Erwecktes Christentum - Evangelikale Christen beim Sonntagsgottesdienst in der First Baptist North Church in Spartanburg, South Carolina.
Religion

Das emotionale Herz der US-Religionen

1945 1960 1980 2000 2020

Awakenings – Erweckungs­bewegungen – gehören zur DNA der US-amerikanischen Religionsgeschichte. Diese Formen religiösen Lebens scheinen – siehe das „Awakening Europe“-Event in Wien Mitte Juni – auch hier­zulande angekommen zu sein.

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Awakenings – Erweckungs­bewegungen – gehören zur DNA der US-amerikanischen Religionsgeschichte. Diese Formen religiösen Lebens scheinen – siehe das „Awakening Europe“-Event in Wien Mitte Juni – auch hier­zulande angekommen zu sein.

Nachdem die Auftritte von Sebastian Kurz und Kardinal Christoph Schönborn bei „Awakening Europe“ in der Wiener Stadthalle für öffentliche und innerkatholische Kritik gesorgt haben, ist es wieder ruhiger geworden. Dennoch lohnt es, aus zeitlicher und emotionaler Distanz noch einmal genauer hinzuschauen: Das religiö­se Spektakel, organisiert von evangelikal-pfingstkirchlichen und katholischen Initia­toren, ist symptomatisch – es ist einerseits beispielhaft für die US-amerikanische Tradition, aus der es abgeleitet ist, andererseits steht es für einen sich abzeichnenden Wandel innerhalb religiöser Wirklichkeiten weltweit.

Awakenings, also Erweckungsbewe­gungen, gehören seit fast 300 Jahren zur DNA der US-Religionsgeschichte. In der Religionssoziologie werden in der US-Ge­schichte zwei, manchmal sogar drei oder vier Erweckungsphasen („Great Awake­nings“) mit einem erhöhten Aufkommen neuer Religionsgemeinschaften und Glau­bensformen beschrieben. Unabhängig davon, wie viele es tatsächlich waren, sind sich die religionswissenschaftlichen Experten einig: Sie waren der Motor für zahlreiche religiöse und gesellschaftliche Innovationen, die auch heute noch spürbar sind. So fand in ihnen etwa ein Schwenk von der theologischen Gelehrsamkeit vieler christlicher Traditionen hin zu einer leidenschaftlich-emotionalen Gläubigkeit statt. Was vorher in zahlreichen Konfessionen sakramental geschlossen und institutionell vorgeprägt war, wurde auf eine individuell zugängliche Ebene transferiert.

Seit dem 18. Jahrhundert

Die einschlägige Forschung lokalisiert die ersten „Revivals“ (Belebungsgottesdienste) bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zwischen 1725 und 1740 wurden die europäischen Kolonien in der Neuen Welt von einer wahren Welle religiöser Vitalität geprägt („First Great Awakening“). Zahlreiche Wanderprediger hatten es sich zur Hauptaufgabe gemacht, die Lebendigkeit christlichen Glaubens allen Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur oder Nationalität näherzubringen. Ihre Botschaft war eindringlich und einfach, sie wirkt bisweilen auch heute noch anziehend: Jeder Mensch kann nur aus der Kraft der Bibel und des Gebetes die göttliche Eingebung spüren. Man brauche, so der Tenor vieler Prediger, weder starre Dogmen oder Institutionen, noch war man auf Vermittlung durch Kleriker angewiesen.

Diese erste Erweckungsbewegung ist besonders mit den Namen Jonathan Edwards, einem presbyterianischen Prediger, und George Whitefield, dem bekannten Methodisten, verbunden. Beide machten sich dafür stark, dass die Menschen auch im Hinterland der damaligen Kronländer eine lebendige Religion erleben konnten. White­field setzte dem offenen Rahmen ihrer gepredigten Religiosität noch einen drauf, indem er Sklaven und Afroamerikaner in seinen Meetings akzeptierte.
Zwischen 1790 und 1850 intensivierte sich die rege Predigttätigkeit in den neu gegründeten USA erneut, weshalb hier die meisten Forscher von der „zweiten gro­ßen Erweckung“ sprechen. Zahlreiche protestantische Pastoren, unter ihnen etwa Charles Finney, Lyman Beecher oder Peter Cartwright, wollten die lebendige Volksfrömmigkeit weiter steigern. In diese Zeit fällt auch die Begründung des heute oft schlichtweg als „evangelikal“ bezeichneten Bewusstseins: wörtliche Bibelauslegung, Heiligung des Alltags („Holiness“) und bewusste Erwartung der Wiederkunft Chris­ti. Die Formate der Veranstaltungen hatten sich nicht wirklich geändert: Die Prediger setzten weiter auf mehrtätige Zeltmeetings im ländlichen Gebiet, Bibelkurse und Heilungsgottesdienste, bei denen sie nicht selten mehrere Tausend Menschen empfingen.

Veranstaltungen wie das ,Awakening Europe‘ in der Wiener Stadthalle sind auch innerkirchlich durchaus umstritten.

Schon damals bauten die Organisatoren der Awakenings auf den Event-Charakter ihrer Veranstaltungen: Die Menschen sollten, ja sie mussten die Botschaft am eigenen Leib erfahren, damit die Wirkung nachhaltig war. Der Erlebniswert ihrer Veranstaltungen stand schon damals im Zentrum: Die Menschen wurden in emotional geführten Predigten weniger belehrt, sondern vielmehr als gleichberechtigte Partner der lebendigen Verkündigung gesehen. Jeder von ihnen konnte – ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß u. s. w. – die Erwählung Gottes erfahren. Bereits in dieser Zeit wurde das „Born Again“-Erlebnis, ein punktuelles, höchst emotionales Bekehrungserlebnis zu Christus hin, allen Menschen zugetraut.

Was in traditionellen Kirchen vornehmlich dem Klerus als „Berufungserlebnis“ vorbehalten war, stand nun allen Gläubigen offen. Es wurde zu einem Markenzeichen der „wahren“ christlichen Menschen. Anders formuliert: Nur, wer sich in einem solchen Moment ekstatischer Erweckung befunden hatte, gehörte zum inneren Kreis der christlichen Gemeinde. Diese individualisierte Form des Christentums wurde nicht selten in bewussten Gegensatz zum sakramental verfassten „Weihechristentum“ der traditionellen Konfessionen gesetzt, in denen die Menschen zu bloß passiven Empfängern degradiert worden seien. Demgegenüber wurden sie in den „Awakenings“ als individuelle Subjekte des Glaubens, als persönlich erwählte („wiedergeborene“) Menschen herausgestrichen.

Bis heute prägende Religiosität

Diese Form der Spiritualität prägt viele Teile der US-Bevölkerung bis heute. Auch die pfingstkirchliche Bewegung, die am Beginn des 20. Jahrhunderts mitunter als eine neue Erweckungsbewegung auftrat, hält sich an die Grundpfeiler dieser Spiritualität: emotionalisierte Predigten, individuelle Gottes- bzw. Geisterfahrung und eine spiritualisierte Sicht auf die Welt. Ihre Gottesdienste haben einen Erlebniswert, der die Menschen mitreißen kann.
Dies kann im Extremfall bis zu Trance­zuständen, Heilungsgebeten oder mitunter sogar Dämonenaustreibungen reichen. Dies gilt keinesfalls für alle in derselben Weise, dennoch lässt sich vermuten, dass dem Marketingwert in seiner musik- und bild­gewaltigen Inszenierung wenig Grenzen gesetzt sind.

Weltweit haben zahlreiche Religionen und Konfessionen den Wert dieser Veranstaltungen, zugleich aber auch der damit verbundenen Spiritualität erkannt: In einer Zeit, in der klassische Institutionen zunehmend in einer Krise sind bzw. der Bindungscharakter alter Bekenntnisformen abnimmt, können Botschaften punkten, die auf das Individuum ausgerichtet sind. Solche Formen von Spiritualität füllen nicht selten gerade jenes „gefühlslose“ Vakuum, das zahlreichen Ritualen in Amtskirchen vorgeworfen wird. Während man in vielen Kirchen weltweit alle Hände damit zu tun hat, althergebrachte Strukturen aufgrund von Personal- und Finanzmangel notdürftig aufrechtzuerhalten, scheint das „freie Spiel der Charismen“ in der Lage zu sein, die scheinbar absterbende Religiosität mit neuem Leben zu füllen, ohne unbedingt Massen neuer Priester zu bedürfen.

Die unkonventionellen Gebetsweisen und Gruppendynamiken in diesem Fahrwasser beschwören aber auch Gegenstimmen herauf: Hier würde eine neue Form des Christentums geschaffen, man entferne sich vom Kern kirchlicher Identität oder man würde auf die Stufe eines unreflektierten Schwärmertums zurückfallen. Solche Vorwürfe wiegen schwer – auch in Österreich, besonders in den beiden großen Konfessionen. Diese Verwerfungen haben die Kraft, dass sie die Kirchen neben ihren fast schon täglichen Sorgen zudem vor eine innere Zerreißprobe stellen. Man muss kein ausgesprochener Experte sein, um zu sehen, dass Veranstaltungen wie das „Awakening Europe“ auch innerkirchlich durchaus umstritten sind. Dies musste auch Kardinal Schönborn erfahren.

Diese Form von Spiritualität ist befremdend für viele Kirchen. Dennoch dürfte aber auch klar sein, dass damit Inhalte oder Formen angesprochen werden, die möglicherweise im (volks-)kirchlichen Leben zu kurz kommen. Damit wird es auch eine der zentralen Herausforderungen für die christlichen Kirchen weltweit sein, wie man mit dem Anliegen, aber auch mit den offenen Fragen dieser weltweit aktiven und weiterhin steigenden Bewegung umgehen wird.

Während man in der politischen Öffentlichkeit das Gebet für Sebastian Kurz schnell vergessen wird, können Verantwortliche in den religiösen Wirklichkeiten ihre Augen nicht verschließen: Sie können weder die hohe Attraktivität dieser freikirchlich angelegten Spiritualität noch die damit verbundenen kritischen Fragen einfach ausblenden, sondern sie müssen sich den Fragen stellen, die mit diesen neuen Formen geistlichen Lebens nun auch endgültig n Europa angekommen zu sein scheinen.

Der Autor ist Theologe und Erwachsenenbildner in Salzburg

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