisch geschehen, sondern könnte auch virtuell durch eine Cyber-Attacke erfolgen. Cyber-Kriminelle könnten sich in die Sicherheitsarchitektur eines Atomkraftwerks hacken und per Mausklick die Reaktoren bedienen. Es wäre der digitale Super-GAU. 2003 wurden die Computer im abgeschalteten Kernkraftwerk Davis-Besse im US-Bundesstaat Ohio von einem Computerwurm namens "Slammer" befallen. Das Virus hatte die Firewall des Druckwasserreaktors umgangen und war in das Steuersystem eingedrungen. Die Folge: Die Sicherheits-und Prozess-Systeme waren für mehrere Stunden nicht erreichbar. 2010 schleusten die USA und Israel den Computerwurm Stuxxnet in das Computersystem der iranischen Urananreicherungsanlage Natans und legten 1000 Uran-Zentrifugen lahm. Der Fall sorgte international für Aufsehen.

Cybersicherheit als Achillesferse

Der Think Tank Chatham House warnt in einem jüngsten Bericht ("Cyber Security at Civil Nuclear Facilities Understanding the Risks") vor den Risiken einer Cyberattacke auf Nuklearanlagen. Die Betreiber seien auf diese Gefahren nur unzureichend vorbereitet. "Während die Betreiber von Atomanlagen sehr rigoros in der Verschärfung von Vorschriften, die die physische Sicherheit betreffen, sind, trifft dies weniger auf die Regeln von Cybersicherheit zu", heißt es in der 53 Seiten umfassenden Studie. Und weiter: "Es gibt zunehmende Indizien, dass die Gefahrenanalyse oder Risikokalkulation der Industrie unangemessen ist und die Industrie nicht genug in Cybersicherheit investiert." Mit einem einfachen VPN-Client könnten sich Hacker wie im Fall des Kernkraftwerks Davis-Besse Zugang zu den Sicherheitssystemen verschaffen und den Reaktor herunterfahren.

Der Bericht weist explizit auf die Gefahren von Insidern hin, die mit einer Malware auf einem USB-Stick das System kompromittieren können. Die Gefahr kommt auf leisen Sohlen daher.

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