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Das wird ein atomarer Salto mortale

1945 1960 1980 2000 2020

Immer mehr Atom-Brennstäbe zu entsorgen, aber weiterhin keine Endlager für den Atommüll: Der Druck, das Problem zu lösen, wächst. Ein US-Projekt gibt Anlaß zur Sorge ...

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Immer mehr Atom-Brennstäbe zu entsorgen, aber weiterhin keine Endlager für den Atommüll: Der Druck, das Problem zu lösen, wächst. Ein US-Projekt gibt Anlaß zur Sorge ...

Der jüngste Großangriff der Atomindustrie geht diesmal von Geschäftsleuten aus — und zwar keinen unbedeutenden: Vorsitzender der amerikanischen Firma US Fuel und Security Services, kurz „die Gruppe” genannt, istEx-Admiral Daniel J. Murphy, seinerzeit Chef des Geheimdienstes unter George Bush. James Baker, Außenminister der Bush-Ära, ist fürs Lobbying zuständig, um den Meisterplan der „Gruppe” der Regierung Clinton schmackhaft zu machen: Unter Führung der USA sollen alle Atomkraftwerke der Welt mit Atom-Brennstoff versorgt und vom Atommüll entsorgt werden.

Eine Flotte von 20 Spezialschiffen soll die Brennstäbe aus den Fabriken der „Gruppe” abholen, sie weltweit an die Elektrizitätskonzerne verteilen um sie, nachdem sie ausgedient haben, wieder zu holen und dann in den Südpazifik zu transportieren.

Dort gibt es ein Atoll unter US-Oberhoheit, wo man den hoch-radioaktiven Abfall deponieren will. Der Name der erwählten Insel wurde diskret geheimgehalten und nicht einmal dem „Spiegel”, der in seiner Ausgabe vom 21. Mai ausführlich über das Projekt berichtete, verraten.

Der Wiederaufbereitung ausgedienter Brennstäbe soll den Garaus machen

Dank Florian Faber von Greenpeace Österreich und Bunny McDianid von Greenpeace Pacific aus Suva, Fiji, erfuhren wir noch am gleichen Tag: Es handelt sich um das Atoll Palmyra, etwa auf halbem Weg zwischen Hawaii und Neuseeland, seit 1912 amerikanisches Territorium.

Im Zweiten Weltkrieg diente es als US-Flugzeugstützpunkt und wurde schon in den siebziger Jahren von den USA und Japan als Atommüllager in Betracht gezogen. Ist doch das Atoll unbewohnt, so daß kein lokaler Widerstand zu erwarten schien. Zudem untersteht es direkt dem US-Innenministerium. Alex Copson, Leiter des Projekts, behauptet, er hätte die Insel schon gekauft oder, laut „Spiegel”, mit vielen Millionen Dollar das Vorkaufsrecht gesichert.

Angeblich hat Präsident Clinton seinem Kollegen Jelzin anläßlich des Moskauer Aprilgipfels der „Großen Sieben” die politischen und wirtschaftlichen Vorteile einer Zusammenarbeit Rußlands und Amerikas bei diesem Projekt näher zu bringen gesucht. Regierungsbeamte in Washington dementierten allerdings ein Gespräch der beiden Präsidenten über den Plan. Doch fehlt eine offizielle Distanzierung, die von Greenpeace unter Berufung auf das erst kürzlich ausgehandelte „Waigani”-Abkommen, das unter US-Teilnahme stattfand, verlangt wird.

Dieses Abkommen verbietet jeden Import atomarer Abfälle in die Region. Greenpeace Pacific: „Es gibt keinen Zweifel über den Standpunkt unserer Region in dieser Frage. Die USA müssen ihre Position klären.” Sie appellieren an das Weiße Haus, öffentlich die Ablehnung dieses verrückten Plans zu verkünden.

Glaubt man dem „Spiegel”, sind die Gespräche zwischen Managern aus den USA, Rußland und Deutschland, ja auch schon von Politikern ziemlich weit gediehen. Soll doch der Meisterplan der Wiederaufbereitung ausgedienter Brennstäbe, bei der der tödliche Bombenrohstoff Plutonium frei wird, den Garaus machen. Damit könnte gleichzeitig die Weiterverbreitung von Atomwaffen eingedämmt werden. Kurz, alle Beteiligten tun etwas für den Frieden: Deutschland mit seiner Spitzentechnik im Behälterbau (vom Castor war beim Gorleben-Wirbel viel die Rede) ist durch die Deutsche Gesellschaft für Nuklear-Behälter GNB dritter Partner im Dreieck mit der „Gruppe” und dem Stahlriesen Bethlehem Steel. Doch die Hauptsache: sie befreien die Industrieländer von der erdrückenden Last atomarer Abfälle und verdienen dabei ungezählte Milliarden

Noch sind viele gesetzliche und politische Hindernisse zu überwinden. le Umweltpolitik geändert und das „Waigani”-Ab-kommen ignoriert werden. Rußland wird schon jetzt durch ein Angebot der Gewinnbeteiligung verlockt, wenn es sein Plu-töniumgeschäft aus der eigenen Wiederaufbereitung aufgibt und dafür gemeinsam mit den USA in die Massenproduktion atomarer Brennstäbe für alle Welt einsteigt.

Daß man zugleich den französischen und englischen Wiederaufbereitungsanlagen durch Preisunterbietung das Wasser abgraben könnte, wie Alex Copson hofft, gehört ins Beich der Illusionen; allerdings zu den harmlosesten, die das Projekt auszeichnen. Nie wird ein Jacques Chirac oder ein John Major oder wer immer ihre Nachfolger sein werden, sich völlig in US-Hände begeben und um des schnöden Mammons willen der Wiederaufbereitung entsagen. Sie brauchen ihr Plutonium für ihre Atomwaffen, die sie weiter entwickeln.

Die 7,5 Millionen Dollar, die noch heuer für Werbung und Lobbying benötigt werden, werden von befreundeten Banken gerne beigesteuert. Und das „Waigani”-Abkommen zu vergessen, kostet kaum Stimmen beim amerikanischen Wähler. Vor allem, wenn so reichlicher Lohn winkt. Die Pornographie des Geldes - in diesem Fall „Unzucht wider die Natur” im wahrsten Sinn des Wortes - wird politisch nicht geahndet.

Damit sind wir beim Kern der Frage: Jeder Geologe wird bestätigen, daß es Wahnsinn ist, Stoffe, die Tausende, ja Hunderttausende Jahre vom Lebenskreislauf fernzuhalten sind, in oder auf einem Atoll zu lagern. Alle diese Pazifikinseln - auch Palmyra -sind vulkanischen Ursprungs; alle liegen in oder neben Tiefseegräben und Plattenbrüchen; der ganze Pazifik ist eine einzige, riesige Erdbebenzone.

Die Wüste Gobi reservieren die Chinesen wohl für den eigenen Atomabfall

Wollen wir unsere Enkel und Urenkel durch grenzenlose Habgier töten? Grenzenlos sind auch die Dimensionen: die Urheber und Verursacher des Umwelt- und Mitmensch-Verbrechens wollen die Konsequenzen rund um den Erdball schieben, im Glauben, vor ihnen sicher zu sein. Wir erleben eine Rückkehr in die Zeit des bösesten Kolonialismus, aber auch der größten Menschenverachtung, sogar was die eigenen Mitbürger anlangt. Wie am Beginn des Atomzeitalters, als die Sowjets, die USA und England bei ihren Atombombentests Tausende Soldaten und ahnungslose Bewohner ferner Länder als Versuchskaninchen tödlichen Strahlen aussetzten. In den fünfziger Jahren glaubte man, wir haben noch fünfzig Jahre Zeit zur Lösung des Abfallproblems. Und sie liegt vor unserer Tür: In die Tiefsee mit dem Mist! Dann kam 1960 das große Seebeben von Agadir und man ließ den Gedanken fallen. Danach: In den Weltraum! Doch wohin fällt der radioaktive Müll, wenn die Rakete versagt? Die Wüste Gobi haben die Chinesen für uns abgeschrieben. Die reservieren sie vermutlich für ihren eigenen Atomabfall. Und Tibet dazu! Und die Sahara, um die sich noch vor Zwentendorf die Ministerin Firnberg bemühte? Die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat zog einen Strich durch die Absicht, wie schon vorher die Vertreibung des Schah erste Gespräche über ein Abfallager im Iran zunichte gemacht hatte.

Und zum allerschlimmsten: Das ganze moralisch verwerfliche, geologisch und technisch verrückte Abenteuer dient vor allem dem Zweck, in einem Gemisch aus Illusionen und Lügen die weitere Ausbreitung der Atomwirtschaft auf der ganzen Welt voranzutreiben ... bevor ein nächstes Tschernobyl oder noch viel Schrecklicheres auch die Verbohrtesten überzeugt: Diese Technologie hat einen Salto mortale geschlagen.

Der Autor war bis zu seiner Berufung als Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung von 1957 bis 1967 Vertreter des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften bei der Internationalen Atomenergie Organisation. 1961 veröffentlichte er das erste deutschsprachige Sachbuch über Atomenergie, „Strahlengefahr und Strahlenschutz ”.

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