Digital In Arbeit
Ausstellung

Polnische Pretiosen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Höhepunkt des Polnischen Jahres in Österreich: Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum.

Drei Fünftel aller ursprünglich in Polen befindlichen Kunstschätze sind dem Land im Lauf seiner wechselvollen Geschichte verloren gegangen. Der Grund dafür waren nicht nur Zerstörung oder Raub im Zuge von Kriegen und der Verlust der Eigenstaatlichkeit zwischen 1795 und 1918, sondern auch eine Besonderheit der polnischen Monarchie: das Wahlkönigtum. Anhand der Ausstellung "Thesauri Poloniae - Schatzkammer Polen" im Kunsthistorischen Museum in Wien lässt sich diese Entwicklung gut verfolgen. Denn die opulente Schau in der neu adaptierten Kunstkammer - Höhepunkt des polnischen Jahres in Wien, in dessen Rahmen der Beitrittskandidat Polen im EU-Mitgliedsland Österreich um Sympathie wirbt - präsentiert ihre 180 erlesenen Objekte in Form einer Geschichte der polnischen Kunstsammlungen.

In den Ländern Westeuropas bildeten die Sammlungen der Herrscherhäuser den Grundstock der einzelnen großen Nationalmuseen, wie dem Louvre in Paris, dem Prado in Madrid oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien. In Polen wurde 1572 nach dem Tod des letzten Monarchen aus dem Haus der Jagiellonen das Wahlkönigtum eingeführt. Die Kunstsammlungen der auf Lebenszeit gewählten Könige erhielten dadurch den Status von Privatsammlungen und wurden zum Teil von den Herrschern ins Ausland verbracht oder von den Erben verkauft. Die prächtigen Kunstsammlungen der drei Könige aus dem Hause Wasa (1597-1688) etwa gelangten nach Schweden. Im Kunsthistorischen Museum ist nun die so genannte Stockholmer Rolle ausgestellt, die auf einer Länge von 16 Metern den Hochzeitszug von Sigismund III. und Erzherzogin Konstanze von Österreich (1605) zeigt. Sie wurde jahrhundertelang in Schweden aufbewahrt, kam dorthin wahrscheinlich als Beute im Zuge des aus dynastischen Gründen geführten Krieges gegen Schweden, der über die ganze erste Hälfte des 17. Jahrhunderts dauerte und ganz Polen in Armut stürzte. Die beiden Sachsenkönige (1697-1763) verwendeten sämtliche Einnahmen aus Polen für die Verschönerung ihrer Residenzstadt Dresden, wo auch ihre Kunstsammlungen untergebracht wurden.

Geschichte in Gemälden

Auch Johann III. Sobieski war ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Er, der den Großteil seines Lebens auf dem Schlachtfeld gegen die Türken verbrachte und diese unter anderem 1683 vor dem belagerten Wien besiegte, liebte vor allem Werke orientalischer Herkunft. Auch seine Sammlung ist in alle Winde verstreut, geblieben ist immerhin seine Sommerresidenz, das architektonisch herausragende Schloss Wilanów bei Warschau. Ursprünglich aus königlichem Besitz dürfte auch eines der wertvollsten Stücke der Wiener Ausstellung stammen: Die monumentale "Schlacht bei Orza" (um 1530), das älteste erhaltene Historiengemälde Polens.

Den jeweiligen königlichen Sammlungen zumindest ebenbürtig waren die Sammlungen der polnischen Magnaten, deren märchenhafter Reichtum ihnen einen aufwändigen und verschwenderischen Lebensstil ermöglichte. Der pompöse Auftritt eines Wojwoden in Rom hinterließ einen derart bleibenden Eindruck, dass er noch fast 150 Jahre später Bernardo Bellotto zu einem Ölgemälde inspirierte: "Der Einzug von Jerzy Ossolinski in Rom im Jahre 1633" (1779). Bemerkenswert bei den zahlreichen im Kunsthistorischen Museum zu bewundernden Magnatenporträts ist die eigenartige Tracht der Porträtierten. Der polnische Adel nämlich pflegte sich seit Ende des 16. Jahrhunderts in Gewänder aus persischem Stoff zu kleiden, türkische Waffen zu tragen und den Schädel zu scheren. Der so genannte Sarmatismus beruhte auf dem Mythos, die polnischen Adelsfamilien stammten ursprünglich aus dem Orient. So wurde zum einen die Besonderheit der polnischen Nation betont, zum anderen die besondere Stellung des polnischen Adels herausgestrichen, der durch das Wahlkönigtum weit mehr Macht besaß als seine Standesgenossen in absolutistischen Monarchien.

Kirche und Kunst

Mit Stanislaw August Poniatowski endet die Geschichte der königlichen polnischen Sammlungen. Der letzte polnische König, ein gebildeter und aufgeklärter Mann, unter dessen Herrschaft die erste geschriebene Verfassung Europas in Kraft trat, war auch ein engagierter und geschickter Kunstsammler. Geld stand ihm nicht viel zur Verfügung, denn zu seiner Zeit war Polen ein innen- wie außenpolitisch geschwächter Staat, dessen Herrscher nur wenig Steuereinnahmen verbuchen konnte. Während etwa Katharina II. von Russland berühmte Sammlungen en bloc erwarb, kaufte Stanislaw August bei kleineren Auktionen einzelne Bilder, die er sorgfältig und auf Geheimhaltung bedacht auswählte; Werke italienischer Künstler konnte er sich zumeist nicht leisten. Dennoch entstand eine rund 3.000 Gemälde umfassende Sammlung, die freilich nach seiner Abdankung und der endgültigen Aufteilung Polens zwischen Preußen, Russland und Österreich im Jahr 1795 ziemlich bald zerfiel.

Eine Konstante der polnischen Geschichte ist die katholische Kirche, in deren Kathedralen und Schatzkammern viele Kunstschätze die Kriege - von den Tartareneinfällen im 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg - überdauerten. Das berühmte, nun im Kunsthistorischen Museum gezeigte Triptychon "Das Jüngste Gericht" (1467-1471) von Hans Memling, ein Meisterwerk der Spätgotik an der Schwelle zur Renaissance, ist ein herausragendes Beispiel dafür. Dabei handelt es sich allerdings um einen Fall historischer Raubkunst: Von einem italienischen Bankier für eine Kirche nahe Florenz bei dem niederländischen Künstler in Auftrag gegeben, fiel es beim Transport auf See einem Piraten in die Hände. Das Beutestück schenkte der in Diensten der Hansestadt Danzig stehende Seeräuber der größten Kirche der hanseatischen Welt: der Marienkirche in Danzig, wohin es nach Ende der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum wieder zurückkehren wird.

Schatzkammer Polen

Kunsthistorisches Museum,bis 2. März Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr

Höhepunkt des Polnischen Jahres in Österreich: Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum.

Drei Fünftel aller ursprünglich in Polen befindlichen Kunstschätze sind dem Land im Lauf seiner wechselvollen Geschichte verloren gegangen. Der Grund dafür waren nicht nur Zerstörung oder Raub im Zuge von Kriegen und der Verlust der Eigenstaatlichkeit zwischen 1795 und 1918, sondern auch eine Besonderheit der polnischen Monarchie: das Wahlkönigtum. Anhand der Ausstellung "Thesauri Poloniae - Schatzkammer Polen" im Kunsthistorischen Museum in Wien lässt sich diese Entwicklung gut verfolgen. Denn die opulente Schau in der neu adaptierten Kunstkammer - Höhepunkt des polnischen Jahres in Wien, in dessen Rahmen der Beitrittskandidat Polen im EU-Mitgliedsland Österreich um Sympathie wirbt - präsentiert ihre 180 erlesenen Objekte in Form einer Geschichte der polnischen Kunstsammlungen.

In den Ländern Westeuropas bildeten die Sammlungen der Herrscherhäuser den Grundstock der einzelnen großen Nationalmuseen, wie dem Louvre in Paris, dem Prado in Madrid oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien. In Polen wurde 1572 nach dem Tod des letzten Monarchen aus dem Haus der Jagiellonen das Wahlkönigtum eingeführt. Die Kunstsammlungen der auf Lebenszeit gewählten Könige erhielten dadurch den Status von Privatsammlungen und wurden zum Teil von den Herrschern ins Ausland verbracht oder von den Erben verkauft. Die prächtigen Kunstsammlungen der drei Könige aus dem Hause Wasa (1597-1688) etwa gelangten nach Schweden. Im Kunsthistorischen Museum ist nun die so genannte Stockholmer Rolle ausgestellt, die auf einer Länge von 16 Metern den Hochzeitszug von Sigismund III. und Erzherzogin Konstanze von Österreich (1605) zeigt. Sie wurde jahrhundertelang in Schweden aufbewahrt, kam dorthin wahrscheinlich als Beute im Zuge des aus dynastischen Gründen geführten Krieges gegen Schweden, der über die ganze erste Hälfte des 17. Jahrhunderts dauerte und ganz Polen in Armut stürzte. Die beiden Sachsenkönige (1697-1763) verwendeten sämtliche Einnahmen aus Polen für die Verschönerung ihrer Residenzstadt Dresden, wo auch ihre Kunstsammlungen untergebracht wurden.

Geschichte in Gemälden

Auch Johann III. Sobieski war ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Er, der den Großteil seines Lebens auf dem Schlachtfeld gegen die Türken verbrachte und diese unter anderem 1683 vor dem belagerten Wien besiegte, liebte vor allem Werke orientalischer Herkunft. Auch seine Sammlung ist in alle Winde verstreut, geblieben ist immerhin seine Sommerresidenz, das architektonisch herausragende Schloss Wilanów bei Warschau. Ursprünglich aus königlichem Besitz dürfte auch eines der wertvollsten Stücke der Wiener Ausstellung stammen: Die monumentale "Schlacht bei Orza" (um 1530), das älteste erhaltene Historiengemälde Polens.

Den jeweiligen königlichen Sammlungen zumindest ebenbürtig waren die Sammlungen der polnischen Magnaten, deren märchenhafter Reichtum ihnen einen aufwändigen und verschwenderischen Lebensstil ermöglichte. Der pompöse Auftritt eines Wojwoden in Rom hinterließ einen derart bleibenden Eindruck, dass er noch fast 150 Jahre später Bernardo Bellotto zu einem Ölgemälde inspirierte: "Der Einzug von Jerzy Ossolinski in Rom im Jahre 1633" (1779). Bemerkenswert bei den zahlreichen im Kunsthistorischen Museum zu bewundernden Magnatenporträts ist die eigenartige Tracht der Porträtierten. Der polnische Adel nämlich pflegte sich seit Ende des 16. Jahrhunderts in Gewänder aus persischem Stoff zu kleiden, türkische Waffen zu tragen und den Schädel zu scheren. Der so genannte Sarmatismus beruhte auf dem Mythos, die polnischen Adelsfamilien stammten ursprünglich aus dem Orient. So wurde zum einen die Besonderheit der polnischen Nation betont, zum anderen die besondere Stellung des polnischen Adels herausgestrichen, der durch das Wahlkönigtum weit mehr Macht besaß als seine Standesgenossen in absolutistischen Monarchien.

Kirche und Kunst

Mit Stanislaw August Poniatowski endet die Geschichte der königlichen polnischen Sammlungen. Der letzte polnische König, ein gebildeter und aufgeklärter Mann, unter dessen Herrschaft die erste geschriebene Verfassung Europas in Kraft trat, war auch ein engagierter und geschickter Kunstsammler. Geld stand ihm nicht viel zur Verfügung, denn zu seiner Zeit war Polen ein innen- wie außenpolitisch geschwächter Staat, dessen Herrscher nur wenig Steuereinnahmen verbuchen konnte. Während etwa Katharina II. von Russland berühmte Sammlungen en bloc erwarb, kaufte Stanislaw August bei kleineren Auktionen einzelne Bilder, die er sorgfältig und auf Geheimhaltung bedacht auswählte; Werke italienischer Künstler konnte er sich zumeist nicht leisten. Dennoch entstand eine rund 3.000 Gemälde umfassende Sammlung, die freilich nach seiner Abdankung und der endgültigen Aufteilung Polens zwischen Preußen, Russland und Österreich im Jahr 1795 ziemlich bald zerfiel.

Eine Konstante der polnischen Geschichte ist die katholische Kirche, in deren Kathedralen und Schatzkammern viele Kunstschätze die Kriege - von den Tartareneinfällen im 13. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg - überdauerten. Das berühmte, nun im Kunsthistorischen Museum gezeigte Triptychon "Das Jüngste Gericht" (1467-1471) von Hans Memling, ein Meisterwerk der Spätgotik an der Schwelle zur Renaissance, ist ein herausragendes Beispiel dafür. Dabei handelt es sich allerdings um einen Fall historischer Raubkunst: Von einem italienischen Bankier für eine Kirche nahe Florenz bei dem niederländischen Künstler in Auftrag gegeben, fiel es beim Transport auf See einem Piraten in die Hände. Das Beutestück schenkte der in Diensten der Hansestadt Danzig stehende Seeräuber der größten Kirche der hanseatischen Welt: der Marienkirche in Danzig, wohin es nach Ende der Ausstellung im Kunsthistorischen Museum wieder zurückkehren wird.

Schatzkammer Polen

Kunsthistorisches Museum,bis 2. März Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr