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Irrtumer und Fabeln um die Kleinodien des Heiligen Romisch-Deutschen Reiches

Durch die dankenswerten Bemühungen der amerikanischen Besatzungstruppen ist nunmehr ein Schatz wieder nach Wien zurückgebracht worden, der seit jeher mit Recht eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten unserer auch sonst an solchen nicht gerade armen Stadt bildete: die Kroninsignien des Römisch-Deutschen Reiches. Dieses Ereignis mag ein willkommener Anlaß sein, uns mit diesen hervorragenden Kunstgegenständen zu befassen und damit die kurze Kennzeichnung ergänzen, die in der vorausgegangenen Folge der „Furche“ bereits erfolgt ist.

Da soll zunächst mit einigen Legenden aufgeräumt werden, die -auch heute noch in weiten, auch gebildeten Kreisen verbreitet sind, und die diesen Schatz beharrlich mit Karl dem Großen in Beziehung bringen, so insbesondere auch die alte Reichskrone gemeiniglich als die Krone Karls des Großen bezeichnen. In Wirklichkeit läßt sich kein einziges Stück mit einiger Sicherheit auf den großen ersten Kaiser selbst zurückführen, und nur von einem oder dem anderen kann man behaupten, daß seine Entstehungszeit bis in die Zeit der Karolinger zurückreichen kann.

Auf keinen Fall ist zwischen der Krone und dem großen Frankenkaiser eine Verbindung herzustellen, völlig abwegig gar, sie“ mit jenem Diadem gleichzusetzen, das ihm der Papst an dem denkwürdigen Weihnachtstage des Jahres 800 auf das Haupt drückte. In ihrer heutigen Gestalt stammt unsere Krone, wie aus einer Perleninschrift auf dem Bügel erhellt, von Konrad IL, wenn auch der untere Teil, der eigentliche Kronkörper, wesentlich älter ist. Man nimmt heute an, daß die acht, reich mit wertvollen Edelsteinen und äußerst feinen Emaildarstellungen verzierten Goldplatten dieses Kronreifens ursprünglich die burgundische Königskrone bildeten, deren Entstehung in die letzten Jahre dt- 10. Jahrhunderts angesetzt wird. Wenn audi das Ganze durch seine einfachen, kräftigen Formen und insbesondere in der Fassung und Anordnung der Edelsteine noch einen etwas barbarischen Eindruck macht, so versinnbildlicht doch gerade dies in ausgezeichneter Weise die urtümliche Kraft des neu enstehenden christlich-abendländischen Kaisertums. Die Krone ist für ein Riesengeschlecht berechnet, denn sie hat, einen Durchmesser von über 21 Zentimeter bei einer Höhe von 24 Zentimeter. Ihr Materialwert allein schon ist ein höchst bedeutender; sie ist aus etwa vier Kilogramm rejsiem Golde verfertigt und trägt eine Unzahl großer Perlen und durch ihre Farbe und Größe bemerkenswerte Edelsteine. Noch viel kostbarer freilich macht sie ihr “ganz einzigartiger, geschichtlicher Wen, und wir müssen Julius Schlosser zustimmen, wenn er dieses „höchste Herrscherzeichen der Geschichte Europas in einem Zeiträume von fast acht Jahrhunderten“ das „vornehmste und rechtmäßigste Zeichen der Macht“ nennt, „das jemals die Stirn e eines irdischen Herrschers geschmückt hat“.

Ein merkwürdiger Umstand sei hier angemerkt: Obwohl diese Krone das Symbol der deutschen Kaiserwürde war, finden wir sie doch niemals auf den alten Abbildungen als solches verwendet; die Kaiser auf den alten Miniaturdarstellungen und den Porträtssiegeln tragen ganz anders gezeichnete Kronen, und auch als Bekrönung des Reichsadlers erscheint sie nie. Es ist daher auch eine arge Geschichtsfälschung, wenn die nationalsozialistischen Machthaber in dem Wiener Wappen die salische Kaiserkrone über den Doppeladler mit dem rot-weißen Kreuzschilde setzten und behaupteten, damit das alte Wiener Wappen wiederhergestellt zu haben. Niemals hat das Wappen der Stadt Wien ein Abbild dieser Krone geführt. Wenn auch der Wappenbrief Friedrichs III. vom Jahre 1461 bestimmt, daß der Doppeladler im Wiener Wappen „zwischen den haubten ain kaiserliche Krön“ tragen sollte, so zeigt doch schon die beigemalte Abbildung dieses Wappens eine vollkommen abweichende, gothische Form, die viel mehr der späteren, sogenannten habsburgischen Haus kröne (österreichischen Kaiserkrone) ähnelt, als der Krone Konrads II. In dieser Form erscheint dann auch das Wappen von Wien auf allen Abbildungen und Siegeln.

In das Reich der Fabel muß es auch verwiesen werden, wenn erzählt wird, das unter den Kroninsignien befindliche Evange-1 i a r sei bei der Eröffnung der Gruft Karls des Großen durch Otto III. auf den Knien des sitzend auf einem Throne bestatteten Leichnams aufgefunden worden. Die Quellen bieten keinerlei Anhaltspunkt für diese Behauptung, auch sie gehört zu den Legenden, mit denen insbesondere Karl IV. die Reichskleinodien zu umgeben versuchte, um durch diese Gloriole ihren Wert womöglich noch zu vergrößern! Doch sie haben dies wahrlich nicht notwendig, sie sind an sich schon ehrwürdig genug. Insbesondere gehört dieses Evangeliar zu den allerberühmtesten und kostbarsten Handschriften der Welt. Seine Entstehung reicht der Zeit nach sicherlich in die Periode des großen Karl zurück. Ein* wundervoller Kodex, von einem Presbyter Demetrius mit Gold- und Silberunzialen auf Purpurpergament wohl in Byzanz geschrieben, enthält er die vier Evangelien mit einem Pro-logus des heiligen Hieronymus und vier, außerordentlich interessante Evangelistenbilder. Der spätgotische Einband aus getriebenem und vergoldetem Silber mit einem sehr großen 'Saphir von herrlicher, tiefblauer Farbe und einigen sonstigen Edesteinen, vermehrt noch die Kostbarkeit dieser Zimelie, die ihre hohe geschichtliche Weihe dadurch empfangen hat, daß einst die deutschen Kaiser' den Krönungseid darauf ablegten.

Einen ganz eigenartigen Schatz bilden auch die zum Krönungsornate gehörigen Gewänder, die zum größten Teile aus dem nor-mannisch-sizilischen Königssdiatze stammen, vor allen das Hauptstück, der Krönung s-iii a n t e 1 aus scharlachroter, byzantinischer Seide, die in der königlichen Werkstatt zu Palermo überaus reich und prunkvoll mit Gold und echten Perlen bestickt wurde.

Wollte nian all die vielen Kostbarkeiten würdig beschreiben, die noch zu diesem Kaiserschatze gehören, so müßte man ein ganzes Buch füllen, denn er umfaßt 31 Stücke, nicht gerechnet die dazugehörigen Behältnisse, die als kunstvolle Lederarbeiten des 15. Jahrhunderts, teilweise mit Lederschnitt, teilweise mit Goldpressung verziert, für sich allein schon bemerkenswerte Museumsstücke bilden. Bei dem hohen Stande der österreichischen Druck- und Illustrationstechnik wäre es eine dankbare Aufgabe, anläßlich derRückkehr der Reichskleinodien nach Wien, sie in einer angemessenen Publikation; vor allem in farbigen Reproduktionen der Welt vor Augen zu führen. Denn auch die anderen, mannigfaltigen Kleinodien des Schatzes stehen den hier beschriebenen nur wenig nadi an Alter, historischem Interesse sowie materiellem und künstlerischem Werte. Reichskreuz, Stephansbursa, der Reichsapfel, die Mauritiuslanze, all die vielen Reliquiare, Szepter und Kostbaren Schwerter funkeln von Gold und edlen Steinen; sie alle umwittert der Zauber einer uralten Geschichte, sie geben uns Zeugnis von einer hochstehenden, tausendjährigen Kultur, sie stehen an der Wiege des christlichen Abendlandes. Wie viele Aufgaben harren da noch der einschlägigen Wissenschaft! Wird sie die Rätsel um die Mauritiuslanze und um die Stephansbursa lösen? Stammt der sogenannte „Säbel Karls des Großen“ tatsächlich aus der Avarenbeute oder kam er mit den Huldigungsgeschenken AI

Raschids an den fränkischen Hof?Wie all die Fragen über die Entstehungszeit und die Geschichte der einzelnen Kostbarkeiten auch gelöst werden mögen, soviel steht fest, daß mit den Reichskleinodien ein Schatz von einer geschichtlich-kulturellen Bedeutung nach Wien zurückgekehrt ist, dem kaum eine andere Stadt etwas Ähnliches an die Seite stellen kann. Schon allein die Geschlossenheit und Vollständigkeit dieses vorwiegend mittelalterlichen Krönungsschatzes stellt etwas Einmaliges dar.

Aus dem Wappen Wiens wird nun wohl wieder das Abbild der salischen Krone verschwinden, wie hoffentlich alles, was uns an die unseligste Periode unserer Geschichte erinnert, die echte Krone ist dafür wieder zurückgekehrt in ihre alte Heimat. Denn nach Wien, das jederzeit der wahre Hort echter Kultur war, das schon eine Weltstadt war,als Berlin noch ein Fischerdorf in einer Sandwüste darstellte, nach Wien, das jahrhundertelang den Hof der deutschen Kaiser beherbergte, gehören auch die deutschen Reichskleinodien. Vergessen wir nicht: als 1871 das neugegründete Deutsche Reich daranging, sich über seine Kroninsignien zu entscheiden, da lehnte es die neue Regierung ausdrücklich ab, die alten deutschen Kroninsignien zum Symbol des erneuerten Reiches anzunehmen!

Uns aber sollen sie immer sein: Symbol und Mahnung unserer Sendung, die uns zu Mittlern und Hütern einer Kultur bestellt hat, die von räuberischen Usurpatoren so sdimählich verraten und geschändet worden ist.

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