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In Richtung Wien

Wieder ist es Herbst, wieder bin ich in Wien. Wieviele Erinnerungen kommen mir da, wieviel Aufregung und Unruhe habe ich hier erlebt! Die Ereignisse von damals habe ich, als wäre es gestern erst gewesen, vor Augen. Bewegt gehe ich die vom Krieg her gutbekannten Straßen entlang und suche das Haus, wo ich seinerzeit Asyl fand.

Ja, hier war es wohl. Mein Herz schlägt schneller, als ich vor der Wohnungstür eines der Häuser in der Mollardgasse stehe. Ich klingle und frage nach Frau Joanna Lippert.

„Frau Lippert? Lebt schon lange nicht mehr“ - sagt mir die derzeitige Mieterin und fügt hinzu: „Aber ihre Tochter zog nach ihrer Heirat aus Wien weg. Es tut mir leid...“

Wie habe ich Frau Joanna kennengelernt, wie bin ich damals auf diese Wohnung getroffen?

Es war Ende Oktober 1944. Nach einigen Tagen Aufenthalt im Lager, improvisiert am Rande von Neudorf in der Nähe der ungarischen Grenze — hierhin waren Ausländer vom Zwangsarbeitsaufenthalt gebracht worden, um sie bei Erdarbeiten zu verwenden —, entschied ich mich zur Flucht.

Aber wohin sollte ich mich wenden? In Richtung Osten zu gehen war zu gefährlich: die bewachte Grenze war nicht weit; Unruhe in Ungarn, Unkenntnis der ungarischen Sprache. Auf der Westseite dagegen grenzten Maisfelder an das Lager, die Schutz bieten konnten vor den Wächtern in der Umgebung. Und nach Wien waren es nur fünfzig Kilometer — eine Nacht würde genügen! Wenn man Glück hatte ...

Mit dem Glauben an die eigene Intuition hielt ich den Moment für gekommen, versteckte mich in der Dämmerung zwischen den hohen Maisstauden und begann mich durch das weite Feld zu schieben. Auf offener Flur angekommen, marschierte ich durch Wiesen und Felder nach Westen, immer in der Nähe der Eisenbahnschienen — an der Südseite. Ein Verfehlen schien trotz der Dunkelheit ausgeschlossen.

Nach einigen Kilometern wurde die Gegend sumpfig. Das hatte ich nicht erwartet. Es hatte doch keine Überschwemmung gegeben, geregnet hatte es auch nicht—also woher kam das viele Wasser? Ich konnte nur auf dem Unterbau der Schienen gehen. Das stundenlange Strampeln auf den Schwellen war nicht nur weniger lustig als in Schulzeiten, es machten sich Anzeichen von Ermüdung bemerkbar. Trotz der Nervenanspannung wurde die Zeit lang. Ich dachte an die Eltern: Wie würde es ihnen gehen, wo würden sie — obdachlos nach dem Warschauer Aufstand — herumwandern? Vielleicht dachten sie zur selben Zeit ebenso mit Unruhe an mich?

Bald mußte ich den Sternen nach feststellen, daß die Schienen nicht direkt nach Westen führten, eher nach Südwesten: ich nahm das als kleine Abweichung hin und marschierte weiter. Es gab ja auch keinen anderen Ausweg, als diesen Schienenweg weiterzugehen, ringsum Dunkelheit, Stille. In der Dämmerung erwartete mich eine böse Überraschung: anstelle immer dichterer Bebauung und eines verdichteten Schienennetzes als Anzeichen der Hauptstadt, zeigte sich im Glanz eines herrlichen Sonnenaufganges eine malerische Landschaft: Hohe weinbedeckte Hügel, gefärbelte Häuser, am Horizont Berge! Ich war unzweifelhaft in die falsche Richtung gelaufen.

Die südliche Eisenbahnlinie entlanggehend, hatte ich in der Dunkelheit nicht bemerkt, wie die Schienen sich verzweigten, mein Schienenstrang führte mich den Neusiedler See entlang!

Zum ersten Mal schwand meine Zuversicht. Statt meine Wanderung in Wien zu beenden, etwas zu essen, auszuruhen, stand ich vor einer kleinen Station mit dem exotischen Namen Wulka-Prodersdorf. *

In einem Weinberg arbeitete ein Mädchen, die reifen Trauben lockten. Die junge Polin sagte mir, daß ich mich in gleicher Entfernung von Wien befand, wie gestern abend — nur in Richtung Süden. Also erwartete mich die nächste Etappe meines Spazierganges, diesmal den Tag über, bei guter Sicht, auf gerader Straße, durch hübsche Städtchen und Dörfer. Ich pflückte einige schöne Weintrauben und ging weiter.

Aber ich kam nicht weit. An der nächsten Kreuzung schien ich dem diensthabenden Polizisten verdächtig, vWohin gehen Sie?“ — „Nach Wien.“ Ein Auto mit einem jungen Polizeioffizier hielt neben uns, ich mußte einsteigen. Als wir losfuhren, fragte der Offizier, wer ich sei und wohin ich wolle.

„Ich bin Pole, aus Warschau; gehe nach Wien.“ „Sie sind aus Warschau? Wissen Sie, was dort los ist? Der Aufstand niedergeschlagen, die Stadt zerstört, die Menschen evakuiert. Haben Sie Nachricht von Ihrer Familie?“

Das Gespräch verlief wie im Kaffeehaus. Wir fuhren durch das erste Städtchen, durch das zweite. Er ließ mich nicht aussteigen, gab mich nicht in die Hände der Polizei. Endlich stoppte er das Auto auf der Landstraße. „Hier müssen wir uns trennen. Ich würde Sie ja nach Wien fahren, aber Sie wissen ja, wie knapp jetzt bei uns Benzin ist.“ Es fehlte nur noch, daß er mir einen Geleitbrief für den weiteren Weg ausgestellt hätte...

Ich war nun etwa zwanzig Kilometer näher bei Wien, dies konnte über den Erfolg meines Unternehmens entscheiden, darüber, daß ich mit diesen geschwollenen Füßen nicht unterwegs irgendwo stehenblieb. Tatsächlich konnte ich mich das letzte Stück der Wanderung kaum noch auf den Beinen halten. Ich konnte nur wenige Minuten pausieren, weil sich nachher die Füße nur mit Mühe wieder in Bewegung setzen ließen. Ich kroch fast weiter bis Baden, mit letzter Kraft zog ich mich gerade noch in die Badner Bahn nach Wien. Zum Glück war der Wagen fast leer, niemand nahm in der Dämmerung Notiz von mir.

Bei einem Restaurant, in dem ich meinen Freund, Czeslaw Plos-zajczak, anzutreffen hoffte, stieg ich aus. Eine Chance, eins zu hundert, diesen einen, mit dem ich mich überhaupt nicht verabredet hatte, zu treffen. Andernfalls — ich wage nicht weiterzudenken.

An einem der Tische sitzt Czeslaw!t.Zuerst erkennt er mich nicht. „Was ist passiert?“ „Ich bin aus dem Lager ausgerissen ...“ Als ich aufstehen wollte, konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten.

Czeslaw packte mich auf seinen kräftigen Rücken und trug mich zur Straßenbahn. Es war dunkel, an der Haltestelle wartete nur eine Person. Wohin sollten wir fahren? Zu ihm, ins Lager neben der Fabrik — unmöglich! Plötzlich sprach uns die ältere Frau an der Haltestelle an.

„Sie sind Polen? Ich bin auch Polin, lebe schon seit vierzig Jahren hier. Was ist Ihnen denn zugestoßen?“ Nachdem ich meine Erlebnisse kurz geschildert hatte, lud sie mich ein, bei ihr zu nächtigen. Es war Joanna Lippert.

Nach einigen Tagen ging die Geschwulst an den Knien zurück, ich war wieder zu einem normalen Leben fähig — in diesem Fall mich zu verstecken und das Kriegsende abzuwarten. Oft denke ich an meine Freunde, an diese Menschen, die empfänglich waren für menschliches Unglück, die gerne und schnell halfen, und sogar Unbekannten Gutes erwiesen: die unvergeßliche Frau Joanna, mit der ich einige Zeit im Briefwechsel stehen konnte; der sympathische Wiener Offizier — und viele andere Wiener und Wienerinnen, die damals wohlgesinnt und freundlich zu mir waren. Und Czeslaw führt heute das ereignisreiche Leben eines bridgespielenden Rentners im heimatlichen Poznan.

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