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Strahlende Todeszonen

1945 1960 1980 2000 2020

Vor Tschernobyl kämpften alle Sowjetrepubliken um den Bau von milliarden­schweren, prestigeträchti­gen Kernkraftprojekten. Heute geht die Angst vor atomarer Verseuchung um.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor Tschernobyl kämpften alle Sowjetrepubliken um den Bau von milliarden­schweren, prestigeträchti­gen Kernkraftprojekten. Heute geht die Angst vor atomarer Verseuchung um.

Die sowjetische Atombehörde bekommt jetzt die Rechnung für den sorglosen Umgang mit dem atomaren „Geist aus der Flasche" präsentiert: Weite Gebiete des Sowjetreiches sind regelrecht zu Todeszonen verkommen.

In den fünfziger und sechziger Jahren wurden auf der Tschuk-tschen-Halbinsel (Nordost-Sibi­rien) Atomtests durchgeführt. Heute leidet die gesamte Bevölke­rung an Tuberkulose. Bei Speiseröhrenkrebs hält man den Weltre­kord. Die durchschnittliche Lebens­dauer liegt bei 45 Jahren - elf Jahre weniger als offiziell angegeben. Neue Formen von Tumoren und Ge­schwüren lassen die einheimischen Rentierzüchter dahinsiechen. Die sowjetischen Medien berichten von einem „Tschernobyl im hohen Norden".

In den Steppen von Kasachstan befinden sich weite Zonen militäri­schen Sperrgebietes. Lange Zeit wurde in der Bevölkerung nur hin­ter vorgehaltener Hand über die „Geheimsache", die unterirdischen Atomversuche, gemunkelt. Erst nach einem Zwischenfall auf dem Testgelände von Semipalatinsk, wo nach einer Explosion radioaktive Gasschwaden über dem Gelände aufstiegen, wurden die erschreck­ten Bürger vergangenes Frühjahr aktiv. Eine Anti-Atombewegung mit dem Namen „Nevada" - in Anlehnung an das amerikanische Vorbild - wurde ins Leben gerufen. Kühn hat man sich bei „Nevada" dem Verbot aller unterirdischen Atomtests in der gesamten Sowjet­union verschrieben.

In einer Fernsehdokumentation wurden von den Aktivisten seltsa­me Zustände aufgedeckt: So gibt es in den Dörfern nahe dem Testge­lände keine Friedhöfe. Die älteren Bewohner - nur wenige erreichen das Pensionsalter - werden nach Semipalatinsk umgesiedelt. Sinn der Taktik: Die Geburts- und Ster­bedaten auf den Grabsteinen hät­ten dem Besucher unangenehme Auskünfte über die kurze Lebens­zeit der Verstorbenen geben kön­nen.

In der Tat erregt kein Umwelt­thema die Gemüter mehr als die potentielle Gefahr eines zweiten Tschernobyl. Ob in Kasachstan, der Ukraine oder auf der Krim: Hun­derttausende beteiligen sich an Unterschriftenkampagnen und Demonstrationen gegen den Bau weiterer Kernkraftwerke. Die mächtige Anti-Atombewegung in der Ukraine hat bereits die Strei­chung der Hälfte aller geplanten Bauten erzwungen. Die Energiebe­hörde jammert: Im Vorjahr hat sie ein Defizit von 140 Millionen Kilo­wattstunden an Atomstrom hinneh­men müssen.

In der Tatarischen Autonomen Republik kämpfen derzeit Umwelt­schützer und Wissenschaftergegen den von Moskau geplanten Kraft­werkskomplex bei Nischnekamsk. Der Bau wird just auf einer tekto-nischen Bruchzone errichtet. Seitl982 gab es hier drei Beben der Stärke sechs. Geologen warnen, daß die Bebentätigkeit in Zukunft noch zunehmen wird, weil aus dem Erd­inneren übermäßig viel Erdöl und Erdgas gepumpt worden ist. Als Folge haben sich im Untergrund riesige Karsthohlräume gebildet.

Vor der Tragödie von Tscherno­byl kämpften die Republiken ver­bissen um die Errichtung neuer Kernkraftwerke: Milliardeninvesti­tionen galten als allgemein aner­kannte Wohltat. Wo das Ding dann hingebaut wurde, war sekundär. Die Hälfte aller sowjetischen Anla­gen liegt in bedenklichen Zonen.

Die „Radiophobie" grassiert mittlerweile in der Sowjetunion. Nicht zu unrecht. Im Dezember berichteten die „Moskauer Nach­richten" über die Spätfolgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Als im April 1986 der Reaktor ex­plodierte, brachten westliche Zei­tungen die Meldung: „2.000 Tote in Tschernobyl." Was damals als Zei­tungsente galt, wird längst von den Fakten ein- und überholt.

Bei den Recherchen zu „Die gro­ße Lüge über Tschernobyl" stieß das Ref ormblatt schnell auf „ Sperr­zonen der Glasnost". Sämtliche amtliche Untersuchungen tragen den Stempel „Geheim". Obduktio­nen an Verstorbenen und Totgebo­renen werden in den verstrahlten Gebieten nicht mehr durchgeführt. Als ein neugieriger Mediziner Lei­chen öffnete, fand er in den Lungen große Mengen von sogenannten „heißen Teilchen". Zweitausend solcher Teilchen erzeugen garan­tiert Krebs, bei den Proben wurden bis zu 15.000 gefunden! Die überall lauernde Todesgefahr wird leicht­sinnig übersehen: In Tschernobyl arbeiten derzeit 6.500 Personen, Schutzbekleidung wird aber nur im Reaktorinneren getragen.

Der Amtsschimmel trottet unver­drossen. In Zonen, die schon längst menschenleer sein müßten, werden Betriebe angesiedelt und Riesenin­vestitionen getätigt. Für die Um­siedelung der Bewohner aus ver­strahlten Dörfern aber fehlt das Geld. Der Bezirkssekretär von Na-roditschi, Walentin Budko, klagt: „Man hat uns zugesagt, daß 1989 338 Familien mit Kindern ausge­siedelt werden. Inzwischen ist es Herbst, und wir mußten in Dörfern mit 170 Curie erneut Kindergärten und Schulen öffnen."

Der weißrussische Volksdeputier­te Alex Adamowitsch sprach in diesem Zusammenhang von einem „bürokratischen Mechanismus des Völkermordes". Obwohl die ande­ren Teilrepubliken weder Milch noch Fleisch aus Weißrußland haben wollen, sieht der Plan eine Verdoppelung der dortigen Produk­tion vor. Ein Drittel Weißrußlands ist verseucht, ein Fünftel der Ak-kerflächen (7.000 Quadratkilome­ter) sind „tot". In der Ukraine sind es 1.500, in Rußland 1.000 Quadrat­kilometer.

Als ein Abgesandter der WHO, Professor Pelleren, im Vorjahr die an Tschernobyl angrenzenden Be­zirke besuchte, war er „ganz er­schüttert" , daß die Dörfer lediglich in „saubere" und „unsaubere" ein­geteilt worden waren. Erstere er­hielten Lebensmittel aus unver-seuchten Gebieten, die anderen nicht. Als einziges Zugeständnis will die Regierung Weißrußlands in diesem Jahr die Bevölkerung mit Meßgeräten versorgen: Dann kann jeder beim Beerensammeln und Pilzesuchen den Strahlungspegel selbst kontrollieren.

Der Ausverkauf an Energieträ­gern wie Erdgas und Kohle für Devisen hat die Kernkraft lange Zeit als billige Alternative erschei­nen lassen.

Ein teurer Irrtum.

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