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"Die Schule ans Kind anpassen“

Durch den enormen Bedarf an privater Nachhilfe drängt sich die Frage auf, was sich an Schulen ändern müsste, damit Lernprozesse gefördert und nicht behindert werden.

Genau dieser Frage ist die Pädagogik-Professorin Ilse Schrittesser auf der Spur. Sie widmet sich der Lehr- und Lernforschung am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck.

Die Furche: Was läuft derzeit in vielen Klassen schief oder anders gefragt: Inwiefern müsste sich der Unterricht zu Gunsten des Schülererfolgs verändern?

Schrittesser: Man müsste sich statt der Frage "Passt diese Schülerin, dieser Schüler zu unserer Schule?“ vielmehr überlegen: "Was ist zu tun, damit unser Unterricht zu diesem Kind passt?“ In den Schulen müsste noch viel mehr Bewusstsein entstehen, dass es individuelle Förderung braucht, anstatt jene, die mit dem Standardprogramm nicht zurechtkommen, an Nachhilfe oder gar eine andere Schule zu verweisen. Weil im Kollektiv keine individuelle Förderung möglich ist, braucht es in den Schulen spezielle Unterstützungssysteme - beispielsweise durch Fachleute, die Schüler mit Lernschwierigkeiten begleiten.

Die Furche: Welche Rolle könnte dabei die Ganztagsschule spielen?

Schrittesser: Förderunterricht braucht nicht unbedingt eine Ganztagsschule. Dennoch könnte es hilfreich sein, wenn Schüler im Rahmen eines ganztägigen Angebots etwa die Übungs- und Hausarbeitsphasen an der Schule absolvieren und über den Kernunterricht hinaus angemessen begleitet werden.

Die Furche: Wie könnte eine Ganztagsschule aussehen, die die Bedürfnisse von Schülern, Lehrkräften und Eltern in Einklang bringt?

Schrittesser: Zunächst sollte ein Ganztagsangebot keine Verpflichtung sein, Eltern sollten also wählen dürfen. Das Ganztagsangebot sollte aber ausgebaut werden, damit diese Wahl überhaupt besteht. Dabei sind vor allem die räumlichen Voraussetzungen zu prüfen: Schüler, die den ganzen Tag in der Schule verbringen, brauchen eine ansprechende Umgebung, die das Lernen interessant macht, aber auch Abwechslung und Entspannungsmöglichkeiten bietet. Lehrkräfte benötigen einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz. Ein gemeinsamer Mittagstisch etwa fördert den Kontakt zwischen den Schülern, aber auch mit und unter den Lehrern. Es sollte Möglichkeiten für Aktivitäten wie Sport oder Theater geben, und natürlich eine gute Medien-Ausstattung, eine gute Schulbiblio-thek. Andernfalls verkommt die Ganztagsschule zu einem bloßen Aufbewahrungsort.

Die Furche: Was sind denn nun die Rahmenbedingungen für ein gelingendes Lernen?

Schrittesser: Wesentlich ist ein am Lernen der Schüler orientiertes Schulteam: Dieses versucht den Unterricht so zu gestalten, dass möglichst alle ein grundlegendes Verständnis und Interesse für die Gegenstände entwickeln können. Schüler bewerten Unterricht dann als gut, wenn er klar und verständlich ist, wenn die Lehrkraft auf die Schwächen und Stärken der Lernenden eingeht, für Disziplin sorgt und gleichzeitig respektvoll und anerkennend mit den Schülern umgeht. Eigentlich ganz selbstverständliche Faktoren, die auch Lehrer als Merkmale guten Unterrichts nennen. Dazu braucht es an der Schule ein förderliches Klima, wofür der Führungsstil der Schulleitung eine zentrale Rolle spielt.

Die Furche: Welche Parallelen gibt es in den Lerngeschichten jener, die eine Nachprüfung haben?

Schrittesser: Es gibt unterschiedlichste Ursachen, die Schüler scheitern lassen: Das können problematische Vorerfahrungen mit einem Gegenstand sein oder unterlassenes Engagement während des Schuljahres - seitens der Schüler, aber auch seitens der Lehrkräfte. Immer wieder sind es private Probleme, die das Lernen behindern, oder eine längere Krankheit. Eine Parallele in den Lerngeschichten ist, dass die Schüler an einem Punkt im Schuljahr plötzlich keinen Zugang zu einem Gegenstand mehr finden und dass alle Beteiligten zu spät mit dem Krisenmanagement beginnen. Früh genug einzugreifen, wäre hier wohl das Mittel der Wahl.

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