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Corona und der Blick zurück, Teil 3: Die Seuchen und ihre Opfer

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Dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, gilt wohl nie so sehr wie in den Zeiten der Seuchen.

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Dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, gilt wohl nie so sehr wie in den Zeiten der Seuchen.

Im Frühjahr 1832 saß Heinrich Heine in Paris und schrieb für die Augsburger Allgemeine Zeitung über die „Französischen Zustände“ eine Artikelserie, die im Jahr darauf auch als Buch erschien. In einer Anmerkung zur Buchausgabe erklärte Heine entschuldigend, dass sein Bericht leider nicht „schön und meisterhaft“ geraten sei, weil er „gleichsam ein Bulletin ist, das auf dem Schlachtfelde selbst, und zwar während der Schlacht geschrieben worden“.
Die Schlacht, die um den Dichter tobte, während er schrieb, war die Cholera, die Ende März 1832 in Paris Einzug gehalten und, zuerst noch belächelt, sich rasch zu einer Epidemie mit tausenden Toten ausgewachsen hatte. Wer konnte, suchte das Weite, nicht jedoch Heine, der weiter seine Artikel schrieb und so der Nachwelt ein anschauliches Zeugnis der Ereignisse überlieferte. Dabei wahrte der notorische Spötter inmitten des Grauens, das ihn umgab, die ihm eigene ironische Distanz: „Obgleich die Cholera sichtbar zunächst die ärmere Klasse angriff, so haben doch die Reichen gleich die Flucht ergriffen. Gewissen Parvenüs war es nicht zu verdenken, daß sie flohen; denn sie dachten wohl, die Cholera, die weit her aus Asien komme, weiß nicht, daß wir in der letzten Zeit viel Geld an der Börse verdient haben, und sie hält uns vielleicht noch für einen armen Lump und läßt uns ins Gras beißen.“

Metaphern des Krieges

Um eine Ahnung zu bekommen, wie die Situation dem Dichter tatsächlich zusetzte, muss man seine Anmerkungen zur Buchausgabe lesen, die erst entstanden, als die Cholera längst weitergezogen war. Da erinnert er sich beim Anblick plaudernder Französinnen in einer Markthalle, dass dort „während der Cholerazeit, hoch aufeinandergeschichtet, viele hundert weiße Säcke standen, die lauter Leichname enthielten“ und „daß zwei kleine Knäbchen mit betrübter Miene neben mir standen und der eine mich frug, ob ich ihm nicht sagen könne, in welchem Sacke sein Vater sei“. Zwar bestritt Heine noch im Rückblick, während der Epidemie „die mindeste Unruhe empfunden zu haben“, doch gab er zu, bei seiner Arbeit „viel gestört“ worden zu sein, „zumeist durch das grauenhafte Schreien meines Nachbars, welcher an der Cholera starb“. Deshalb habe er ihr Wüten auch nicht so „schön und meisterhaft“ schildern können wie ein Thukydides oder ein Boccaccio „die Cholera ihrer Zeit“.

Dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, gilt wohl nie so sehr wie in den Zeiten der Seuche. Heine war nicht der Letzte, der vor dem Massensterben während einer Epidemie in Metaphern des Krieges flüchtete („während der Schlacht“). Den Krieg gewinnt allerdings nur, wer ihn überlebt. Seine Verlierer erzählen keine Geschichten. Im Angesicht des Todes sind sie mit Sterben vollauf beschäftigt, und danach sind sie tot. Daher kann auch niemand erzählen, wie es wirklich ist, an einer Infektionskrankheit wie der Cholera, der Pest oder der Grippe zugrundezugehen. Nur selten dringt menschliches Leid, das „grauenhafte Schreien“ von Heines Pariser Nachbarn, durch einen Text wie durch eine Tür oder dünne Wand.

Folgen für Körper und Seele

Jenseits dieser absoluten Unterscheidung von Leben und Tod gibt es auch unter denen, die eine Epidemie überleben, immer Gewinner und Verlierer. Zu letzteren zählen in Heines Bericht die „zwei kleinen Knäblein mit betrübter Miene“: Menschen, die Angehörige verlieren, Kinder vor allem, die zu Waisen werden, aber auch solche, die das Unglück haben, zwar schon gezeugt, aber noch nicht geboren zu sein. Laut einer Studie waren US-Amerikaner, die die sogenannte „Spanische“ Grippe-Pandemie von 1918 im Mutterleib überlebt hatten, später überproportional häufig von Armut, niedriger Bildung und Körperbehinderungen betroffen.

Als Verlierer sind auch jene Opfer einer Epidemie anzusehen, die zwar die Infektion selbst überleben, aber mitunter noch jahrelang an körperlichen oder psychischen Folgeschäden leiden. Untersuchungen zur Spanischen Grippe in Norwegen haben gezeigt, dass in den Jahren 1918 bis 1923 auffällig mehr Menschen in psychiatrische Anstalten eingewiesen wurden als zu anderen Zeiten. In den USA wurde im Gefolge derselben Pandemie ein Anstieg der Suizidrate um zehn Prozent beobachtet.

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