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Killerviren, die große Herausforderung

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Die erstmals bei Menschen auftretende "Vogelgrippe" sorgt nicht nur in Hongkong für Aufregung. Ein Warnhinweis auf kommende Seuchenzüge, sagt Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien.

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Die erstmals bei Menschen auftretende "Vogelgrippe" sorgt nicht nur in Hongkong für Aufregung. Ein Warnhinweis auf kommende Seuchenzüge, sagt Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien.

dieFurche: In den sechziger Jahren hieß es, man werde gefährliche Infektionskrankheiten bald "in den Griff bekommen". Es scheinen aber eher neue, tödliche Erreger auf dem Vormarsch zu sein.

Professor Michael Kunze: Man war sicherlich zu sehr von der Tatsache beeindruckt, daß es gelungen war, verschiedene Kinderkrankheiten wie Pocken, Masern, Mumps etc. auszurotten. Diese theoretische Ausrottbarkeit hat uns dann wohl zu übertriebenem Optimismus veranlaßt. Allerdings muß man dazu sagen, daß uns in Österreich diese Ausrottung nicht so gut gelungen ist wie anderen Ländern. Finnland beispielsweise ist komplett masernfrei, bei uns hingegen treten mehr Fälle von Masern auf als in den USA!

Ja, und dann kam Aids. Diese Krankheit wirkte wie Tschernobyl, und seither denken wir anders. Niemand weiß, wie lange es Aids schon gegeben hat. Aber Wanderbewegungen und der moderne Sextourismus haben für weltweite Ausbreitung gesorgt.

dieFurche: Die Vogelgrippe (siehe Beitrag unten) verursacht derzeit in Hongkong großen Wirbel. Bisher hat das Virus nur Wasservögel und Geflügel befallen, jetzt sind bereits einige Menschen daran gestorben und die Krankheit dürfte auch auf andere Menschen überspringen. Droht eine Seuche?

Kunze: DieVogelgrippe dürfte für uns kein Problem werden, sie ist aber ein Warnhinweis.

dieFurche: Worauf?

Kunze: Die Fachwelt ist sich einig - und das hat jetzt nichts mit der Vogelgrippe zu tun -, daß wir in den nächsten Jahren mit neuen Stämmen von Influenzaviren rechnen müssen.

Das Influenzavirus verändert sich jedes Jahr ein bißchen, und es ist nicht auszuschließen, daß daraus ein ganz neues Virus entsteht, dem wir schutzlos ausgeliefert sind, wenn wir uns nicht entsprechend vorbereiten.

Eine solche Grippewelle könnte aus dem asiatischen Raum kommen. Dort leben Mensch und Tier noch eng zusammen. Die Influenzaviren befallen Hühner, Schweine und Wasservögel. Durch mangelnde Hygiene und engen Kontakt ist eine Übertragung auf den Menschen möglich.

dieFurche: Worauf sollen wir uns vorbereiten, wenn nicht einmal bekannt ist, welche Viren genau uns attackieren werden?

Kunze: Stimmt, aber man kann Szenarien entwickeln. So ein Fall läßt sich genauso durchspielen wie die Explosion eines Atomkraftwerkes. Wichtig sind ja organisatorische Vorkehrungen: Wer gehört dem Krisenstab an? Wie sollen die Medien reagieren? Wie vermeidet man Menschenansammlungen? Wie lange werden die Impfstoffhersteller brauchen? Wird genug da sein? Wer bekommt den Impfstoff zuerst? Kinder? Alte? Die Ärzte? Da geht es um ganz brutale Fragen.

dieFurche: Drohen Grippewellen wie 1956 und 1968 mit Millionen Toten?

Kunze: Niemand weiß das genau. Ich weiß aber, daß die halbe Welt sich darauf vorbereitet. Es gibt entsprechende Pläne von der Weltgesundheitsorganisation, die Schweiz hat zuletzt einen Alarmplan veröffentlicht.

Eine normale Influenza-Epidemie fordert in Österreich zwischen zwei- und dreitausend Menschenleben. Im Falle einer solchen neuen Epidemie wären es zehnmal so viele oder noch mehr. Das heißt, es würden zehnmal mehr Menschen daran sterben als durch Aids. Ich wünsche mir über diese Gefahr eine ähnliche Aufgeregtheit wie über Aids!

Das Gespräch führte Elfi Thiemer.

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