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Die Feinde des Mutigen

Die Angst wurde seit jeher von Mächtigen instrumentalisiert, um Herrschaft zu sichern. Eine kleine Kulturgeschichte der Angst und ihrer Profiteure.

Kaum war der „Kuckuck-Ruf“ im Radio zu hören, eilten alle Hausbewohner in den Keller. Dort warteten sie ergeben bei flackerndem Licht auf das, was seit dem Herbst 1944 zum Alltag zählte: der Anflug eines alliierten Bomberverbands. Die Kellerinsassen hatten schnell zu beten begonnen. Einige Male schrie eine ältere Frau auf, lieber auf der Straße von den Bomben zerrissen als hier herunten im Keller lebendig begraben zu werden. Die Angst war ihr ins Gesicht geschrieben. Mit Gewalt musste man sie im Keller festhalten.

Warum man als Kind eine solche Angst nicht kannte, ist nicht allein wegen mangelnder Einschätzung der Gefahr zu erklären: Da war die warme Hand der Mutter oder Großmutter und dazu das warme Licht der Kerze. Schlimmer als dieses Zittern der Mauern war die Langeweile, die gespenstische Finsternis, kein Spiel weit und breit und dazu das befremdend-rätselhafte Verhalten der Erwachsenen.

Spielen vor dem Schlupfloch der Natter

In den Visionen des Jesaias wird vor allem von einer „Welt“ ohne Angst gesprochen. Dort kann ein Kind ungefährdet beim „Schlupfloch der Natter spielen“. Und es scheint in den großen Erzählungen dieses Goldene Zeitalter irgendwann gegeben zu haben – so in den Metamorphosen Ovids. Und seither scheint es Angst zu geben, begleitet von Schamgefühl und Hass, der als ersten Abel traf.

So begegnen wir bei den Naturvölkern zahllosen Ängsten vor Geistern und Naturgewalten. Selbst unsere moderne Zivilisation wird von Ängsten heimgesucht, doch zum überwiegenden Teil glauben wir dem Trost der Wissenschaft, denn ganz allgemein wird Angst als Symptom vornehmlich individueller psychischer Erkrankung dargestellt. Wie auch immer tausende Ängste das Bewusstsein des Menschen besiedeln – sie mondän als Aufdringlichkeit individueller Fiktionen durchschauen zu wollen, wird letztlich nicht die weite Dimension der Angst hinreichend erklären können und uns von ihr erlösen. Lässt man einmal das weite Feld der Psychologie und Psychiatrie beiseite und billigt beiden bereitwillig zu, für die Prüfungsängste bis zur Platz- und Existenzangst vieler Menschen kompetent zu sein, so bleibt noch immer ein Bereich im Dunkel: Angst scheint nämlich über ähnliche Eigenschaften zu verfügen wie Infektionen. Für „infektiöse“ Angst wird es keine eindeutig kausale Erklärung geben können.

Das Motiv des Thukydides für die Beschreibung der Geschichte des peloponnesischen Krieges war unter anderem, mit der Darstellung von Bedrohungsszenarien den Lesern Angst zu machen – vor Sparta und dessen Verbündeten; oder umgekehrt: für Thukydides war die Angst eine gleich starke Triebfeder für menschliches Handeln wie Besitz, Ehre und Habgier. In der Hochblüte Athens absolvierten die großen Redner daher nicht nur das Unterrichtsfach „Rhetorik“, sondern ein Teil des Lehrstoffes war eine „Angstlehre“. In ihr erlernte man, wie man als öffentlicher Redner Emotionen wecken kann, sie in eine Waffe verwandelt und gekonnt einsetzt.

Zur gleichen Zeit war in Sparta „seit den Tagen Homers“ eine Gottheit verehrt worden, die präzise zum tradierten Bild von Sparta „passt“: die Gottheit Phobos. Gefühls- und momentbezogen steht Phobos für affektive Angst, die Misserfolg, Scheitern und Flucht bewirkt. Dieses Scheitern dem Gegner zu bereiten, war das spartanische Flehen zu diesem Gott. Dass hierauf Aischylos die Angst als politisch-dramaturgisches Instrument in den Tragödien – Eumeniden – verwendet, wird man schnell verstehen. Über Angst kommt es zur stabilen Herrschaft in der Polis und muss sich ihre Dauerform in Furcht/„Ehrfurcht“ schaffen; anders bei Sophokles, der in den Tragödien die tradierte Gesellschaftsordnung mit der Hilflosigkeit menschlicher Angst konfrontiert. Fast könnte man meinen, im Griechischen von Sophokles habe Angst dieselbe Etymologie wie in unserer Sprache: Die Angst leitet sich von Enge ab, in der Tragödie wird der Handlungsspielraum der Akteure immer enger und drängt ins Verderben. In der Assimilation griechischen Denkens mit christlicher Theologie blieb die alte Affektenlehre bestehen, wird sie Bildungsgut des Mittelalters bis zur Neuzeit. Beredten Ausdruck fand diese zuverlässig wirkende Produktion von Angst und die Erlösung von dem Übel im „Ludus de Antichristo“ im Hochmittelalter, weshalb so viele Fürsten als politisches Gegenprogramm den Namen Friedrich erhielten. Vor dem reißenden Wolf, dem Teufel, seit der Bibel eine bekannte Metapher, schützt ein Friedensreich der Kaiser und Grafen, die alle zusammen häufig Friedrich heißen – nicht der Papst.

Erst in der Renaissance werden Ängste wieder von der Philosophie entdeckt, da man im Humanismus meinte, Angst sei nicht der Pferdefuß der Sünde. Die Rezeption der stoischen Lehre und deren Definition der „passiones“ hätte sich wirklich nicht mehr ins Mittelalterliche zurückdrehen lassen. Allerdings sind „Leidenschaften“ offenkundig individuelle Merkmale und begünstigen eher eine „Psychologisierung“, weshalb der „Einsatz“ von Angst als politisches Instrument in den Hintergrund rückt. Ausgerechnet nach Renaissance-Humanismus und auf dem Weg in die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mehren sich die Infektionsherde für Ängste aller Art: Einmal sind es Hexen, ein anderes Mal ist es der böse Blick, beinahe naturwissenschaftlich akribische Beobachtungen dienen zur Diskriminierung von Menschen, sei es, dass sie Seuchen verbreiten, Schuld an Epidemien haben oder es werden „Sündenböcke“ erfunden wie Juden oder Roma, Fremde und Eindringlinge. So gut es uns gelingen mag, die psychologisch/psychiatrische Seite der Ängste zu erfassen – und das begann mit der Geburt der Psychologie im 17. Jahrhundert bei Robert Burton, so scheint die soziale Komponente, die gerade in einer sich entwickelnden aufgeklärten Gesellschaft bedeutend ist, eher oberflächlich und zu gering beachtet. So ist zu dem Zeitpunkt, an dem Öffentlichkeit über das Bürgertum zu einer politischen Funktion aufsteigt und recht schnell nach verfassungsmäßiger Anerkennung verlangt, die „gesellschaftsbezogene“ Angst beseitigt – so wird behauptet, und zugleich gelingt die Manipulation der Öffentlichkeit durch Angst.

Manipulation der Öffentlichkeit

Die grausamste Erfüllungsgehilfin für diese larmoyante Ambivalenz zur Bestimmung von Angst wird die Guillotine. Die literarische Variante, die im 19. Jahrhundert das Bühnenbild für den Auftritt der Ängste bereitet, ist das Grauen bei Edgar Allen Poe oder bei Joseph Conrad, eine Dekonstruktion des Erhabenen aus dem Zeitalter der „Klassik“. Genau dieses Phänomen wird zu einem Merkmal der Moderne und mit Hilfe technischer Zurüstungen wird Angst herstellbar und verbreitet wie die Morgenzeitung. Die individuellen Neurosen mögen ihre Therapeuten finden, die Übung der Fähigkeit zur Besonnenheit hingegen unterbleibt grundsätzlich. Und gerade Besonnenheit ist nötig. Denn seit dem Club of Rome beispielsweise können wir Angst vor Gefahren haben, ohne zu wissen, um welche es sich handelt, wie realistisch sie sind und was zur Vermeidung getan werden kann. Seit der ominösen „gelben Gefahr“ werden Ängste heraufbeschworen, die in immer schnellerer Folge vorüberziehen, bald so real wie Hiroshima, bald so schwer überprüfbar wie Waldsterben und Klimakatastrophe. Die Angst wird heraufbeschworen, ein übles Ereignis soll unmittelbar vor der Tür stehen, eine drohende Katastrophe und vermutlich sollen wir in Panik reagieren. Es ist ein terroristisches Szenario, dessen sich Politik und Medien bedienen, um an der Gesellschaft das „Stockholm-Syndrom“ zu üben.

Der Autor ist Professor für Kultursoziologie an der Uni Wien

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