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"Keine Abstriche bei Qualität"

Peter Härtel, Leiter der Expertengruppe zur neuen Lehrerausbildung, über das Dilemma zwischen Lehrermangel und der Suche nach den besten Pädagogen.

Zwischen den Jahren 2012 und 2025 werden laut Unterrichtsministerium 50 Prozent der Lehrenden in Pension gehen. Bis zum Beginn der Pensionswelle soll die neue Lehrerausbildung stehen. Eine Expertengruppe unter der Führung von Peter Härtel soll bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge erarbeiten. Härtel ist Geschäftsführer der "Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft", die sich auf Fortbildung konzentriert. Der 60-Jährige war auch Mitglied der Schulreform-Kommission in der letzten Legislaturperiode. Über sein Bild eines guten Lehrenden und die Schule der Zukunft spricht er mit der FURCHE.

Die Furche: Herr Härtel, was ist für Sie ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin?

Peter Härtel: Eine kurze Antwort gibt es nicht. Es gibt einige Grundkonstanten: Er/sie muss Kinder und Jugendliche mögen und gerne mit ihnen zusammenarbeiten. Man muss im Stande sein, eigenes Verhalten im Umgang mit Schülern zu reflektieren und die richtigen Entscheidungen für die Lehr- und Lernprozesse zu treffen, die immer persönliche Begegnungen sind. Es kann die unterschiedlichsten Ausprägungen geben, die je nach Einsatzbereich ihre Berechtigung haben: Es gibt stärker persönlichkeitsorientierte Lehrer, es gibt solche, die durch ihre inhaltliche Kompetenz begeistern können. Die Kunst besteht darin, einen einzelnen zu seinem persönlichen Lehrerprofil auszubilden und eine richtige Mischung an Persönlichkeiten an einer Schule zusammenzubringen, um auf die Bedürfnisse der Schüler nach Persönlichkeitsentwicklung, Halt und Orientierung eingehen zu können.

Die Furche: Erfüllen unsere jetzigen Lehrer und Lehrerinnen diese Ansprüche?

Härtel: Wir haben viele sehr gute Lehrer und Lehrerinnen. Aber wir haben einen sehr starken Fach- bzw. Stoff-orientierten Lehr- und Lernbegriff. Die Frage ist, was steht mehr im Vordergrund: Ist es die Persönlichkeit eines jungen Menschen, der sich Kompetenzen erwirbt und Wissen aneignet, oder der Lehrplan und die Vermittlung des Stoffes? Bei uns steht letzteres mehr im Vordergrund. Das darf aber nicht als Entweder-Oder missverstanden werden. Der zweite Punkt ist, dass wir in vielen Bereichen sehr defizitorientiert sind. Wir haben ausgebaute Verfahren, um zu entdecken, was junge Leute nicht können, das wird bewertet, sichtbar gemacht und sanktioniert. Wir haben aber keine vergleichbaren Strukturen, um ihnen zu helfen, ihre Stärken zu entdecken.

Die Furche: Wird dieser Ansatz der Zugang sein, um die Besten für den Lehrberuf zu finden? Es soll ja Eignungsverfahren geben.

Härtel: Das wird mein Zugang sein, den ich in die Kommission einbringen werde. Wir haben in unserer Runde hochkompetente Personen, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen. Es gibt bereits Erfahrungen, etwa an den Pädagogischen Hochschulen, die Aufnahmeverfahren haben. Es gibt internationale Erfahrungen. Diese werden wir uns anschauen. Klar ist aber, dass es keine Selektionstests, keine K.O.-Verfahren geben wird, sondern es geht darum, Bewerbern klar zu kommunizieren, worauf es ankommt, sie zu unterstützen, in einer vernünftigen Zeitspanne zu erkennen, ob dieser Beruf für einen passt oder nicht.

Die Furche: Es wird ein Mangel an Lehrern erwartet. Auf der anderen Seite sollen nur die Besten ausgebildet werden. Wie könnte man dieses Dilemma lösen?

Härtel: Quantität und Qualität dürfen kein Widerspruch sein. Das Ärgste wäre, wenn der quantitative Bedarf zum Vorwand genommen würde, um qualitative Ansprüche zurückzuschrauben. Das darf nicht eintreten. Wenn wir uns die Pädagogischen Hochschulen anschauen, wo die Ausbildung nun deutlich attraktiver gestaltet wurde: Hier ist die Anzahl Studierender gestiegen, während die Zahl von Lehramtsstudierenden an der Universität in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Wenn wir sichtbar machen, dass es realistische Zugangschancen und attraktive Berufsmöglichkeiten gibt, dann bin ich davon überzeugt, dass wir die Anzahl junger Menschen, die sich für den Beruf interessieren, erhöhen können.

Die Furche: Das Image des Lehrberufs ist aber nicht das beste. Wie könnte das gehoben werden?

Härtel: Eine hochprofessionelle Ausbildung ist Grundvoraussetzung. Auch das Angebot von neuen Perspektiven des Berufs wird ein Beitrag dazu sein: etwa dass man sich weiterentwickeln, auch in verwandte Berufsfelder außerhalb der Schule wechseln und wieder zurückkommen kann usw.

Die Furche: Soll es, wenn es nach Ihnen ginge, auch Veränderungen im Arbeitszeitplan geben? Lehrer müssen ja gegen den Vorwurf ankämpfen, zu viele Ferien zu haben.

Härtel: Diese Polemik ist nicht in meinem Programm, ich weiß, welch große Arbeitslast Lehrer haben. Aber es täte dem Lehrberuf gut, wenn man das auch stärker sichtbar machen würde, etwa durch eine höhere Anwesenheit an der Schule.

Die Furche: Auf dem Weg zu einer neuen Lehrerausbildung dürfte einiger Widerstand, zum Beispiel von Seiten der Lehrergewerkschaft, vorprogrammiert sein.

Härtel: Ich kenne die realen Verhältnisse in diesem Bereich gut und möchte da nichts draufsetzen. Man muss das sorgsam beachten, gleichzeitig aber auch klar transportieren, dass man niemandem etwas Böses will, dass es um die bestmögliche Ausbildung unserer Kinder geht und darum, dass die Ausbildung der wichtigsten Personen im Bildungsbereich - der Lehrenden - qualitativ weiterentwickelt wird. Da bin ich überzeugt, dass wir in allen relevanten Gruppen Partner finden, die uns dabei unterstützen. Das ist aber kein naiver Ansatz: Ich weiß, welche Blockaden es geben kann, aber es geht darum, diese im Ansatz zu erkennen und durch sorgsame Argumentation entweder in eine förderliche Richtung zu lenken oder, wenn es nicht anders geht, zu neutralisieren.

Die Furche: Es herrscht noch ein starkes Standesbewusstsein einzelner Lehrertypen. Wie könnte das überwunden werden?

Härtel: Einiges wird sich durch den Generationswechsel mildern. Aber nur auf die Zeit kann man nicht setzen. Ich glaube, es bedarf einer aktiven Argumentation: Wir alle kennen die Schwierigkeiten, die sich in der Kooperation zwischen HS und AHS-Unterstufe im Bereich Neue Mittelschule ergeben haben. Aber dort, wo es konkrete Berührungspunkte gibt, führt es zu hervorragenden Formen der Zusammenarbeit. Das müsste verstärkt aufgezeigt werden.

Die Furche: Wenn Sie an die Schule 2015 denken, also wenn jene Kinder, die jetzt geboren werden, in die Volksschule kommen: Wie sollte die Schule dann ausschauen?

Härtel: Ich fange vorher an. Es muss uns bis dahin gelungen sein, dass der Kindergarten stärker als Bildungseinrichtung zur Geltung kommt, wo auch Kompensation für das möglich ist, was in vielen Bereichen von Familien nicht mehr geleistet werden kann, etwa in der sprachlichen und sozialen Entwicklung. Zum Zweiten, dass wir dann Lehrer haben, die auf Basis einer hochqualifizierten Ausbildung mit Kindern und Jugendlichen unter vielfältigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch besser umgehen können.

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