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Angst - Gewitter der Seele

Werden die Menschen immer ängstlicher? Diese Frage scheint zumindest in den Medien ein beherrschendes Thema zu werden. So fragte kürzlich die Süddeutsche Zeitung: "Wenn Angst zur Krankheit wird: Eine neue Plage zur Jahrtausendwende?"

Was ist Angst? Angst ist ein Überlebenstrieb, eine grundsätzlich gesunde Reaktion des Menschen und ein Frühwarnsystem der Seele. Durch Angst kann der Mensch Gefahren rechtzeitig erkennen und abwenden, erklärt der Priester und Psychotherapeut Arnold Mettnitzer (siehe Interview Seite 14). Daß Angst im Prinzip "etwas Gutes" ist, darüber sind sich Ärzte, Therapeuten und Soziologen einig. Auch darüber, daß diese Empfindung den Menschen einen genetischen Vorteil gebracht hat. Angst vor der Angst, die gedachte, kognitive Angst, ist ein typisch menschliches Phänomen, ließ Vorsorgesysteme schaffen und ist vermutlich mit ein Grund für die einzigartige Ausbreitung des Menschen. "Deswegen sind wir überhaupt so erfolgreich. Unsere ganze Kultur hat sich wahrscheinlich mit Hilfe des Motors Angst entwickelt", diagnostiziert etwa der Arzt und Psychotherapeut Georg Schönbeck (siehe Interview Seite 15).

Diese "sinnvolle" Angst kann bei vielen Menschen allerdings zur Krankheit werden. Vor allem, wenn sich der Mensch als Individuum existentiell gefährdet fühlt, meint Schönbeck. Eine der häufigsten Angsterkrankungen in den Industrieländern sind Panikattacken, plötzlich einsetzende intensive Angstzustände, Depression und die Sozialphobie, eine extrem übersteigerte Angst vor anderen Menschen (siehe Seite 16). Daß die Zahl von Angsterkrankungen zunimmt, glauben Psychotherapeuten jedoch nicht. Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes "krank vor Angst" sind, hat es schon immer gegeben, in den Städten ebenso wie auf dem Land. Die Angst an sich hat sich nicht verändert. Wenn es rapide Veränderungen gegeben hat, dann in der Psychologie und Angstforschung. Die heutige Gesellschaft geht bewußter mit dem Angstphänomen um als jene vor 100 Jahren. Die Forschungsarbeiten von Sigmund Freud haben grundlegende Erkenntnisse gebracht.

Zu diesem Schluß kommt auch Peter Berger, Leiter der Panikambulanz im Wiener AKH: "Angststörungen kennt man seit Jahrzehnten. Es gibt keine Hinweise, daß es mehr Menschen mit Angststörungen gibt. Man spricht nur mehr darüber. Dadurch steigt die Zahl der diagnostizierten Fälle."

Die Angstforschung unterscheidet zwischen unbewußten und realen Ängsten, wie etwa die Angst vor Hunger, Seuchen oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Diese sogenannten Existenzängste können aber durchaus auch krankmachenden Charakter bekommen, meint Oberarzt Berger.

Und hier besteht tatsächlich ein Unterschied zu den Angstkrankheiten, zumindest in der jüngeren Vergangenheit. Die realen Sorgen und Ängste haben deutlich zugenommen (siehe Grafik 1, Seite 14). Die Stimmungslage ist derzeit außerordentlich schlecht, vieles wird von den Österreichern bedrohlicher erlebt als noch vor wenigen Jahren. An erster Stelle steht dabei die Angst vor Arbeitslosigkeit. Anläßlich einer Umfrage des Linzer IMAS-Institutes gaben drei von vier Befragten an, daß sie es für besonders wahrscheinlich halten, daß die Zahl der Arbeitslosen in Zukunft steigen wird. Auf Platz zwei der Entwicklungen, mit denen weit mehr als die Hälfte der Österreicher "mit ziemlicher Sicherheit rechnen", wird angegeben, daß der Leistungsdruck im Berufsleben in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Gefolgt von der Angst, daß die Menschen immer mehr durch Computer ersetzt werden und daß österreichische Betriebe zunehmend in ausländische Abhängigkeit geraten. Ähnliche Ergebnisse hat das IMAS-Institut auch schon bei der traditionellen Neujahrsumfrage präsentiert. Mehr als die Hälfte der Österreicher sieht für 1998 "eher schwarz". Nur zweimal war der Stimmungspegel niedriger als heute: 1973/74 nach dem Erdölschock, und zu Beginn der achtziger Jahre unter dem Eindruck vieler Firmenpleiten und wachsender Arbeitslosigkeit.

Aber, und das beunruhigt Andreas Kirschhofer, Geschäftsführer des IMAS-Institutes besonders: "Die Stimmungslage ist konstant tief. Denn es kommen verschiedenste angstmachende Reformen auf uns zu: Pensionsreform, Sparpaket und der Euro. Sie drücken auf die Stimmung. Hinzu kommt, daß die Bevölkerung zur Zeit niemanden sieht, der diese Probleme lösen könnte. Es mangelt an Hoffnung." Und, so Kirschhofer, es kommt derzeit immer massiver eine neue Angst dazu: Die Gentechnik und mit ihr die Möglichkeit, unwiderruflich in die Schöpfung eingreifen zu können.

"Vergleicht man die Sorgen- und Ängste-Landschaft von 1991 mit der von heute, so entsteht ein Bild des Österreichers, der nahezu alle abgefragten Angstfelder heute viel besorgniserregender erlebt als noch vor sechs Jahren (siehe Grafik 2, Seite 14), meint auch das Linzer "market"-Institut.

Für Mitarbeiter Uwe Bako liegt die Stimmungslage sogar zeitweise in einem "Horrorbereich". "Warum das so ist, läßt sich schwer erklären. Viele Impulse gehen aber von der Regierung aus. Die Angst vor einer Endzeitgesellschaft hat aber sicher nichts damit zu tun", ist Bako überzeugt. Das Linzer market-Institut stellte daher in einer Aussendung die Frage: "Mutieren wir zur Angstgesellschaft?"

"Wir befinden uns bereits mitten in einer Angstgesellschaft", meint dazu Othmar Hill, Wirtschaftspsychologe in Wien. Hill vertritt die Ansicht, daß unsere Ängste mehr werden, in dem Maße, in dem die Verdrängung von Sterbeangst zunimmt. "Ich glaube, eines der wesentlichen Dinge ist, daß die Menschen heute unbearbeitete Sterbeangst haben. Der langsame Verfall, das Altern, wird zunehmend verdrängt."

Das Symptom der Sterbeangst sei die Lebensgier. "Wenn ich schon nicht länger Leben kann, dann möchte ich wenigstens so viel wie möglich erleben", umschreibt Hill dieses "Schöpfen aus dem Leben aus Verzweiflung", das jedoch letztlich nie befriedigend ist und daher Angst auslöse. "Wir schaffen uns beispielsweise so viel Freizeit, damit wir sie nachher wieder vollstopfen können. Opfern, Zeit und Geld teilen, Zärtlichkeit schenken, das tut keiner mehr, und das ist für mich der Ausdruck unserer Krankheit, der Lebensgier und die daraus resultierende Angst."

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