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Cyrill und Method in Salzburg

Fünf heiße, strahlend schöne Julitage des Jahres 1963, vom 12. bis zum 16., stand die geistliche Metropole und Universitätsstadt an der Salzach im Zeichen eines Jubiläums, das gerade dort, in Salzburg, besonders zu feiern zunächst einigermaßen seltsam, ja beinahe paradox anzumuten schien. War doch die erbitterte Feindschaft des seinerzeitigen Salzburger Erzbischofs und seiner Suffragane in Regensburg/ und Passau gegen das Wirken der griechischen Slawenlehrer aus Saloniki jedem, der sich auch nur oberflächlich mit der Kirchengeschichte des mitteleuropäischen Raumes befaßt hatte, wohl bekannt.

Cyrill und Method: Alpha und Omega der Slawenkunde

Innerhalb der Slawistik in jenem weitesten Wortsinne, den die Wiener Schule dieses Faches dem Begriff einzuhauchen versuchte, einer Wissenschaft also, die nicht nur Sprache, Literatur und Volkskunde aller slawischen Völker einschließlich des Altkirchenslawischen umfaßt, sondern auch ihre profane und Kirchen-geschichte. ihre Musik und bildende Kunst, ja ihre Altertumskunde mit einbezog, nimmt der Problemkomplex um das Leben, das Werk und die Ausstrahlung der Slawenlehrer auch heute noch einen einzig dastehenden hohen Rang ein. Ist doch das heilige Brüderpaar der Schöpfer der ersten und vornehmsten slawischen Literatursprache, des Altkirchenslawischen, und hat doch ihre Missionstätigkeit direkt oder mittelbar alle slawischen Länder dem Christentum und damit europäischer Gesittung zugeführt.

Es war deshalb ein überaus glücklicher Gedanke — seine Fruchtbarkeit zeigte sich im Verlauf der Beratungen mehr und mehr —, Gelehrte der mit dem Wirken Cyrills und Methods zusammenhängenden Disziplinen — und das ist von der Archäologie bis zur Kanonistik eine ganze Reihe — aus '“irtfaWÖFzu eiöewi' Congressus historiae slavicae Salisfeürgensis einzu laden.

Dieser von dem Wiener Universitätsdozenten für slawische Musikgeschichte, Dr. Franz Z a g i b a, konzipierte und organisierte cyrillo-metho-dianische Kongreß war zugleich auch die erste wissenschaftliche Großveranstaltung der wiedergegründeten Universität Salzburgs.

Heilige, in Ost und West verehrt

Cyrill und Method waren wohl Philologen, wahrscheinlich die bedeutendsten, die Byzanz im 9. Jahrhundert hervorgebracht hat, daß sie aber als Heilige sowohl von der Ost- als auch von der Westkirche verehrt werden, sagt uns, daß der Schwerpunkt ihrer Wirksamkeit im Religiösen lag: in der Verbreitung des Wortes Gottes und in der Feier der Liturgie. Revolutionierend war, daß sie eine „barbarische“ Sprache, den altbulgarischen oder altmakedonischen Dialekt, der in der Umgebung der Vaterstadt Saloniki gesprochen wurde, mit höchster philologischer Meisterschaft ausgestalteten und zur Ehre der Altäre erhoben. Die mittelalterliche Einheit von

Wissenschaft und Religion, ja die vormittelalterliche Einheit der Kirche wurde, wenigstens für Stunden feierlicher Ergriffenheit, wiederum lebendig. Schon vom Äußeren und seinem Glanz her war diese Verbindung von sakralem und weltlichem Bereich gegeben durch die Teilnahme von Geistlichen aller Grade: von Kardinal König, Fürsterzbischof Rohrache r, dem orthodoxen Erzbischof Chrysostomos T s i t e r, Erzbischof 5 e p e t von Agram, einigen weiteren Bischöfen bis hinunter zum Kleriker und einfachen Mönch. Aus den Reihen der Geistlichkeit stammten die beiden Präsidenten des Kongresses, Bischof Dr. Georg G r a b e r von Regensburg und Universitätsprofessor Dr. Hugo H a n t s c h (Wien), ein Geistlicher hielt den zentralen Festvortrag in der Aula acade-mica: der Washingtoner Universitätsprofessor DDr. Francis D v o r n i k (seine Laufbahn begann er als Kaplan im nordmährischen Wagstadt) referierte vor einem illustren Auditorium von geistlichen Würdenträgern und Fachgelehrten aus ganz Europa über „Die Bedeutung der Brüder Cyrill und Method für die Slawen- und Kirchendie Dinge ins rechte Lot rücken. Die heiligen Slawenlehrer verwendeten die Volkssprache in der Mission (das hatten bereits ihre aus Salzburg und Passau kommenden Vorgänger getan) und in der Liturgie (das war neu und unerhört) nicht um dem (damals gar noch nicht vorhandenen) Nationalstolz und Nationalbewußtsein der slawischen Völker zu schmeicheln, sondern um dem Worte Gottes besser den Weg zu bahrten. b,rj/, iipi'rAWI™rf3( Auch heute liegen die Dinge kaum anders: die sprachliche Reform der Liturgie ist nur ein — unserer unmaßgeblichen Ansicht noch dazu nicht sehr wesentliches — Akzidens beim großen Werk der großen Erneuerung, die aus tieferen Quellen kommen muß. Die Meßfeier ist schließlich ein Mysterium, das den sprachlich-begrifflichen Bereich sehr weitgehend transzendiert.

Altslawisches Hochamt im Dom

Allen solchen Bedenken zum Trotz, die sich im Verfasser als einem Angehörigen jener Generation erhoben, der die Wasserstoffbombe und anderes im Genick sitzt, muß man die einzigartige und überwältigende Hochstimmung dankbar bekennen, die von dem in altkirchenslawischer Sprache kroatischer Redaktion im Dom zelebrierten Hochamt ausging. Die slawische Liturgie, äußerer Sinn des Anstoßes, der zur gewaltsamen Einkerkerung des pannoni-schen Erzbischofs Method durch seine bayrischen „Brüder“ geführt hatte, fand Eingang in den Dom zu Salzburg! Sie wurde von Exzellenz 5 e p e r mit großer Assistenz zelebriert. Der musikalische Teil, die „Missa Slavica“ von Albe V i d a k o v i c, war bei dem Chor der ukrainisch-katholischen Kirche St. Barbara in Wien unter Professor A. Hnatsyn in besten Händen.

Es war eine europäische Stunde der Versöhnung und der Besinnung. Ein Kardinal des deutschsprachigen Raums, der Salzburger Fürsterzbischof, und viele deutsche Geistliche aller Grade nahmen an einem slawischen Gottesdienst teil! Beziehungsvoll sprach das Evangelium vom Feste der Heiligen Cyrill und Method (Luk. 10, 1—9) von „Arbeitern in der Ernte des Herrn“, davon, daß diese „gesendet seien wie Lämmer in die Mitte der Wölfe“ und daß der „Arbeiter seines Lohnes wert sei“.

Als dann Bischof G r a b e r von Regensburg in seiner bedeutsamen Festpredigt von einer notwendigen Wiedergutmachung des Unrechtes seiner Vorgänger sprach, da wehte der Atem der Geschichte durch den Raum, da waren tausend Jahre wahrlich wie ein Tag.

Die Salzhurger Slawenmission

Durch die Ausgrabung vorcyrill-methodianischer Kirchenbauten in

Mähren und Pannonien, die nur auf bayrisch-fränkische Initiative zurückgehen können und durch die evidenten Zusammenhänge der ältesten slawischen Sprachdenkmäler mit dem bayrischen Raum ergibt sich die Wichtigkeit der vorbereitenden Tätigkeit (freilich nolens und nicht volens) der bayrischen Mission für das Werk der Slawenlehrer.

Diese Salzburger Slawenmission war Gegenstand einiger Vorträge, vor allem aber einer sehenswerten Ausstellung in den Oratorien des Salzburger Domes, die den selten gezeigten Domschatz mit Dokumenten der Slawenmission und Slawistik vereinigt. Die bayrische Staatsbibliothek und die österreichische Nationalbibliothek haben wertvollste slawische Handschriften zur Verfügung gestellt. Man kann hier unter anderem die ersten erhaltenen Worte sehen, die je in einer slawischen Sprache geschrieben wurden, die sogenannten Letten-bauerschen Glossen aus dem 9. Jahrhundert sowie die altslowenischen Freisinger Denkmäler aus dem 10. Jahrhundert, die mit der bayrischen Mission zusammenhängen.

Der wissenschaftliche Ertrag

Ausgehend vom Generalthema „Die

Nicht immer richtig.

Dem Genius loci entsprechend war der vorcyrill-methodianischen vom Westen her wirkenden Slawenmission breiter Raum gegönnt. Ein deutlicher Linterschied in den Missionsmethoden des bayrischen Klerus und des fränkischen Staates trat hervor: dort behutsame Predigt in echt christlichem Geist, hier Christianisierung im Gefolge militärischer Siege, was das fränkische Missionswerk vielfach diskreditierte.

Hochbedeutsam waren die Vorträge mit juridischer Thematik, besonders die Ausführungen von Professor A. W. Z i e g I e r (München) über die „Absetzung Methodius' im Licht der Rechtsgeschichte“. Immer mehr erweist sich dieser bedauerliche Vorfall als ein mit handfesten Mitteln durchgefochtener Kompetenzkonflikt, der durch eine Entscheidimg des Heiligen. Stuhles über eine Einschränkung des Jurisdiktionsbereiches der Salzburger Erzdiözese hervorgerufen wurde. Diese Einschränkung empfand man — wie es sich zeigt, nicht völlig grundlos — als schweres Unrecht. Nationale und Motive der Glaubensdifferenzen (slawische Liturgie, Filioque) spielten neben den juridischen nur eine untergeordnete Rolle.

In atemloser Spannung hielt seine Zuhörer trotz der erdrückenden Hitze des Montagnachmittags der irische Dominikaner Dr. Leonhard B o y 1 e aus Rom, der im Auftrag des Kardinals

Cicognani dem geheimnisumwitterten Schicksal der Reliquien des in Rom verstorbenen heiligen Cyrill nachgegangen war. Ihr Vorhandensein in der Basilika San demente ist noch für das Ende des 16. Jahrhunderts sicher bezeugt. Schon 1 863 war nach ihnen gegraben worden, jedoch ohne Erfolg. Hundert Jahre später gelang es dem Vortragenden, aus den Quellen ihr Los bis zur Mittagstunde eines Tages des stürmischen Jahres 1799 zu verfolgen, da sie vor der französischen Revolutionssoldateska durch Lorenzo Mattei geborgen werden sollten. Im Familienarchiv der Mattei fand Professor Boyle keine weiteren Angaben, dafür aber in ihrer Privatkapelle außerhalb Roms ein kleines Kästchen mit

Slawen zwischen Ost und West in Geschichte und Gegenwart“ spielte sich die Arbeit des Kongresses, entsprechend der weiten Ausstrahlung des Werkes der heiligen Brüder in fünf Sektionen ab: einer historischen und prähistorischen, einer kirchengeschichtlichen, einer im engeren Sinn cyrill-methodianischen, einer philologischen und einer kunst- und musikgeschichtlichen. Angekündigt waren fast hundert Vorträge, von denen etwa zwei Drittel zustande kamen. Große Abordnungen erschienen aus der Bundesrepublik, der CSSR und Jugoslawien; Polen, Ungarn und Bulgarien hatten je einen Vertreter entsandt. Da jeweils mehrere Sektionen gleichzeitig tagten, war es unmöglich, alle Vorträge zu hören, ein Leid, das dem Besucher von Kongressen wohl vertraut ist. Wenn hier nun der Versuch unternommen wird, vorgreifend einiges zum wissenschaftlichen Ertrag des Kongresses zu sagen (ein dreibändiger Kongreßbericht ist geplant), so geschieht dies unter dem Vorbehalt, daß nur das Berücksichtigung finden kann, was der Verfasser hörte, der selbst als Referent tätig war und sich schon deshalb nicht völlig auf die Berichterstattung konzentrieren konnte. einem spannenlangen Knochen, das die Aufschrift trug „Ex ossibus S. Cyrilli“ — reliquiae reliquiarum, die jetzt den ihnen zukommenden Ehrenplatz im Cyrillus-Altar der Basilika San demente finden werden.

Viel gesprochen wurde auch über die Ausstrahlung des Wirkens der heiligen Brüder. Die Möglichkeit einer pannoni-schen, auf Methodius oder seine Schüler zurückgehenden Tradition für sein in den Quellen als „uralt“ bezeichnetes Erzbistum der Batschka deutete dessen Apostolischer Administrator Exzellenz Zvekanovic an. Sein Vortrag in elegantem Latein fand wohlverdienten Beifall.

Als Monumentum aere perennius der Wirksamkeit der heiligen Brüder muß freilich vor allem das Altkirchenslawische hervorgehoben werden, heute noch die Kultsprache der orthodoxen Slawen (früher auch der Rumänen). Wie stark dieses cyrill-methodianische Erbe noch in der modernen russischen Literatursprache weiterwirkt, zeigte der Oxforder Universitätsprofessor B. U n-b e g a u n. Seiner These, daß die moderne russische Schriftsprache aus der Verschmelzung der russischen Redaktion des Kirchenslawischen mit der Kanzleisprache hervorgegangen sei, wird jeder unbefangene Sprachforscher zustimmen. Als Beweis zitierte der Vortragende einen Passus aus der ideologischen Zeitschrift der KPdSU „Kommunist“, dessen Wortschatz sich zu 80 Prozent als kirchenslawisch erwies: honor ex ore impiorum.

In einem vielbeachteten Vortrag über das Wirken der Orthodox-Theologischen Fakultät der Universität Czernowitz zeigte Dr. E. T u r-ciynski (München) das alte Österreich in der ungewohnten und unvermuteten Rolle eines Hüters der östlichen Orthodoxie.

Der nach Bonn abgewanderte österreichische Indogermanist Professor Dr. J. K n o b 1 o c h vermochte das bisher axiomatisch geglaubte Vorhandensein zahlreicher gotischer Lehnwörter im Urslawischen zumindest stark zu erschüttern, als er am Beispiel der gläsernen Spitzbecher (stikls) zeigte, daß die Slawen das Glas (steklo) von fränkischen Händlern kennengelernt haben und daß mit einer Schicht voralthochdeutscher westgermanischer Lehnwörter im Urslawischen zu rechnen ist (Reich des Samo!).

Die Weltbedeutung der Philosophie Cyrills liegt in seiner Lehre von dem „urväterlichen Heil“, dem Gnadenstatus vor dem Sündenfall, zu dem Christus durch sein Erlösungswerk jedem Menschen den Weg gewiesen hat. Daraus ergibt sich konsequent die Lehre von der Gleichberechtigung aller Sprachen, aller Völker und Menschen vor Gott. Die Harmonie zwischen der Ost- und der Westkirche als Bedingung für das Wirken der göttlichen Gnade war das „Programm“ der Slawenlehrer. Ihr Wirken hatte weder politische noch nationale Ziele, sondern diente nur dem erhabenen Zweck, dem Wort Gottes und Seiner Gnade den Weg zu allen Völkern zu bahnen. Das darf als wichtigstes Ergebnis dieser glanzvollen Salzburger Tage festgehalten werden.

Die Volkssprache im Gottesdienst

Auch die rein wissenschaftlichen Beratungen des Kongresses berührten vielfach den religiösen Bereich. Die hochaktuelle Einführung der Volkssprachen in die Liturgie etwa ist im Werk der Slawenlehrer vorweggenommen, ja wurde vielfach als der wesentlichste Punkt ihres Wirkens mißverstanden. Der der Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils angehörende Agramer Universitätsprofessor Dr. D. K n i e w a 1 d referierte zum Beispiel über die Situation in den katholischen Diözesen Kroatiens, wo die verschiedensten Stufen der Einführung der Volkssprache nebeneinander existieren: mitteleuropäische Betsingmessen gewohnter Art, Hochämter, in denen die Gläubigen die liturgischen Texte (nicht Kirchenlieder) in kroatischer Sprache mitsingen, und schließlich die den Slawen so teuren, altehrwürdigen Relikte der cyrillo-methodianischen Zeit in einigen Küstenstädten, wo heute noch die Messe in Altkirchenslawisch zelebriert wird, und wo sich zum Teil auch sehr archaische Singweisen erhalten haben. Professor Koschmieder aus München brachte im Rahmen seines Vortrages „Die Musik der Glago-liten und das cyrill-methodianische

Problem“ wertvolle Schallaufnahmen dieser uralten Musik.

Man konnte des öfteren die Behauptung hören, daß die heiligen Brüder die slawische Volkssprache in den Rang der Lingua liturgica erhoben hätten. Solches läßt sich, wie Professor B. Havränek aus Prag in seinem Referat über die „Bedeutung Konstantins und Methods für die Anfänge der geschriebenen Literatur in Großmähren“ ausführte, nur cum grano salis behaupten. Man kann, die Problemlage epigrammatisch zuspitzend, sogar die Behauptung wagen, daß der Text der altkirchenslawischen Übersetzungen für die Slawen des 9. Jahrhunderts im selben Sinn Volkssprache war wie etwa das Deutsch Hegels für das „Volk“ des 19. Jahrhunderts.

Für die in nationalen Gegensätzen und Kämpfen ergraute ältere Generation — einzelne Diskussionsbeiträge auf dem Kongreß vermittelten einen guten Einblick in diese gottlob überwundene Geisteshaltung — mag dieses Morgenrot der Nationalisierung des Gottesdienstes die Erfüllung kühnster Wunschträume bedeuten. Schon für die cyrill-methodianische Zeit muß man aber, wie Professor Hantsch in seinem Einleitungswort richtig bemerkte,

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