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Die Koppelung von Wissen und Macht

Sind wir Sklaven der Sachzwänge oder ist die Symmetrie von Macht und Wissen ein Mythos? Kulturwissenschafter Nico Stehr referierte in Wien seine Thesen dazu.

Für sein Referat nutzte Nico Stehr die aktuelle Debatte um die Kernenergie - und konnte daran zeigen, wie sehr die Koppelung von Macht und Wissen ein "tückisches Problem“ ergibt. So erklärte er:

Seit rund 55 Jahren wird das Wissen der Atomphysik zur zivilen Energiegewinnung genutzt. Diese Anwendung von Wissenschaft hat Vor- und Nachteile, welche weite Teile der Bevölkerung nicht nur kennen, sondern auch kritisieren und das trotz der enormen Komplexität des Gegenstandes.

Zu den angenommenen Vorteilen der Kernenergie gehören geringe Kosten bei langer Laufzeit, strategische Unabhängigkeit von Brennstoffimporten und ein geringer Emissionsausstoß. Zu den größten Nachteilen zählt man neben der ungelösten Entsorgungsproblematik der Abfallprodukte vor allem Tod und Zerstörung im - höchst unwahrscheinlichen - Falle eines über dem größten anzunehmenden Unfall (kurz GAU) liegenden Zwischenfalls. Der größte Nachteil der Kernkraft sind die Folgen eines Super-GAUs.

In der Abwägung dieser Argumente kann jeder Bürger zu einem eigenen Urteil über den Einsatz von Kernkraft kommen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse im japanischen Fukushima mag es zynisch klingen, aber es stellt sich die ernsthafte Frage: Mit welchem Selbstverständnis maßen sich Bürger überhaupt an, die Risiken der Kernenergie abschätzen zu können?

Bei der Kernenergie handelt es sich um eine der kompliziertesten Technologien der Menschheitsgeschichte. Eine äußerst geringe Zahl von Wissenschaftern kennt sich mit der Materie aus und kann die Vorteile und Risiken wohl wirklich auf rationaler Basis abschätzen. Selbst diese Experten werden teilweise von der Entwicklung in den japanischen AKWs überrascht gewesen sein.

Sprache der Wissenschafter ist fremd

Wissenschaft ist kompliziert. Manche Wissenschaftsfelder sind dabei komplizierter als andere, aber allen ist gemeinsam, dass sich gut ausgebildete Menschen, - eben Wissenschafter - jahrelang intensiv mit komplexen Problemen auseinandersetzen. Für Nichtwissenschafter ist dann oft nicht mehr nachvollziehbar, worüber in den Wissenschaftsdisziplinen gesprochen wird. Die wissenschaftlichen Sprachen der Physik, Philosophie oder Medizin sind für den Laien nicht mehr nachzuvollziehen. Sie sind aber auch untereinander nicht mehr kompatibel. Eine Nebenwirkung der stetigen Differenzierung und Komplexitätssteigerung des menschlichen Wissens. Einen Universalgelehrten wie Leonardo da Vinci könnte es heute nicht mehr geben.

Zugleich werden die Risiken unserer Möglichkeiten offensichtlich stets größer. Minderheiten von Personen ringen auf ihren jeweiligen Spezialgebieten um einen bestmöglichen Umgang mit der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Entscheidung darüber, welches theoretische Wissen dann zu den Technologien von morgen umgesetzt wird, fällen in Demokratien - optimalerweise - aber Mehrheiten. Worin Gesellschaften ihre knappen Ressourcen investieren, ist ein demokratisches Problem. Die Entscheidung hierüber an "Experten“ auszugliedern, käme einer Entmündigung der Bürger gleich. Doch wenn das Feld der Wissenschaft mit signifikantem Einfluss auf die Politik kommuniziert, mit welchem Einfluss kommunizieren dann die Bürger mit der Wissenschaft?

Hier beginnt die Diskussion, die der Professor für Kulturwissenschaften, Nico Stehr, führt. Er widerspricht der These, die Bürger demokratischer Gesellschaften fänden keinen Zugang mehr zu den Diskursen des Wissens. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen der steigenden Komplexität wissenschaftlicher Probleme für die Partizipation in demokratischen Gesellschaften.

"Die Konvergenz von Macht und Wissen ist ein tückisches Problem - a wicked Problem“ -, so Stehr. Die Koppelung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Politik sei zwar notwendig für die Entscheidungsfindung der jeweiligen Regierungen, sie könne aber ebenso für die Demokratie problematisch sein.

Wie kann man mit Naturrisiken, Risikotechnologien oder den Gefahren des Terrorismus möglichst rational, also wissenschaftlich umgehen, ohne die Demokratie aufs Spiel zu setzen? Können die Bürger gehört werden, ohne die Effizienz des Systems aufs Spiel zu setzen?

Problem der Definition und endloser Ketten

Die Antwort liegt in der Struktur der verzwickten Probleme selbst. So verunmöglichen es tückische Probleme meistens, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen klare Anweisungen für das Verhalten abzuleiten. Der Klimawandel ist weniger ein Einzelproblem als vielmehr ein anhaltendes Probleme, also Teil verschiedener Probleme: der Ressourcenknappheit, des Bevölkerungswachstums, der Landnutzung, der Ressourcenverteilung und anderer mehr.

Ein Aspekt im Umgang mit diesem Problem zeigt jener mit Atomstrom auf, denn dieser ist selbst wieder ein tückisches Problem, zusammenhängend mit Bevölkerung, Verbrauch an Energie.

Tückische Probleme kann man nicht endgültig formulieren, denn "wir wissen nicht, wann wir genug wissen, um ihnen angemessen zu begegnen“. Die Kausalketten sind endlos. Bereits die Definition von verzwickten Problemen hängt von den Lösungsvorstellung ab. Auf wessen Kosten und unter besondere Gewichtung welcher Aspekte soll ein Problem angegangen werden? Steht die Ressourcenknappheit oder die Entsorgungsproblematik im Vordergrund? Praktische Probleme der Politik sind mehr und mehr tückische Probleme.

Nico Stehr teilt daher die These von der unvermeidlichen Versklavung der Menschheit unter Sachzwänge nicht. Seiner Meinung nach birgt Wissen vor allem die Möglichkeit von Handlungsmacht. Wissen ist nicht Macht, Wissen ermöglicht Macht. Eine Möglichkeit der Umsetzung von Wissen war die Kernenergie, die Verwirklichung dieser Möglichkeiten liegt aber bei den politischen Akteuren.

Um bei komplexen, verzwickten Problemen zu realistischen Urteilen zu kommen, gibt es keine allgemeine Lösung, sondern nur Lösung von Fall zu Fall. Hier kommt die demokratische Art, Entscheidungen zu finden, ins Spiel. Es bilden sich jeweils verschieden zusammengesetzte Öffentlichkeiten, die sich ihre Meinungen zu den Themen bilden. Die Behandlung komplexer Probleme erfordert oft weniger wissenschaftlich "rationale“ Erkenntnis in der Sache, sie ist vielmehr eine Frage der Gerechtigkeit in der Verteilung von Gütern.

Es bedarf zwischen Bürger und Wissenschafter keiner Symmetrie im Wissen, um Expertenwissen zu hinterfragen. Demokratischer Einfluss auf den Umgang mit Wissen bedeutet für Stehr die gesellschaftliche Autorisierung von Handlungsvermögen. Diese verschiebt sich nicht in Richtung einer Elite, sondern in Richtung der Zivilgesellschaft und zwar in jenem Maße, in dem ein immer größerer Teil der Bevölkerung immer gebildeter wird.

Wissen zu erwerben ist teuer

Der Zusammenhang von Macht und Wissen zeigt sich vor allem bei den Bildungschancen. "Die Transaktionskosten für den Erwerb von Wissen sind hoch“, so Stehr. Der Erwerb von Wissen ist teuer, zu teuer für weite Teile der Gesellschaft, und muss daher vom Staat geregelt werden. Wenn der Experte aber nicht mehr Macht haben soll als der Laie, dann sollte der Laie möglichst mündig über den Experten urteilen können. Dieser Prozess ist in vollem Gange.

Für Stehr verschwimmt der Unterschied zwischen wissenschaftlichem Wissen und Alltagswissen zunehmend. Nicht mehr der Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen sei konstitutiv für moderne Gesellschaften, sondern deren Überfluss. Das Problem liegt im Zuviel des Wissens. Gesellschaften sind zunehmend weniger auf neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften, sondern mehr auf das ermöglichende Wissen der Sozialwissenschaften angewiesen, um naturwissenschaftliches Wissen einzuordnen und zu organisieren.

Die Beschränkungen der Technologien sind nicht das Problem unserer Gesellschaft. Die Vielzahl der Möglichkeiten, Technologien zu wählen und zu fördern, verursacht das Problem. So stehen beispielsweise zahlreiche technologische Lösungen zur Verfügung, um Energie herzustellen. Welche davon mit den knappen verfügbaren Ressourcen entwickelt und genutzt werden sollen - das muss eine möglichst gebildete Zivilgesellschaft entscheiden, soll sie eine demokratische sein.

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