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"Japan hat keine Alternative zur Atomkraft“

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

Der Kernphysiker Harry Friedmann von der Universität Wien ist davon überzeugt, dass es auch nach der jüngsten Katastrophe keine substanzielle Neuausrichtung der japanischen Energiepolitik geben wird.

Die Furche: War mit dem japanischen Unglück zu rechnen?

Harry Friedmann: Wenn man berücksichtigt, wie viele Reaktoren es weltweit gibt und wie lange sie in Betrieb sind, kann man statistisch abschätzen, wie oft so ein Unfall auftreten könnte. Ich kenne die japanischen Reaktoren nicht konkret, wundere mich aber, dass es scheinbar keine Vorkehrung gegen die Knallgasexplosion gab. Normalerweise wird dieses Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, das an der Brennstoffummantelung unter Extremtemperaturen entsteht, z. B. durch Katalysatoren wieder zu Wasser verbunden.

Die Furche: Sollten die Japaner von der Atomkraft abgehen?

Friedmann: Was wäre die Alternative? Japan hat 54 AKW. Es hat kein Erdöl, kein Gas, keine großen Flüsse. Solarenergie reicht für die Bevölkerungsmasse nicht aus. Die kleinsten Reaktoren produzieren 400 Megawatt Strom, das entspricht 200 der größten Windräder. Da kann man sich ausrechnen, wie viele man bräuchte. Außerdem wird dort nur Strom produziert, wenn es Wind gibt. Strom zwischenzuspeichern ist illusorisch, weil die Topologie keine Möglichkeit für ausreichend viele Speicherkraftwerke bietet.

Die Furche: Ein Schlag ins Gesicht aller Atomkraft-Gegner ...

Friedmann: Ja, aber durch den moralischen Bann, der auf der Kernenergie liegt, wurde die Weiterentwicklung der Sicherheitsstandards gebremst. Einfach weil vielfach keine Reaktoren mehr gebaut worden sind und die Entwicklung stillstand. Neuere Kraftwerke weisen durchwegs höhere Sicherheitsstandards auf als ältere, jedoch müssen sie weiterlaufen, da keine neuen zur Verfügung stehen.

Die Furche: Könnte die Kernfusion eines Tages als "saubere“ Alternative dienen?

Friedmann: Sauber im Sinne keiner radioaktiver Abfälle wäre die Kernfusion nicht. Es sind dort vor allem Strukturmaterialien, die durch den Neutronenbeschuss radioaktiv werden. Diese könnten eventuell so gewählt werden, dass die Halbwertszeiten der gebildeten Radionuklide geringer sind als jene der langlebigen Endprodukte der Kernspaltung.

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