Pfarrer - © Foto: Pixabay

Das "katholische" Milieu

1945 1960 1980 2000 2020

Sind Katholiken im Kultur- und Wissenschaftsleben noch präsent? Oder verhalten sie sich wie eine alteingesessene Minderheit in einer eroberten Stadt?

1945 1960 1980 2000 2020

Sind Katholiken im Kultur- und Wissenschaftsleben noch präsent? Oder verhalten sie sich wie eine alteingesessene Minderheit in einer eroberten Stadt?

Aufgewachsen bin ich in zwei Welten: Der kindliche Wunsch, Priester zu werden, hat mich in eine katholische Schule geführt und in die Liturgie, vor allem in das Orgelspiel, hineinwachsen lassen. Die Lust, manchmal auch der innere Zwang, zu lesen und zu denken hat mich zuerst und vor allem zu Albert Camus geführt, bald auch zum Interesse an Brecht und am Marxismus; nicht zuletzt hat die Frankfurter Schule Max Horkheimers und Theodor W. Adornos mein Denken entscheidend mitgeprägt.

Aufgewachsen bin ich in zwei Welten: Der kindliche Wunsch, Priester zu werden, hat mich in eine katholische Schule geführt und in die Liturgie, vor allem in das Orgelspiel, hineinwachsen lassen. Die Lust, manchmal auch der innere Zwang, zu lesen und zu denken hat mich zuerst und vor allem zu Albert Camus geführt, bald auch zum Interesse an Brecht und am Marxismus; nicht zuletzt hat die Frankfurter Schule Max Horkheimers und Theodor W. Adornos mein Denken entscheidend mitgeprägt.

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Möglich war das alles, weil ich in der katholischen Internatsschule ein "Externer" war und aus diesem geschlossenen System am Nachmittag nach Hause gehen konnte. Vieles von dem, was ich heute bin, verdanke ich dieser Schule; vor allem war dort Armsein keine Schande. Aber genauso vieles verdanke ich der Tatsache, daß ich nachmittags nach Hause gehen und die bunte Vielfalt der Welt "draußen" erleben konnte. Manchmal erlebe ich heute meine Situation in der Kirche ähnlich: als "Externer", der es in der geschlossenen Anstalt nur aushält, wenn er sich die andere Hälfte des Tages ganz "unkatholisch" beschäftigen kann. Darum finde ich es schade, daß ausgerechnet die kirchenkritischeste katholische Zeitschrift "Kirche intern" heißt; mir geht es um "Kirche extern", um den Blick nach außen und von draußen.

Die zwei Welten meiner Schulzeit mündeten in ein Theologie- und Germanistikstudium, und dadurch wurden aus den zwei geistigen Welten auch zwei Milieus, die sich eben nicht nur weltanschaulich, sondern auch emotional, in den Umgangs- und Beziehungsformen, in der Festkultur, im Umgang mit Macht und Konflikten et cetera unterschieden. Eben dieses Ensemble von Unterschieden rechtfertigt es, von einem Milieu zu sprechen.

Das Eigenartige: Persönlich integriert und engagiert war ich mehr im theologischen Milieu, vor allem als Vorsitzender der Fakultätsvertretung Theologie in Salzburg 1977-80, aber die für mich relevanteren Themen und Fragestellungen wurden in der Germanistik abgehandelt. Rückblickend sehe ich, daß ich mich damals in beiden Milieus bewegen konnte, aber auch in beiden etwas von mir verschwiegen habe.

Der einzige Konvergenzpunkt in diesen Salzburger Jahren war die Katholische Hochschulgemeinde; sie war wieder ein eigenes Milieu mit bestimmten Umgangsformen, einem eigenen Jargon et cetera und einer relativ homogenen politisch-weltanschaulichen wie kirchlichen Orientierung. Geprägt durch politische und Befreiungstheologie waren wir wohl mehrheitlich das, was in einer Satire von Heinrich Böll unter der Abkürzung LIKAKI firmiert: linkskatholische Kirchgänger. (Heute sind die meisten von uns vergleichsweise weniger links und gehen auch weniger regelmäßig in die Kirche.)

In einer gewissen organisatorischen Verbindung mit der Hochschulgemeinde gab es das Salzburger Literaturforum "Leselampe", das im kommenden Jahr als eine der ältesten Literatureinrichtungen Österreichs seinen 30. Geburtstag feiert; es wurde von dem im Sommer verstorbenen Germanisten Josef Donnenberg mitbegründet und ist noch immer ein wichtiges Forum der Begegnung mit Autorinnen und Autoren, ein Ort der Auseinandersetzung mit Literatur. Dem KHG-Leselampen-Milieu verdanke ich sehr viel an Bildung und Orientierung: Durch die Mechanismen der Identifikation waren wir bereit, uns auf neue Autoren und Themen einzulassen, weil wir überzeugt waren: Wenn die den einladen, muß er gut sein beziehungsweise wenn die das veranstalten, muß es wichtig sein.

Als ich 1991 die geschäftsführende Leitung der "Leselampe" übernahm, mußte ich bestürzt feststellen, daß vom Milieu nichts mehr übrig war: Das literarische Feld in Salzburg war vielfältiger geworden, Angebote mußten sich durch entsprechende Werbung gegen Konkurrenz durchsetzen, es gab kaum mehr ein Stammpublikum. Die prekäre Konsequenz: Unbekannte Autorinnen oder Autoren waren fast nicht mehr unter die Leute zu bringen.

Die zwei Welten meiner Schulzeit mündeten in ein Theologie- und Germanistikstudium, und dadurch wurden aus den zwei geistigen Welten auch zwei Milieus, die sich eben nicht nur weltanschaulich, sondern auch emotional, in den Umgangs- und Beziehungsformen, in der Festkultur, im Umgang mit Macht und Konflikten et cetera unterschieden.

Cornelius Hell

Ein intakteres Milieu habe ich vorgefunden, als ich einige Jahre zuvor in den Katholischen Akademikerverband gekommen bin. Das ist vielleicht ein retardierendes Moment im Katholizismus, ein Ausfluß jener katholischen Langsamkeit, die Elias Canetti in "Masse und Macht" am Beispiel eines Hochamtes so schön beschreibt. Ein sehr kostbares retardierendes Moment!

Die Grenzen des Milieus erwiesen sich freilich als ziemlich dicht. Wir veranstalteten damals die Reihe "Religionskritik und Christentum", zu der ich auch Psychoanalytiker einladen wollte, wenn es um Freud ging, oder Philosophen, wenn Michel Foucault auf dem Programm stand. Es ist mir aber nicht gelungen, sie in ein katholisches Bildungshaus zu locken. Gekommen ist das katholische Milieu - bei Foucault am wenigsten, bei C. G. Jung am zahlreichsten: drei Ex-Priester im Publikum, der Vortragende auch ein Ex-Priester.

Seit Ende 1993 lebe ich in Wien. Und ich bin traurig, daß ich bei katholischen Veranstaltungen schon so viele Gesichter kenne; nicht weil ich etwas gegen sie hätte, sondern weil es immer dieselben sind - in der Großstadt Wien! -, und weil ich sie bei anderen als den katholischen Veranstaltungen kaum antreffe. Ich lebe nämlich als Wissenschafts- und Kulturjournalist und als Generalsekretär des Katholischen Akademikerverbandes wieder in (mindestens) zwei Milieus. Und ich erlebe dabei, wie die Schranken zwischen diesen Milieus unmerklich, unausgesprochen und blitzschnell einrasten - von beiden Seiten. Die Literaturveranstaltung einer katholischen Organisation mag noch so interessant sein - die Literaturszene wird den Weg dorthin nicht finden; da müßte man schon den letzten Nobelpreisträger, der gerade noch in Erinnerung ist, oder einen Skandalautor, der sonst nirgends auftritt, einladen. Umgekehrt verirren sich zu den professionellen Literaturveranstaltern nur selten engagierte Katholiken - schon weil sie so engagiert sind, daß sie für so etwas kaum noch Zeit haben.

Meine Freunde aus dem Literaturmilieu kennen meine Rezensionen in "Literatur und Kritik" und diverse Artikel in Zeitungen. "Ach, die Furche", sagte mir ein alter Bekannter, dem ich erzählte, daß ich auch für diese Zeitung schreibe. Sein süffisantes Lächeln bedeutete, daß er sie immerhin dem Titel nach kennt. Daß ich auch für "präsent" tätig war oder für "Zeit im Buch" schreibe, habe ich ihm gar nicht erzählt, schließlich will man ja in diesen Kreisen nicht als katholischer Obskurant gelten.

Wenn katholische Organisationen wissenschaftliche oder kulturelle Veranstaltungen organisieren, informieren sie die katholischen Medien und verbuchen dann stolz deren Echo. Daß damit nur ein medialer circulus catholicus in Gang gesetzt wird, der außerhalb des Milieus kaum zur Kenntnis genommen wird, geschweige denn jemanden interessiert, wird oft nicht einmal mehr wahrgenommen. Immerhin werden auf diese Weise Informationen, Trends und Perspektiven von außerhalb im katholischen Milieu bekannt. Und wenn dabei der Nachweis gelingt, daß außerhalb der imaginären Kirchenfenster, im Fremdland heutiger Kunst und Kultur, noch von Gott die Rede ist und Religion Konjunktur hat, ist das Milieu wieder beruhigt.

Diese ironische Beschreibung will entsprechende Bemühungen nicht desavouieren, niemand kann sich einen ungebildeten, nur an sich selbst interessierten Katholizismus wünschen, ich will nur verhindern, daß wir uns Sand in die Augen streuen. Wir haben weitgehend Einbahnstraßen gebaut, denn kulturstiftend sind wir auf diese Weise nicht mehr. Im politischen Bereich gelingt es kirchlichen Institutionen von der Caritas bis zur Katholischen Aktion sehr wohl, eine Kultur der Solidarität auch für Außenstehende zu vermitteln, aber entsprechende Aktivitäten im wissenschaftlichen, kulturellen oder künstlerischen Bereich gehen kaum je über das eigene Umfeld hinaus. Hier gilt auch heute in vielfacher Weise, was Madeleine Delbrel schon in den dreißiger Jahren an den Katholiken im Pariser Arbeitervorort Ivry beobachtet hat: Sie verhalten sich wie eine alteingesessene Minderheit in einer eroberten Stadt.

Gegen diese Ghetto-Mentalität geht mir seit langem ein irrealer Vorschlag durch den Kopf: Wir müßten für drei Jahre alle katholischen Veranstaltungen absagen, alle Publikationen einstellen - nicht um manchen Bischöfen beim endgültigen Kaputtsparen ungeliebter Institutionen zu helfen, sondern um mit diesem Geld (und der dadurch freiwerdenden Zeit!) unsere Mitglieder zum Besuch "normaler" Veranstaltungen von Gentechnik bis Geschichte, von Literatur bis zu Fragen der Medizin und zum Erwerb unterschiedlichster Zeitschriften zu bewegen. Aber nach drei Jahren sollten wir wieder in unseren Zirkeln zusammenkommen und in unseren Zeitschriften Debatten entfachen und über alles inzwischen Wahrgenommene aus der Perspektive unserer Religion reden. Was wir da alles zu reden hätten anstatt nur unser gutes katholisches Süppchen zu kochen!

Wie immer ist es mit den real gedachten Vorschlägen schwieriger. Wichtig wären jedenfalls Kooperationen von Veranstaltern, die über das katholische Milieu hinausreichen. Wichtig wäre, daß es mehr Grenzgänger gibt, die sich nicht nur in verschiedenen Milieus kompetent und unverdächtig zu bewegen wissen, sondern sich auch aktiv um die Übersetzung ihrer verschiedenen Sprachen, Symbole, Sozialriten und Gesten bemühen; deren Leben, Denken und Arbeiten über das katholische Milieu mit seinen klaren (wenn auch selten klar ausgesprochenen) Zugehörigkeitskriterien und Abgrenzungen hinausreichen und die bei anderen nicht zuerst den vertrauten Stallgeruch suchen.

Der Autor ist Generalsekretär des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs sowie Kultur- und Wissenschaftsjournalist.

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