Von den Unredlichkeiten in der Atom-Debatte

Der Unfall im Kernreaktor Fukushima in Japan lehrt nichts Neues. Die meisten Argumente pro und kontra Kernenergie waren schon zuvor bekannt. Wirklich überlegen ist erneuerbare Energie.

* Eine Analyse von Raimund Lang

Die japanischen Katastrophenmeldungen weichen sukzessive unerfreulichen Neuigkeiten aus anderen Teilen der Welt. Gleichzeitig läuft sich die Diskussion um die Konsequenzen aus Fukushima gerade erst warm. Eine Diskussion, die von Panik bis Trotz ein ganzes Panoptikum an Sentiments parat hält. Fast scheint es, als wären in der Frage um die Zukunft der Atomkraft nur extreme Antworten zulässige Antworten. Umweltorganisationen schreien lauter denn je nach dem globalen Atomausstieg. Müssen sie auch. Es wäre PR-technisch unverantwortlich, das nicht zu tun. Auf der anderen Seite bekräftigen Länder wie Russland, Spanien oder Frankreich ihr Engagement in Sachen Atomstrom. Deutschland setzt ein niedliches dreimonatiges Moratorium für acht Risiko-Reaktoren und wartet erst einmal ab, wie sich der politische Wind dreht.

Atomkraft ist eine in vielerlei Hinsicht derart bedeutsame Technologie, dass man unbedingt ab und zu prüfen sollte, ob die Rechtfertigung für ihre Allgegenwart noch besteht. Es ist bedauerlich, dass erst ein konkretes Unglück wie nun in Japan geschehen musste, um die Bühne für diese Prüfung zu schaffen. Andererseits wäre es unredlich zu behaupten, das Reaktorunglück in Japan habe eine völlig neue Faktenlage für die Diskussion geschaffen. Wie bei jeder anderen Technologie gibt es auch bei der Atomkraft Argumente, die für ihre Nutzung sprechen und solche, die dagegen sprechen. Atomkraftwerke sind CO2-neutral, liefern billigen Strom und sind statistisch gesehen ziemlich sicher. Soweit die Vorteile.

Nachteilig ist - alles andere. Insbesondere die Frage der Endlagerung radioaktiver Reststoffe und ein gewisses Unwohlsein beim Klang des Wortes "ziemlich“. Der Fehler, den vor allem viele Gegner der Atomkraft in der aktuellen Debatte begehen, ist es, grundsätzliche Fragen anhand eines partikularen Ereignisses lösen zu wollen. Fukushima hat uns auf der grundlegenden Ebene nichts gelehrt, das wir nicht schon vorher wussten. Nämlich dass es immer schlimmer kommen kann als man denkt. Im Osten nichts Neues, so könnte man sagen. Wenn AKWs eine gute Sache sind, dann waren sie das auch schon vor einem Monat. Wenn es hingegen richtig ist, sie samt und sonders abzuschalten, dann war es das bereits vor den Ereignissen in Japan. Eine Wahrheit gibt es dabei nicht. Lediglich ein Bewerten von Argumenten und Abwägen von Risiken.

Logisches Abwägen von Risiken

Der moderne Mensch ist es gewohnt, sich auf die Risikoeinschätzungen von Ingenieuren und Wissenschaftlern verlassen zu müssen. Dabei hat er ein gesundes Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen entwickelt. Würde jedes zweite Flugzeug abstürzen - die Luftfahrt wäre wohl eine Nische adrenalinsüchtiger Extremsportler geblieben. Doch die Wahrscheinlichkeit für ein Unglück ist gering, also fliegen wir. Insgeheim wohl wissend, dass es jeden Passagier zu jeder Sekunde in der Luft erwischen kann. In dieser Hinsicht besteht kein qualitativer Unterschied zu Unglücksfällen in Atomreaktoren. Einen solchen Unterschied behaupten Atomkraft-Gegner aber, indem sie auf die hohen Opferzahlen von Tschernobyl oder Fukushima verweisen. Das ist nicht unheikel, weil es die Grenze zur Instrumentalisierung der Toten schrammt. Ein Unfall mit tausend Toten ist schlimm, einer mit zehntausend Toten noch schlimmer. Aber wenn die Wahrscheinlichkeit für letzteren nur ein Zehntel so hoch ist, gleicht sich das wieder aus. Das ist kalte Versicherungslogik. Aber eine, die tief im Zentrum fortschrittstreuer Gesellschaften steckt.

Technologien sind niemals restlos beherrschbar. Was Menschen bauen, kann kaputt gehen. Was den Super-GAU von jedem anderen technischen Unfall unterscheidet, ist die Massivität, mit der er diesen Umstand in Erinnerung ruft. Es ist ein Schock, wenn sich die mühsam dienstbar gemachte Kernspaltung plötzlich gegen den Meister wendet. Aber es kann keine Überraschung sein. Regierungen müssen Entscheidungen über die Elektrifizierung ihrer Länder treffen. Wer dabei auf Atomstrom setzt, gewichtet Argumente und Risiken anders als jener, der das nicht tut. Er hat damit aber nicht die Grenzen jeglicher Rationalität verlassen, wie das Atom-Gegner suggerieren. Es ist anachronistisch, aber legitim, wenn ein Land die Risiken bewusst akzeptiert und Nuklearreaktoren betreibt. Dabei sollten freilich verbindliche Minimalstandards an Sicherheit nicht unterschritten werden dürfen. Welches Gremium auch immer diese Standards festsetzt - man wird auch dessen Urteil trauen müssen. Österreich hat sich 1978 zum Glück anders entschieden und das Atom-Nein 1999 zudem in der Verfassung verankert. Das macht die Alpenrepublik nicht klüger als andere Nationen, vielleicht aber zu einem lebenswerteren Platz.

Wie immer man zur Atomkraft steht, es ist eine Technologie mit Ablaufdatum. Nicht weil sie so unsicher wäre. Sondern weil erneuerbare Energieträger der Kernspaltung in ziemlich jeder Hinsicht überlegen sind. Man sollte nicht müde werden, das mit gebotenem Nachdruck zu betonen.

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