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Menetekel an der Wand

Die tragischen Zwischenfälle in den japanischen Atomreaktoren sollten der Menschheit ein Zeichen und Mahnmal dafür sein, sich von der Kernkraft zu verabschieden. Doch aus dem Atomzeitalter gibt es wohl keinen endgültigen Ausstieg.

Als wären das starke Erdbeben und der Tsunami in Japan, denen mehr als 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, nicht schlimm genug, droht von den beschädigten Atomkraftwerken im Norden Japans zusätzliches Unheil. 25 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl sind die außer Kontrolle geratenen Reaktorblöcke in Fukushima ein weiteres Menetekel für die friedliche Nutzung der Kernenergie. Es bedarf keiner prophetischen Gabe, sondern es genügt der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Atomenergie letztlich nicht beherrschbar ist.

Unkalkulierbares Restrisiko

Gewiss ist es ein Unterschied, ob Atomkraftwerke in einem Erdbebengebiet stehen oder in Regionen, in denen dieses Risiko gering ist. Auch Tsunamis sind nicht überall zu befürchten. Und schließlich lässt sich darauf verweisen, dass modernere Reaktortypen höhere Sicherheitsstandards erfüllen als die Kernkraftwerke der ersten und zweiten Generation. Mag also das Sicherheitsrisiko nicht überall auf der Welt gleich hoch sein und lässt es sich auch durch moderne Technik weiter minimieren, ein Restrisiko wird bleiben. Wer glaubt, dieses verbleibende Risiko als statistisch kleine Größe vernachlässigen zu dürfen, sieht sich spätestens durch die Ereignisse in Japan eines Besseren belehrt.

Die möglichen Folgen eines Atomunglücks reichen weit über den Tag hinaus. Es geht nicht nur, was schlimm genug ist, um die Evakuierung ganzer Landstriche, auch nicht nur um die befürchteten Opfer von atomarer Verstrahlung, sondern auch um die Schäden und Gefahren, die von freigesetzter Radioaktivität auf Generationen hinaus für Mensch und Umwelt ausgehen.

Davon abgesehen gibt es für die Entsorgung atomaren Mülls bis heute keine Dauerlösung, die unter Sicherheitsaspekten wie ethischen Gesichtspunkten vertretbar wäre. Viele Brennstäbe liegen weltweit in Zwischenlagern, wo sie über Jahrhunderte zu bewachen sind. Endlager müssen für Tausende von Jahren Sicherheit bieten, die doch niemand garantieren kann. Davon abgesehen lässt sich zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomenergie nicht strikt trennen, wie das Beispiel Iran zeigt.

Atomenergie mutet nicht nur der gegenwärtig lebenden Generation, sondern auch einer unabsehbaren Kette künftiger Generationen ein Sicherheitsrisiko zu, und nimmt die Ungeborenen in die Pflicht, ohne zu fragen, ob sie überhaupt in der Lage sein werden, die Folgen unseres Handelns zu bewältigen. Weder Wissenschaft noch Science-Fiction sind fähig, ein seriöses Bild von künftigen Zivilisationen auszumalen, die von unserer Gegenwart so weit entfernt in der Zukunft liegen wie die Steinzeit in der Vergangenheit.

Zu glauben, die weitere Menschheitsgeschichte werde eine Geschichte ungebrochenen wissenschaftlichen und politischen Fortschritts sein, der gleichermaßen die technische wie politische Kontrolle der Atomwirtschaft und der von ihr produzierten Abfälle garantiere, ist vermessen. Dass in diesen Tagen aus Japans Politik immer noch Stimmen zu hören sind, die weiter auf den Ausbau der Kernenergie setzen, mutet als Mischung aus Trotz und Ratlosigkeit an. Das rohstoffarme Hightech-Land mit mehr als 127 Millionen Einwohnern bezieht schon jetzt mehr als ein Drittel seines steigenden Energiebedarfs aus Atomkraftwerken. Offenbar mangelt es bis heute an ernstzunehmenden alternativen Konzepten.

Schluss mit dem Taktieren

In Europa steht es nur partiell besser. Selbst Länder wie Deutschland, die sich eigentlich zum Ausstieg aus der Atomenergie entschlossen haben, wollen diese noch für Jahrzehnte als "Brückentechnologie“ nutzen. Doch es zeigt sich, dass die Brücke Atomkraft letztlich nicht tragfähig ist. Und sofern der Ausbau erneuerbarer Energien nicht entschlossen vorangetrieben wird, führt diese Brücke ins Nirgendwo oder an den Rand des Abgrunds. Atomenergie ist auch keine verantwortbare Dauerlösung zur Reduktion des CO2-Ausstoßes, um die von der Erderwärmung ausgehenden Gefahren zu bannen.

Die Zeit des politischen Lavierens und Taktierens ist vorbei. Doch so richtig die Forderung nach einem Ausstieg aus der Kernenergie ist, wir stehen weltweit vor einem Dilemma. Von heute auf morgen sämtliche Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, löst nicht die Energieprobleme einer wachsenden Weltbevölkerung, deren Energiebedarf noch immer steigt. Energiepolitische Fehlentscheidungen vergangener Jahrzehnte sind nicht mit einem Federstrich zu korrigieren. Auch Österreich importiert Atomstrom. Und mit dem bis heute angefallenen Atommüll werden wir und künftige Generationen weiter leben müssen. Auch das Wissen um die Atombombe lässt sich nie wieder aus der Welt schaffen.

Die Lage ist paradox: Wir müssen alles tun, um von der Atomenergie frei zu werden - und sind doch dazu verurteilt, mit ihr zu leben. Das Atomzeitalter wird kein Ende haben.

* Der Autor ist Professor für Systemat. Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien.

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