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Ehen als Knotenpunkte der Geschichte

„Die Ehe der Herrscher ist ihre persönliche Angelegenheit, aber wir sehen, daß sie oft der Knotenpunkt der Geschichte werden kann", resümierte der Humanist Erasmus von Rotterdam.

Die von dem Habsburger-Kaiser Maximilian I. und den Katholischen Königen Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon beschlossene und 1496 vollzogene Doppelhochzeit ihrer Kinder, Philipp des Schönen mit der spanischen Erbtochter Johanna der Wahnsinnigen/Juana la Loca und von Margarete mit Johann/Juan, läutete mehr als eine 200 Jahre dauernde gemeinsame Geschichte zweier Länder ein. Sie war auch der Anfang der Verschmelzung zweier völlig unterschiedlicher Formen von Kunstauffassung unter der Herrschaft des Hauses Habsburg. Zwei Großausstellungen - eine in Toledo und eine in Innsbruck - widmen sich diesem Thema.

Die von 135.000 Personen besuchte Schau unter dem Titel „Reyes y Mece-nas" in Toledo ist eben zu Ende gegangen, die auf Schloß Ambras bei Innsbruck wurde dieser Tage eröffnet und heißt „Hispania -Austria". Wie die spanische Exposition wird sie drei Monate lang - nämlich bis zum 20. September -zu sehen sein. Man erwartet 150.000 Besucher.

Die Leihgaben, 235 an der Zahl, kommen primär aus dem Kunsthistorischen Museum (Kunstkammer, Waffen- und Rüstkammer, Gemäldegalerie), der Graphischen Sammlung Albertina, der Österreichischen Nationalbibliothek, dem Madrider Pra-do, dem Museo Archeologico, der Biblioteca Nacional, bedeutenden Privatsammlungen sowie aus über ganz Spanien verstreuten Kirchen und Klöstern.

Gegliedert ist die Schau in drei Stockwerken in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt ist den Kunstwerken gewidmet, die sowohl die Katholischen Könige als auch der Klerus und der Adel in der Zeit der Entdeckung Amerikas in Auftrag gegeben haben. Sie spiegeln das Kunstverständnis der spanischen Sammler und Mäzene. Tafelbilder und Skulpturen, Tapisserien und liturgische Geräte, Möbel und Keramiken weisen im Norden der iberischen Halbinsel flandrischen und deutschen Einfluß auf, im Süden maurischen. Bei den Glasgefäßen handelt es sich entweder um Importe aus Murano oder um in eigenen Werkstätten hergestellte, aber venezianisch inspirierte Erzeugnisse. Bevorzugtes Thema in der Malerei und bei den Skulpturen sind Darstellungen des leidenden Christus (wie jene des „Ecce Homo" auf dem der Gegeißelte hinter einer Brüstung unter einem gotischen Bogen steht) und des büßenden Hieronimus (großartig ein Bildteppich, der als Beispiel für die Kunst am Hof von Margarete von Österreich dient).

Im zweiten Stock des von Maximilians Urenkel zum Renaissanceschloß umgebauten Hochschlosses von Ambras, das jetzt als Außenstelle des Kunsthistorischen Museums fungiert, wird das Leben und die Sammlertätigkeit Maximilians vor Augen geführt. Deutsch und englisch kommentiert, begegnet man einem Herrscher, der Zeit seines Lebens kaum aus dem Sattel gekommen ist, Innsbruck, die Jagd, Waffen und Harnische liebte und die Kunst als gezieltes Instrument seiner persönlichen Inszenierung einsetzte, indem er das junge Medium der Druckgraphik und Künstler wie Albrecht Dürer, Hans Burgk-mair und Jörg Kölderer dafür benützte. Ein hervorragendes Zeugnis ist dasausl92B lättern bestehende Holzschnittwerk „Ehrenpforte", mit dem Maximilian seiner Dynastie ein Denkmal gesetzt hat. Enthält doch dieser Miniaturenzyklus, von dem einige Blätter ausgestellt sind, Darstellungen seines Stammbaumes, der Heiligen des Hauses Habsburg und der eigenen Taten bis hin zu den burgundischen und spanischen Heiraten.

Gemäß dem wissenschaftlichen Konzept des Kunsthistorikers Artur Rosenauer und des Historikers Alfred Kohler wird in der klugen Ausstellungsarchitektur von Elsa Prochazka überdies deutlich, daß Maximilian auch das Porträt zu propagandistischen Zwecken eingesetzt hat. So gibt es von dem Herrscher, der nie gekrönt worden ist, sondern sich selbst zum Kaiser hat ausrufen lassen, so viele Bildnisse wie von keinem Potentaten in vorphotographischer Zeit.

Nach einer kurzen medialen Aufbereitung der habsburgisch-spani-schen Doppelhochzeit wird im dritten Stock anhand von Dokumenten und Kunstwerken versucht, die Auswirkungen dieser Bindung zu präsentieren. Künstlerisch von hohem Rang sind zumal die ausgewählten Stücke aus der Sammlung von Margarete von Österreich, der Schwester Philipp des Schönen, die nach dem Tod Juans und ihres zweiten Gemahls, Philip von Savoyen, Statthalterin der Niederlande gewesen ist. Den Grundstock ihrer Sammlung bildeten der Nachlaß ihrer Mutter, Maria von Burgund, und Werke aus dem Besitz ihrer Schwiegereltern, der Katholischen Könige.

Neben Tapisserien und Objekten des Kunstgewerbes besaß sie eine große Sammlung altniederländischer Gemälde, darunter auch Jan an Eycks „Hochzeit des Arnolfini", ein Geschenk des Don Diego de Gueavara.IhrHof in Mecheln, wo auch der spätere Karl V. erzogen wurde, war ein Zentrum des kulturellen Lebens in Flandern. Auf seiner Reise in die Niederlande versäumte es auch Albrecht Dürer nicht, die Sammlung Margaretes zu besichtigen.

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