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" Und dann ist Endstation"

MICHAEL SCHRATZ, Leiter des Instituts für LehrerInnen-bildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck, über die "Sack-gassen" an den neuen Pädagogischen Hochschulen und Eignungstests für Lehramtskandidaten.

Die Furche: Herr Professor Schratz: Zuletzt haben sich bayrische Junglehrer darüber empört, dass ihnen "mangelnd qualifizierte" österreichische Kollegen die Jobs wegnehmen. Sind Österreichs Volksschullehrer schlechter ausgebildet?

Michael Schratz: Nein. Das sind eher Versuche, die letzte Bastion des Grenzziehens am Arbeitsmarkt zu verteidigen. Bis jetzt gehören Bildung und Kultur in der EU ja zum nationalen Hoheitsgebiet. Dass nun die Schulsysteme dem Angebot-und-Nachfrage-Markt ausgesetzt sind, ist essenziell neu. Wobei innerhalb von Deutschland diese Lehrer-Mobilität zwischen den einzelnen Bundesländern noch nicht möglich ist: Wenn also jemand in Bremen eine Lehrerausbildung durchlaufen hat, heißt das nicht, dass er deshalb in Bayern unterrichten darf - und umgekehrt. Wenn jetzt die Österreicher zusätzlich in den Markt einbrechen, tun sich die Bayern noch viel schwerer.

Die Furche: In Österreich werden 2007 die Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen umgewandelt. Bringt das eine qualitative Besserung?

Schratz: Sinnvoll ist es auf jeden Fall, dass die Lehrerbildung auch eine wissenschaftliche ist. Die pädagogischen Hochschulen bieten aber nur ein dreijähriges Bakkalaureats-Studium an - dann ist Endstation. Das war also ein sehr schmalspuriges Upgrading. Eigentlich sollte die Lehrerausbildung ja dreistufig sind: Bakkalaureats-, Master-und Doktoratsstudium. Doch mit einem Bakkalaureat von der pädagogischen Hochschule kann man nicht auf die Universität umsteigen.

Die Furche: Die Pflichtschullehrer sind also in der Sackgasse?

Schratz: Ja. Wenn eine Institution keine Doktoratsstudien anbietet, heißt das automatisch, dass es hier keinen wissenschaftlichen Nachwuchs gibt. Es wurde auch versäumt, die Kindergartenpädagogik in die Debatte miteinzubeziehen. Dadurch gibt es zum kritischen Bereich des Schuleintritts sehr wenig Forschung.

Die Furche: Sollten Ihrer Ansicht nach alle Lehrenden an einer Universität ausgebildet werden?

Schratz: Als mittel-und langfristiges Ziel ist das unbedingt erstrebenswert. Als erster Schritt war die Einrichtung Pädagogischer Hochschulen aber wichtig.

Die Furche: Wobei es von der SPÖ den Vorwurf gibt, dass bei der Bestellung der neuen Rektorinnen und Rektoren dieser Hochschulen eine "schwarze Umfärbelung" vorgenommen worden wäre ...

Schratz: Wie wir bei der ORF-Wahl gesehen haben, versuchen die politischen Parteien auf alle staatlichen Belange Einfluss zu nehmen. Das zeigt sich auch im Bildungsbereich. Wenn es die gewählten Führungsteams der neuen Pädagogischen Hochschulen aber nicht schaffen, sich aus den Verstrickungen und Abhängigkeiten parteipolitischer Einflussnahme zu lösen, werden sie den Qualitätssprung von der Akademie zur Hochschule nicht schaffen.

Die Furche: Schon lange wird in der universitären Ausbildung für Lehrer an Höheren Schulen mehr Praxis gefordert. Inwieweit gibt es hier Fortschritte?

Schratz: Aus meiner Sicht ist das essenziell, weil gerade Lehramtsstudierende die Schule hauptsächlich aus der Schülerperspektive kennen. Manche kommen erst im zweiten Studienabschnitt in die Praxis. Dann ist es aber zu spät. In Innsbruck haben wir ein sehr fortschrittliches Modell entwickelt. Wir schicken die Studierenden schon im ersten Studienjahr in die Schule. Sie haben dann noch die Entscheidungsmöglichkeit, zu wechseln und zu sagen: Ich mache lieber das Fachstudium!

Die Furche: Wie sieht dieses Modell konkret aus?

Schratz: Vor dem Praktikum gibt es zunächst eine Orientierungseinheit, die weder zu theorielastig noch zu schullastig sein soll. Das gilt auch für die Reflexionseinheit nach dem Praktikum, das im Sommersemester aufhört. Am Ende der ersten Jahres findet dann eine Art Selektion statt. Derzeit sagen 20 bis 30 Prozent: Nein, das ist nicht das Richtige.

Die Furche: Wie sinnvoll sind Eignungstests vor Studienbeginn?

Schratz: Das ist schon einmal versucht worden, aber man hat gesehen, dass diese Tests nicht zuverlässig sind. Man würde möglicherweise gute Lehrer sogar verlieren. Man bräuchte sehr aufwendige Verfahren mit Interviews, was nicht durchführbar ist.

Die Furche: Ist es Ihrer Ansicht nach durchführbar, den Schulen mehr Autonomie bei der Lehrerauswahl zu geben, wie es die Zukunftskommission und zuletzt auch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer vorgeschlagen hat?

Schratz: Ja, es ist höchste Zeit. Wir können nicht einerseits von autonomen Schulen reden und andererseits den Staat bestimmen lassen. Bei uns gibt es noch die Situation, dass Schulen Lehrer bekommen, die sie gar nicht benötigen, die aber auf der Warteliste ganz oben stehen. Es ist auch wichtig, dass die Schulen ihr Profil zum Ausgangspunkt für Bewerbungen nehmen. Es soll aber nicht dazu kommen, dass der Schulleiter allein sagt, wen er will. Vielmehr müsste ein demokratisches Gremium für die Besetzung von Stellen eingerichtet werden.

Die Furche: Wie können Schulen an weniger attraktiven Standorten wettbewerbsfähig bleiben?

Schratz: Schon jetzt dienen vor allem Schulen im ländlichen Bereich meistens nur als Trittbrett, um von dort wieder ins Zentrum zu gelangen. Das kann aber nicht im Sinn dieser Schulen sein. Wenn eine Gemeinde nun sagt, wir wollen, dass unsere Schule nicht geschlossen wird, dann muss sie den Lehrern auch etwas zur Verfügung stellen. Früher hat man in Vorarlberg etwa mit einer Gratiswohnung geworben. Insgesamt muss es aber so sein, dass sich die Schulleiterinnen und Schulleiter ihre künftigen Mitarbeiter aussuchen können, nach dem Motto: Menschenskind, so einen Engagierten hätte ich gern in meinem Team.

Die Furche: Wobei laut einer aktuellen IFES-Studie nur 30 Prozent der Österreicher dem Großteil der Lehrer zutrauen, die Schüler überhaupt motivieren zu können ...

Schratz: Da muss man generell fragen: Passt die Schule überhaupt noch zu den jungen Menschen von heute? Wir brauchen einen Paradigmenwechsel vom Lehrenden zum Lernenden. Der Lehrer muss die Rolle des Betreuers der Lernprozesse des Schülers übernehmen. Ich kenne aber leider viele Lehrerinnen und Lehrer, die selbst gar nicht mehr motiviert sind. Doch wenn sie nicht motiviert sind - wie sollen sie dann die Schüler motivieren?

Die Furche: Würden Sie jungen Leuten heute noch raten, den Lehrberuf zu wagen?

Schratz: Man muss diesen Beruf sicher attraktiver machen. Ein Lehrer muss das Gefühl haben: Es gibt eine gesellschaftliche Wertschätzung. Das ist heute nicht unbedingt der Fall. Doch da schließt sich der Teufelskreis: Wenn die Eltern nicht das Gefühl haben, dass die Lehrer ihre Schüler motivieren können, dann erleben sie die Wiederkehr dessen, was sie selber in der Schule erlebt haben. Doch die Zeit hat sich geändert. Und auch die Schule kann anders sein.

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