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Die Sphinx-Prinzessin kommt aus Brooklyn

Noch vor wenigen Jahren erschien als Utopie, was zur Zeit im Wiener Künstlerhaus Wirklichkeit ist: eine vom Kunsthistorischen Museum veranstaltete Ägypten-Ausstellung höchster Qualität. Teilrechtsfähigkeit der Bundesmuseen und Generaldirektor Wilfried Seipel haben es möglich gemacht, daß in der bisher selbst von einschlägigen Wanderausstellungen immer wieder übergangenen österreichischen Metropole 250 Exponate aus vierzehn prominenten Sammlungen Europas und den USA gezeigt werden können, deren Versicherungswert 1,2 Milliarden Schilling ausmacht. Finanziert wurden die Kosten der faszinierenden Schau altägyptischer Rundplastik in der Höhe von 16 Millionen Schilling zum geringen Teil vom Bund, überwiegend hingegen durch Einnahmen aus der Teilrechtsfähigkeit und Sponsoren. Die Vorbereitungszeit betrug lediglich ein halbes Jahr.

Nicht ganz so lang - nämlich bis 4. Oktober - ist die historisch aufbereitete, chronologisch gegliederte Exposition unter dem Titel „Gott-Mensch-Pharao" zugänglich. Konzipiert hat sie Wilfried Seipel, ins rechte Licht und einmal auch in eine simulierte Grabkammer gestellt hat sie das Atelier Kräftner. Das Ergebnis: Der Besucher kann sich ganz auf die Objekte konzentrieren und die Entwicklung der Kunst verfolgen.

Die meisten Stücke stammen aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum, dem Louvre in Paris, dem British Museum in London, dem Museo Egizio in Turin, den Staatlichen Sammlungen Preußischer Kulturbesitz in Berlin, dem Rö-mer-Pelizaeus Museum in Hildesheim und dem Metropolitan Museum in New York. Geschaffen wurden sie in vier Jahrtausenden, nämlich von der Vor- und Frühzeit an bis zur Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich (30 v. Chr.). Dazwischen bestand das Alte Reich (2650 bis 2255 v. Chr.) mit den Königen der Dritten, Vierten, Fünften und Sechsten Dynastie (darunter die Pyramidenbauer Cheops, Chephren und Mykerinos), die Erste und Zweite Zwischenzeit (2155 bis 1551 v. Chr.) mit Mentuhotep III., Sesostris II. und III. sowie Amenemhet III., das Neue Reich (1552 bis 1070 v. Chr.) mit den Pharaonen der 18. und 19. Dynastie wie der Königin Hatschepsut und den Königen Amenophis rV.-Echnaton, Tut-enchamun, Sethos I. und Ramses IL, sowie die Dritte Zwischen und die Ptolomäer-zeit.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden Königsbüsten. Doch auch Götterstatuen und die Darstellung von Ehepaaren nehmen einen großen Raum ein. Das Material der Skulpturen ist seit ältester Ära Ton, Elfenbein, Horn, Holz, Stein, Kupfer, Bronze, Gold und Silber. Seit der Ersten Dynastie gibt es königliche Sitzfiguren und private Standbilder. Während der Dritten Dynastie gesellt sich die sogenannte Schreiberfigur hinzu.

Sie präsentiert den Dargestellten in seiner Eigenschaft als hohen Beamten entweder bei seiner Tätigkeit als Schreiber oder als Lesenden oder Zuhörenden. Ab dem Mittleren Reich findet man die königliche Beterfigur und ab der Vierten Dynastie die Dienergestalten, die als Grabbeigaben fungiert haben und Tätigkeiten des täglichen Lebens veranschaulichen. Im Alten Reich sind sie primär aus Kalkstein, ab dem Mittleren Reich aus Holz. Ab dem Mittleren Reich nachweisbar sind die mumienförmi-gen Uschebti-Figuren - dazu bestimmt, im Jenseits die Arbeit für den Verstorbenen zu verrichten. Die Sphinxform - eines der eindrucksvollsten Exponate der Ausstellung ist Sesostris III. als Sphinx und kommt aus dem Metropolitan Museum - soll die Potenz des Gottkönigs ausdrük-ken, der in die Gestalt des Löwen schlüpft.

Von den vielen großartigen Objekten sei noch hervorgehoben eine als Ersatzkopf bezeichnete Plastik aus der guten, aber nicht systematisch angelegten Sammlung ägyptischer Altertümer des Kunsthistorischen Museums. Sie wurde in der Totenstadt von Giza bei einer Grabung der Akademie der Wissenschaften in den zwanziger Jahren freigelegt. Ein anderes, besonders schönes Stück ist der grüne Sphinxkopf aus Brooklyn: eine junge Frau mit lächelndem Gesicht.

Es gefiel schon dem römischen Kaiser Hadrian so sehr, daß er die in die Zwölfte Dynastie datierte Plastik in der Villa Adriana in Tivoli aufbewahrte. Später kam sie in die Villa Albani nach Rom. Jetzt gehört sie dem New Yorker Brooklyn Museum.

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