Alles kreist um's "Ich"

1945 1960 1980 2000 2020

Selbstverwirklichung ist heute ein zentraler Wert. Das wirkt auf Ältere egoistisch ist aber notwendig, so der deutsche Sozialforscher Klaus Hurrelmann.

1945 1960 1980 2000 2020

Selbstverwirklichung ist heute ein zentraler Wert. Das wirkt auf Ältere egoistisch ist aber notwendig, so der deutsche Sozialforscher Klaus Hurrelmann.

dieFurche: Die Aussage "Jugendliche seien völlig unpolitisch" ist immer wieder zu lesen und zu hören. Stimmt das?

Klaus Hurrelmann: Die Aussage ist so falsch. Wir haben bei Erwachsenen die Tradition, daß wir sie fragen, ob sie sich für Politik interessieren. Genau die gleichen Fragen stellen wir Jugendlichen. Und dabei kommt heraus, daß der Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gering ist. Wir sollten gleiche Maßstäbe anlegen. Nur zu mutmaßen, sie seien unpolitisch, weil sie sich irgendwie anders verhalten und auf andere Weise mit politischen Themen umgehen, das halte ich für falsch. Es stimmt, daß sich das politische Interesse und die Aktivitäten verschoben haben. Es gibt andere Bereiche, die junge Menschen für wertvoll erachtet. Aber daraus kann man nicht pauschal auf ein geringeres politisches Interesse schließen.

dieFurche: Welche Werte und Ideale erachten junge Menschen heute für wichtig?

Hurrelmann: Es kreist alles um die eigene Person. Alles was mit Selbstverwirklichung zu tun hat, ist wichtig. Das Motto lautet: ,die Welt mit eigenen Augen sehen'. Das wirkt auf ältere Menschen egoistisch. Wir wissen aber, daß das eine Entwicklung ist, die sich in allen westlichen Gesellschaften - auch bei der älteren Generation - einschleicht. Pflichtwerte - wie Ordnung , Disziplin, Regeln stur einhalten, Autorität achten - sind bei Jugendlichen wenig gefragt. Das führt dazu, daß junge Menschen auch im politischen Bereich Antworten auf ganz persönliche Fragen und Probleme suchen. Deswegen hat die junge Generation auch ein emotionaleres Politikverständnis. Wir Älteren können das etwas schwer handhaben und viele von uns glauben, es sei unpolitisch, wenn man Ängste, Sorgen und persönliche Verunsicherung in die politische Diskussion hineinnimmt.

dieFurche: Welche Gründe gibt es dafür, daß Selbstverwirklichung für junge Menschen so wichtig ist?

Hurrelmann: Jede Generation entwickelt Wertorientierungen, die für das soziale und psychische Leben und Überleben hilfreich sind. Heute müssen Jugendliche Selbststeuerungsfähigkeiten sehr hoch entwickeln. Das ist in einer offenen Gesellschaft ohne soziale Leitplanken notwendig. Diese Leitplanken müssen sich Jugendliche nun selbst setzen und einen eigenen Kompaß entwickeln. Das sind sehr hohe Anforderungen an junge Menschen in einer Gesellschaft, die Soziologen als völlig individualisiert bezeichnen, ohne feste Vorgaben durch Traditionen, Herkunft und Geschlecht. Im historischen Vergleich ist das zwar eine wunderbare Entwicklung, aber dafür müssen Jugendliche sensible Antennen entwickeln. Insofern ist die Selbstreflexion und das Streben nach Selbstverwirklichung eine ganz natürliche Reaktion.

dieFurche: Welche politischen Themen interessieren Jugendliche?

Hurrelmann: An erster Stelle stehen die Themen Arbeitslosigkeit und Umweltschutz. Aber auch hier projizieren Jugendliche ihre eigenen, ganz persönlichen Bedürfnisse in den politischen Raum. Sie kritisieren, wie wenig im Arbeitsbereich getan wird und spüren, daß sie davon betroffen sein könnten, auch wenn sie fachlich und schulisch gut sind. 15 Prozent bleiben etwa in Deutschland auf der Strecke, weil einfach kein Arbeits- oder Ausbildungsplatz für sie da ist. Das ist für sie eine Zukunftsbeunruhigung. Ähnlich ist es im Umweltbereich. Da haben sie die Sorge, daß ihre Umwelt verschüttet und verschmutzt wird. Daß sie sich auch umweltbewußt verhalten, das ist natürlich nicht unbedingt der Fall, ähnliches gilt natürlich auch für uns Ältere.

dieFurche: Einerseits schreiben sie in ihrem Buch "Jugend und Politik" (siehe auch Seite 16), daß viele Jugendliche heute kleine Erwachsene sind. Andererseits zögert sich etwa die Schulausbildung immer mehr hinaus und einige Wissenschafter sprechen sogar von einer "kindlichen Gesellschaft", von jungen Menschen, die nicht erwachsen werden wollen.

Hurrelmann: Die einzelnen Lebensphasen sind ins Rutschen geraten, das gilt für alle westlichen hochentwickelten Länder. Die Kindheit wird immer kürzer, die Jugendphase beginnt früh, bereits mit elf, zwölf Jahren. Auch die Pubertät hat sich sehr stark nach vorne verschoben. Es werden bereits von Zwölfjährigen Aufgaben verlangt, die noch vor einer Generation für 15-, 16jährige charakteristisch waren. Etwa im Umgang mit Geld und Medien. 13jährige haben zu 80 Prozent ein eigenes Konto. Sie haben ihre eigenen Beziehungen, sie nehmen früh sexuelle Kontakte auf. Sie verhalten sich in diesen Bereichen sehr selbständig und erwachsenenähnlich, manchmal auch erwachsenengleich.

Aber zugleich werden sie nicht in die Erwachsenengesellschaft - etwa bei der Erwerbsarbeit - hineingelassen. Die Ausbildung dauert immer länger, sie werden künstlich vom Erwerbsmarkt zurückgehalten. Das ist eine gesellschaftliche Kluft, die junge Menschen aushalten müssen.

dieFurche: Sie sprechen sich für ein Herabsenken des Wahlalters aus. Warum?

Hurrelmann: Das hängt mit dem eben Angesprochenen zusammen. Jugendliche müssen sich heute orientieren und eine eigene Lebensperspektive entwickeln. Die Urteilsfähigkeit wird entwicklungspsychologisch bei zwölf Jahren angesetzt. Es ist unumstritten, daß in diesem Alter eine moralische, soziale und wertemäßige Urteilsfähigkeit einsetzt. Und ich glaube daher, daß wir das Mindestwahlalter von 18 Jahren schrittweise senken können. Damit zeigen wir, daß wir Jugendliche als Generation respektieren, und sie an wichtigen Entscheidungen teilhaben lassen wollen. Wir übergeben ihnen damit zugleich Verantwortung, die von vielen Jugendlichen auch als solche empfunden wird. Am Ende glaube ich, daß nur durch eine Mitbeteiligung junger Menschen an politischen Prozessen deren Ohnmachtsgefühl abgebaut werden kann. Damit würde auch die Unsicherheit von den Jugendlichen weichen, die dadurch entsteht, daß sie Entscheidungen, die sie betreffen, oft nicht beeinflussen können. Neben dem Wahlrecht gehört aber auch eine Mitbeteiligung in anderen Bereichen, etwa in der Schulen, am Arbeitsplatz und vielleicht sogar schon im Kindergarten dazu.

Das Gespräch führte Monika Kunit

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau