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DIE RETTUNG EINES GOTISCHEN BAUJUWELS

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Grabhügel, Rundbau, Gotteshaus: Die Untersuchung der Grazer Leechkirche offenbarte den Archäologen Abschnitte ihres langen Bestehens. Für viele Phasen der Geschichte dieser Kirche gibt es erstmals genaue Anhaltspunkte.

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Grabhügel, Rundbau, Gotteshaus: Die Untersuchung der Grazer Leechkirche offenbarte den Archäologen Abschnitte ihres langen Bestehens. Für viele Phasen der Geschichte dieser Kirche gibt es erstmals genaue Anhaltspunkte.

Tiefe Gräben durchziehen das Kirchenschiff, Profile werden abgenommen, Zeichnungen angefertigt und Fundmaterial gesichtet. Im Frühling 1991 konnte das Archäologische Institut der Grazer Universität gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt anläßlich der Renovierungsarbeiten in der Leechkirche mit umfangreichen Untersuchungen beginnen. Ermöglicht wurden diese mit finanzieller Unterstützung durch das Kuratorium „Grazer Dom", die Stadtgemeinde, die historische Landeskommission, den Bund und private Spender.

Hatte sich früher ein Großteil unseres Wissens um die frühe Geschichte der Kirche „Maria am Leech" immer wieder auf Vermutungen stützen müssen, so gibt es nun für viele, wenn auch nicht alle Phasen, genauere Anhaltspunkte. Unter der Leitung von Universitätsprofessor Hanns Thuri Lorenz und Universitätsdozent Bernhard Hebert widmeten sich Manfred Lehner, Johannes Jäger und Jörg Fürnholzer diesen Forschungen. Vor einigen Tagen wurde ein erster Bericht vorgelegt.

Am Rand einer tiefen Sondierung stehend, erläutert Lehner die Fundsituation, die insgesamt fünf Phasen unterscheiden läßt: „Ältester Beleg für die Bestimmung dieses Gebietes ist ein Gräberfeld aus der Urnenfel-derzeit, welches eineinhalb Meter unter dem heutigen Niveau der Zin-zendorfgasse zutage kam. Wir sind bei unseren Stichgrabungen zwar auf keine Bestattung in situ gestoßen, der überall vorhandene Leichenbrand verifiziert diese Aussage jedoch." Wie an verschiedenen Stellen der Stadt schon länger festgestellt, erstreckte sich ein zur urnenfelderzeitlichen Siedlung auf dem Schloßberg gehöriges Gräberfeld über den Stadtpark bis zum Hilmteich. Keramikfunde lassen an eine Datierung in Hallstatt B (1000 bis 800 vor Christus) denken.

Schon länger Gegenstand gelehrter Überlegungen, erwiesen die Grabungen den etwa vier Meter hohen Hügel, auf dem sich die gotische Kirche erhebt, tatsächlich "als hallstattzeitli-chen Grabbau aus dem siebenten oder sechsten Jahrhundert vor Christus. Ein Hinweis darauf war die Ethymologie des Ortsnamens „Leech", die sich vom althochdeutschen „hleo" ableiten läßt und Grabhügel bedeutet. Anläßlich der Fußbodenrestaurierung war auch eine genauere Untersuchung des Hügels möglich geworden. Lehner: „Es handelt sich um einen prähistorischen Grabhügel, der einen Durchmesser von etwa acht Metern hatte. Er besteht aus einer Brandschichte und dem darüberliegenden Hügel, den Kern bildet eine Steinkuppel. Eine Bestattung konnte von uns nicht mehr gefunden werden, da diese vermutlich im Mittelalter ausgeräumt worden war. Beweis dafür ist ein deutlich im Erdprofil feststellbarer Beraubungsschacht. Lediglich Schmuckreste, Keramik und Leichenbrand wurden gesichert."

Eine dritte Phase gewann erst gegen Ende der Grabungen an Deutlichkeit. Im östlichen Teil des Kirchenraumes kam die Mauer eines Rundbaues zutage, der einen Innendurchmesser von zehn Metern aufweist und sich genau auf den hall-stattzeitlichen Grabhügel zu beziehen scheint. Dozent Hebert vom Bundesdenkmalamt: „Leider gibt es kein Fundmaterial zu diesem Bruchsteinmauerwerk. Einziger Anhaltspunkt sind Ziegel, die im Fundament verwendet wurden und so an eine Datierung ab der römischen Kaiserzeit denken lassen. Der Zwecke dieses Rundbaues, bei dessen Errichtung das Zentrum des Grabhügels einplaniert wurde, liegt leider noch im Dunkeln."

Die runde Form des Grabhügels bewahrte schließlich auch eine Kirche. „Dieser Bau, der wahrscheinlich die in alten Urkunden erwähnte Kunigundenkapelle beherbergte, weist einen Außendurchmesser von mehr als 16 Metern auf. Im Osten war eine Apsis angesetzt, im Westen ein Portalvorbau", erklärt Lehner die Situation, die auch mit der historischen Überlieferung in Einklang steht. Erstmals 1224 erwähnt, wurde die Kirche von Herzog Friedrich IL, dem Streitbaren, im Jahre 1233 an den deutschen Ritterorden übergeben. Die in der Schenkungsurkunde genannten „antecessores" (= Vorgänger) weisen die Bauherren der Kunigundenkapelle in die Zeit der Babenberger oder der Markgrafen von Steier, die im elften und zwölften Jahrhundert regierten. Ein zeitlicher Ansatz der Rundkirche an den Beginn des 13. Jahrhunderts wird auch durch einen Zackenfries, der seine nächste Parallele im Gurker Dom findet, bestätigt. Der Fund unter der Leechkirche ist ebenso überraschend wie einzigartig. Reste romanischer Rundkirchen fanden sich zwar in Steirisch-Laßnitz, Petronell und Scheiblingkirchen, ihre Maße liegen aber weit unter denen des Grazer Bauwerkes.

Als Juwel gotischer Baukunst fand die Kirche „Maria am Leech" Eingang in zahlreiche kunsthistorische Abhandlungen. Ihre Fenster gehören zu den wichtigsten Glasmalereien Mitteleuropas. Nach der Zerstörung der Rundkirche, wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit dem Neubau begonnen, dessen Weihe in die Dekade zwischen 1283 und 1-293 fallen dürfte. „Wie die Untersuchungen ergaben, wurde der Bau in einem Vorgang errichtet. Der westliche Bauteil mit der Eingangsfassade ist gleichzeitig mit dem Schiff entstanden. Nachgewiesen wurde auch die Empore mit drei Spitzbogenfenstern. Spätere Veränderungen erfolgten im Eingangsbereich, wo das Portal mit der berühmten Tympanon-figur um 1500 an die heutige Stelle versetzt wurde.

Anläßlich der Renovierungsarbeiten konnten wir auch das Mauerwerk untersuchen, das teilweise im vorigen Jahrhundert erneuert wurde. Ein tiefer Riß im Fundament der Vorhalle erklärt die statischen Probleme, die schon früh trotz der tiefen Fundamentierung auftraten. Ursprünglich war der Raumeindruck ein anderer: „An der Nordseite ließen große Fenster Licht in das heute dunkle Innere strömen. Sie wurden wahrscheinlich um 1500 bei einer Unwetterkatastrophe zerstört. Zusätzlich sorgte hellrote Bemalung für einen besonderen Effekt'', versucht Dozent Hebert das ehemals lichtdurchflutete Kirchenschiff zu rekonstruieren. Der Boden weist eine leichte Steigerung zur gotischen Mensa hin an, deren Reste noch unter dem barocken Altar erhalten sind. Entlang der Wände war das Chorgestühl aufgestellt, da der Bau nicht als Pfarrkirche, sondern als Ordenskapelle diente. Dieser Phase dürften auch figurale 5r) Malereien angehören, die in einer Nische neben dem Seitenaltar entdeckt wurden. Mit dem Einbau der Empore in der Mitte des 16. Jahrhunderts würde die Farbgestaltung geändert: Weiße Wandflächen waren der Hintergrund ockerfarbiger Architekturglieder. Die beiden Türme wurden im 19. Jahrhundert erneuert, dürften aber, wie Dozent Hebert ausführt, nicht zum Bestand des 13. Jahrhunderts gehört haben.

Die archäologischen Untersuchungen wurden kürzlich beendet, nun soll die Grazer Studentenkirche wieder in das Stadtbild und in das Universitätsleben eingebunden werden. Die Grabungen, die auf dem österreichischen Historikertag auf großes Interesse der Fachwelt stießen, werden nicht zugeschüttet, sondern durch eine Zwischendecke gesichert, zugänglich bleiben.

Die Autorin ist Kultunedakteurin der Kleinen Zeitung.

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