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Prinz und Prinzessin

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Die Verlobung des zum künftigen König Spaniens ausersehenen Prinzen Don Juan mit der griechischen Königstochter Sophie verdiente vom soziologischen und biologischen Standort aus ein tieferes Interesse, als derlei höfische Ereignisse sonst in den breiten Leserschichten der Illustrierten wecken.

Eine Anzahl von Phänomenen werden durch diese fürstliche Verbindung in Erinnerung gerufen, deren sich nicht nur der Durchschnittszeitgenosse, sondern auch die meisten Politiker, Historiker und Gesellschafts- kundler wenig oder gar nicht bewußt sind. Am ehesten weiß man noch von einer Erscheinung, die als nationale Mimikry bezeichnet sein sollte. Die hellenische Prinzessin empfindet sich zweifellos als Griechin, die sie vermöge ihrer Erziehung ist. Bei näherem Zusehen werden wir aber feststellen, daß in ihren Adern nur höchst dünn und von weit her ein

Tropfen dės Bluföä byzantinische Herrscher und Aristokraten fließt. Ihre unmittelbaren Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits waren den mannigfachsten Nationen Europas zuzuzählen. So galten von ihren acht Urgroßeltern drei — die Kaiser Friedrich III. und Wilhelm III, dessen Gattin Auguste Viktoria, geborene Herzogin von Schleswig-Holstein-Son- derburg-Augustenburg — als Deutsche, je eine(r) als Grieche — König Georg I. —, als Russin — Großfürstin Olga, dessen Gemahlin —, als Engländerin — Kaiserin Viktoria, Tochter der gleichnamigen Queen —, als Engländer — der Herzog von Cumberland — und als Dänin — dessen Gattin Thyra. Alle diese erlauchten Persönlichkeiten entstammten jedoch vier deutschen Dynastien: vier den Oldenburgern, zwei den Hohenzollern, je eine Wettinern und den vor fast einem Jahrtausend aus Italien nach Niedersachsen gekommenen Welfen. Verfolgen wir die Ahnentafel Sophies weiter zurück, dann zeigt sich dabei eine eindrucksame Reinheit germanischer Abkunft, bei erdrückendem Überwiegen des deutschen Elements. Unter den 64 Vorfahren der sechsten Generation sind 57 deutsch und sieben dänisch. Der Bräutigam, dessen physischer Typus keineswegs einen Spanier vermuten ließe und der an sich die biologische Durchschlagskraft der wunderschönen Ahnin der Battenberger erweist — denen seine väterliche Großmutter Königin Ena entstammte —, hat eine national klar in zwei Hälften gespaltene Aszendenz: dreißig Angehörige des französischen Königshauses der Kapetinger, und zwar aus deren spanischen, italienischen (Neapel, Sizilien, Parma) und orlėanschen Abzweigungen; dreiunddreißig Deutsche, wozu eine in ihrer Abkunft schwer einzuordnende Ungarin (Madjarin oder Volksdeutsche?) tritt.

Wenn nun Don Juan auch auf seiner Ahnentafel mehr romanische Vorfahren besitzt als sonst die meist dem Blute nach überwiegend von deutschen Herrschergeschlechtern stammenden, europäischen Fürstlichkeiten — wir denken dabei an die offiziell verbürgte Herkunft —, so bestätigt sein Äußeres den Biologen, wie wenig man auf ihrem Gebiet mit bloßer Statistik der Aszendenz arbeiten darf.

Öler Mietet sich nun der erst im Keim entwickelten Lehre von den biologisch starken Ahnen ein prächtiges Forschungsfeld. Man kann an den letzten Generationen der spanischen Bourbonen, übrigens auch an denen der Habsburger, deutlich beobachten, wie die Heirat mit einer Dame, die nicht dem engen Kreis einer durch Inzucht abgehegten Familiengruppe angehört, den seelischen und den leiblichen Typus eines Herrscherhauses verändert. Die ursprünglich dem Rassenbild nach sehr nordischen und ihrer nationalen Herkunft gemäß sehr überwiegend deutschen Habsburger, deren Familientypus an König Rudolf I. so eindrucksam hervorsticht, werden durch Allianzen mit Gattinnen aus halbfranzösischem (Pfirt), italienischem (Visconti), polnisch-litauischrussischem (Masovien), portugiesischem, burgundischem, spanischem, litauisch-polnisch-französischem Blut so sehr umgewandelt, daß Physis und Psychik sich grundlegend von der ihrer deutschen Mitfürsten unterscheiden. Mit der bayrischen Heirat Erzherzog Karls und seines Sohnes Kaiser Ferdinand II. beginnt ein Prozeß der Rückeindeutschung, der unter Ferdinand III. aufgehalten, seit Leopold I. sich geradezu heftig fortsetzt und, nach dessen Vermählung mit einer Pfalzgräfin und nach der seines Sohnes Karl VI. mit einer Braunschweigerin, in Maria Theresia gipfelt.

Die spanischen Bourbonen

Ähnlich war es mit den spanischen Bourbonen beschaffen. Bis Alphons XII. hatten sie jenen Typus, den man, als Folge stärkster Inzucht mit seelisch kranken, körperlich benachteiligten Verwandten, an Goyas berühmtem Bild Karls IV. und dessen Familie betrachten mag. Die Ehe Alphons XII. mit der österreichischen Erzherzogin Maria Christine (Tochter der reizenden Helene von Nassau-Weilburg und des Siegers von Aspern, Erzherzog Karl), erneuert wieder den Habsburgertyp, den Alphons XIII. überzeugend darstellt. Dessen Heirat mit Ena von Battenberg aber bringt einen genealogisch-biologischen Schock hervor. In betrüblicher, doch nur auf eine Generation beschränkter Hinsicht durch die nur über Frauen vererbbare Bluterkrankheit, der ein Sohn des Königs zum Opfer wird; in erfreulicher Weise durch physische Erkräfti- gung und durch körperliche Schönheit, die in Don Juan ihre Vollendung findet. Er ist von der Art seines Urgroßvaters Henry von Battenberg, seiner nahen Verwandten, des Earl Mountbatten und des Gemahls der Königin Elisabeth II. von Großbritannien, Herzogs von Edinburgh.

Sie alle aus dem Geschlecht der Battenberg schulden nun ihre geistigen und leiblichen Vorzüge Julia Gräfin Hauke, der morganatischen Gattin des Prinzen Alexander von Hessen, ihrer Ahnfrau. Nun meldet sich der Soziologe. Diese Dame bescherte den Nachkommen nicht nur außergewöhnliche Begabung und äußere Vorzüge, sondern auch eine Vorfahrenschaft aus Bürgertum und Bauernschaft. Der Grafentitel der Hauke war jüngsten Datums, dem Vater Juliens, polnischem Kriegsminister von Rußlands Gnaden, verliehen. Seine Gattin, Juliens Mutter, kam aus einer französischen Emigrantenfamilie, La Fontaine, die angeblich adeligen Ursprungs war, in Deutschland aber mancherlei bürgerliche Gewerbe betrieb. Die Hauke, von fernher niederländischer Herkunft, waren mehrere Generationen lang in gelehrten Berufen tätig. Aus Hessen wanderten sie nach Polen. Eine Anzahl Vorfahren der Gräfin Julie Hauke war in Biberach beheimatet, wo Verwandtschaft mit dem Dichter Wieland zu vermuten ist. Eine Ahnin, Kornely, war Ungarin. Dieser Einbruch des nichtfürstlichen Elements in eine sonst hochadelige Ahnental ‘ bewirkt, daß der künftige Erbe des spanischen Throns von seinem Vater, dem Grafen von Barcelona her, Ahnen aufweist, die einst am spanischen Hof Entsetzen erregt hätten, doch durch Zufuhr frischen Bluts in jeder Hinsicht günstig sich auswirkten.

Bürgerblut im Adel

Auch Prinzessin Sophie hat bereits in nahen Ahnenreihen Vorfahren, die nicht den ebenbürtigen Sphären der regierenden oder vormals regierenden Herrscherhäuser angehörten. Ihr Urgroßvater, Georg I. von Griechenland, war Urenkel des Herzogs Franz Friedrich von Schleswig-Holstein-Glücks- burg-Beck und der Gräfin Friederike von Schlieben, Tochter eines preußischen Kriegsministers aus niederem Adel. Außerdem hatte Sophies von

Der Bräutigam: Prinz Don luan

Griechenland Urgroßmutter, die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria, eine Großmutter aus einer Bastardnebenlinie des königlich-dänischen Zweigs des Hauses Oldenburg und über sie Aszendenten aus dänischem Kleinadel (von Kaas) usw. und der bürgerlichen Moth. Wie man sieht, begegnet uns bei Don Juan wie bei seiner Braut jene überall festzustellępŪfį. „Demokratisierung ’ der bis Vor etwa hundert Jahren schlackenlos ebenbürtig-hochadeligen Ahnentafeln der Chefs und der Angehörigen europäischer Dynastien, die heute besonders bei Elisabeth II. (durch deren Mutter, die in nahen Generationen von französischen Bürgern stammt), beim schwedischen Königshaus (Berna- dotte!) und durch dieses bei den Herrscherfamilien von Dänemark und Norwegen sowie bei den Belgiern (über Murat und Beauharnais) zu beobachten ist. Königin Juliane der Niederlande ist zwar noch sehr blaublütig, doch ihre Tochter wird dereinst, durch den Vater. Prinz Bernhard, deutsche Bürger und Bauern zu Ahnen der holländischen Monarchin machen. Nur das Oberhaupt des Hauses Österreich hat noch 256 adelige Ahnen; indes stammt auch er in höheren Generationen von französischer Bourgeois und bei seiner Gattin Regina jst der bürgerliche Einschlag sehr nabe. Der Comte de Paris kann zwar auf 4096 adelige Ahnen sich berufen; seine Gattin aber stammt über die tschechische Uradelsfamilie der Dobrzensky von böhmischen Bürgern und Bauern…

…bleibt in der Verwandtschaft

Noch eine Frage beschäftigt, wie bei jeder Vermählung innerhalb der europäischen Fürstenfamilie, die Wissenschaftler: Wie weit oder wie nahe sind die beiden Verlobten miteinander verwandt? Auf den ersten Blick wird der Laie meinen, zwischen der orthodoxen griechischen Prinzessin aus einst evangelischem Geschlecht und dem erzkatholischen Spanier könne es keine sofort erkennbare Blutsgemeinschaft geben. Allein, wir werden schnell eines Besseren belehrt. Don Juan stammt im vierten Grade von der britischen Königin Viktoria und deren Gemahl, dem Prince Consort Albert. Seine Großmutter Ena war durch ihre Mutter, Prinzessin Beatrix, Gattin Henry von Battenbergs, Enkelin der Queen. Von dieser stammt Prinzessin Sophie gleich zweimal. Ihre väterliche Großmutter Sophie, Gattin König Konstantins von Griechenland, war als Tochter Kaiser Friedrichs III. und der Prinzessin Viktoria von England Enkelin der vorerwähnten Königin Viktoria. Die Mutter Sophiens, Friederike, Gemahlin König Pauls L, entstammte der Ehe Ernst Augusts von Braunschweig und Viktoria Luisens von Preußen, einer Tochter Wilhelms 1I„ somit Enkelin der vorerwähnten Viktoria von England und Urenkelin der Queen. Es ist aber, und das sollte bei einer eugenetischen Ehepolitik als wertvoll vermerkt werden, trotz dieser einen verhältnismäßig nahen Verwandtschaft Don Juans und Sophies, nicht mit einem die Nachkommenschaft ihrer Ehe schädlich beeinflussenden, frühen und beträchtlichen Ahnenverlust, nämlich der allzu häufigen Wiederkehr derselben Ahnen unter der Aszendenz der ersten sechs bis zehn Generationen, zu rechnen. Die direkte Stammreihe der spanischen Bourbonen erfährt eine neuerliche kräftige Auffrischung.

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