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Ein Schreckgespenst hat ausgedient

Das vor 300 Jahren begründete Königreich Preußen ist vom Sinnbild für Feudalismus und Faschismus zu einem normalen Stück deutscher Geschichte geworden.

Zu Tausenden streifen sie durch die weitläufigen Parkanlagen, deren Wegverläufe kleine Funsellichter am Rand markieren, sie sitzen auf dem noch sonnenwarmen Kopfsteinpflaster vor dem Neuen Palais und lauschen Schuberts Unvollendeter, während kostümierte Rokokodamen Bonbons an die Kleinen verteilen - Schlössernacht in Potsdam.

Typisch preußisch? Samstags hängen die Rauchschwaden über dem Tiergarten, wenn die Türken der Stadt mit ihren Familien in den Park kommen und gegenüber vom Amtssitz des Bundespräsidenten weitläufige Picknicks veranstalten: In Berlin, der Stadt von Love Parade, Christopher Street Day der Homosexuellen, der Hauptstadt der Graffitis und Haushaltsschulden, Ort der Unruhen an jedem 1. Mai in Kreuzberg.

Typisch preußisch? Jahrelang und auch heute noch verstellt der 21. März 1933 den Fernblick in die Vergangenheit. Als damals Hitler an jenem unseligen "Tag von Potsdam" das Preußentum für seine grausame Ideologie vereinnahmte, wurde es zum Tabuthema für spätere Zeiten. Die DDR verdrängte alles, was mit diesem Wort zu tun hatte als Ausdruck von Faschismus und Feudalismus, und auch im Westen tat man sich mit dem Begriff schwer, galt er doch als Synonym für Militarismus und Kadavergehorsam, einer ungesunden Gesellschaftshaltung, aus der sich leicht Diktaturen, wie gehabt, entwickeln konnten. Dementsprechend vorsichtig gingen die Veranstalter des heurigen Preußenjahres in den deutschen Bundesländern Berlin und Brandenburg, den Kerngebieten Preußens ans Werk.

Seit 300 Jahren gibt es den Begriff, und nirgends mehr auf der Welt sei er ein Schreckgespenst, stellte zu Beginn des Jahres der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen fest. "Es scheint nicht geeignet, empfindliche Gemüter in den Zustand emotionaler Erregung zu versetzen." Immerhin handle es sich mit Preußen um ein Stück deutsche und europäische Geschichte. Auch sein Amtskollege aus Brandenburg, Ministerpräsident Manfred Stolpe, meinte, man könne den Begriff wieder unvoreingenommen verwenden und freute sich über eine "gewachsene Unbefangenheit Polens mit der gemeinsamen Geschichte".

Beide Politiker, so wie es auch in den mehreren 100 Projekten und Ausstellungen und unzähligen Veranstaltungen zum 300-Jahr-Jubiläum geschieht, versuchen als Ausgleich zum jahrzehntelangen verächtlichen Grundton im Wort "Preußen" vor allem die positiven Seiten seines Staatswesens hervorzukehren: Sparsamkeit, Disziplin, Bescheidenheit, Dienst am Staat, Pünktlichkeit, Schnörkellosigkeit, Korrektheit, Pflichtbewusstsein, Ordnung, Knappheit im Ausdruck, Toleranz. Letzteres führte auch zu einer großen Integrationsleistung in der Kultur und den Nationalitäten. Themen von "Preußens Frauenzimmer" bis zu den "Preußischen Kriminalfällen" werden in den Ausstellungen behandelt. Das Land Brandenburg nützt die Kulturwelle dieses Jahres gleich zur Sanierung vieler noch vergammelter Gebäude. So zieht etwa die zweite große Preußen-Ausstellung in den frisch renovierten Kutschstall des ehemaligen Schlosses in Potsdam ein, ein neues Altstadtzentrum entsteht.

Die Geburtsstunde des Staates Preußens schlug in einer Katastrophensituation: Nach dem 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert waren ganze Landstriche verwüstet, die Einwohnerzahl dramatisch dezimiert. Die Vorarbeit für den Aufstieg Preußens leistete dabei der sogenannte "große Kurfürst" Friedrich Wilhelm, gleichsam die Nullnummer des Königtums, denn er bereitete für dieses den Boden, ohne seiner Würde selbst teilhaftig zu werden. Er reorganisierte das Finanzwesen, schuf ein stehendes Heer.

Um das Land wiederaufzubauen, holte er holländische Kolonisten, knapp vier Jahrzehnte später nimmt er ein Zehntel der aus dem nachrevolutionären Frankreich geflohenen Hugenotten, insgesamt 20.000, auf und gewährt ihnen Glaubensfreiheit. In Potsdam existiert heute noch ein holländisches Viertel aus mehreren Häuserblöcken spitzgiebeliger Ziegelhäuser, die Kunde geben von der nächsten Welle von Neueinwanderern ein Jahrhundert später, denen der Herrscher etliche Vergünstigungen gewährte, damit sie sich in der unwirtlichen Sumpf- und Sandlandschaft des Brandenburgischen ansiedelten, eine Greencard-Lösung des 17. Jahrhunderts gleichsam. In Berlin erinnern noch der französische Dom oder die "Straße der Pariser Kommune" sowie viele Familiennamen an die Zugereisten aus Frankreich, am Bekanntesten wohl noch der Name de Maizière, des letzten DDR-Ministerpräsidenten. "Fiesematenken" und "Kinkerlitzchen" sind eingedeutschte französische Begriffe.

Nur Könige gelten

Friedrich Wilhelms Sohn Friedrich war es vorbehalten, das Königtum einzuführen. Immerhin hatten sich schon mehrere Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ihren Stand verbessern können: Über Besitzungen außerhalb des Reiches schafften sie es zur Würde von Königen. Der Kurfürst von Sachsen wurde sogar katholisch, um König von Polen zu werden. Nur der Kurfürst von Brandenburg, dem das Amt des Reichserzkämmerers zukam, mit seinem zwischen Memel, Niederrhein und Neuchatel verstreuten Besitz, blieb ausschließlich dem Kaiser untergeordnet. Das missfiel den Hohenzollern, weil sie sich den anderen Kurfürsten gegenüber benachteiligt empfanden. Tatsächlich: Könige galten in aller Welt etwas, ein simpler Kurfürst nicht allzu viel.

In einer großen Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg wurde in der ersten Hälfte dieses Jahres dieses Preußen von 1701 gezeigt: Erst als Friedrich mit dem Kaiser Einvernehmen über die Selbstkrönung eingeholt hatte, schritt er zur Tat. Um nicht Verdruss mit dem Polenkönig zu bekommen, weil Westpreußen zu Polen gehörte, nannte sich Friedrich ab 1701 Friedrich I., "König in Preußen", nicht: "König von Preußen". Inszeniert wurde die Selbstkrönung mangels anderer Ableitung als eine durch Gott legitimierte, mit großem Pomp des höfischen Barock in Szene gesetzt, im Schloss von Königsberg, das mitten im damaligen Preußen, heute Polen lag. Königsberg selbst - die Heimatstadt des Philosophen Immanuel Kant - ist heute als Kaliningrad eine armselige Exklave Russlands zwischen Polen und Litauen.

Friedrich treibt großen Aufwand. Der neue König ist stolz auf seinen Rang und zeigt es. Während seiner Regentschaft wird die Akademie der Künste gegründet, die Universität in Halle und Deutschlands älteste medizinische Bildungsanstalt, die Charité. Der erste künstliche Farbstoff, das Preußisch-Blau, wird entwickelt. Die Repräsentationskosten haben eine Finanzkrise ausgelöst, Friedrichs Sohn Friedrich Wilhelm I., kürzt die Ausgaben radikal. Unter ihm, dem "Soldatenkönig", wird Preußen durchmilitarisiert. Schwaben, Franken und 20.000 Salzburger Protestanten kommen ins Land. Südlich von Berlin wird mit der Seidenraupenzucht begonnen. Im alten Kirchhof des Bezirksteils Zehlendorf stehen heute noch drei Maulbeerbäume aus der Zeit der Hochblüte. Die Seide wurde in erster Linie für das Innenfutter der Uniformen verwendet. Damals war Preußen Selbstversorger in Sachen Seide.

Soldatenkönigs Sohn

Des Soldatenkönigs Sohn ist wiederum ganz anders: Friedrich II., der Große, auch "der alte Fritz" oder auf gut preußisch "F zwo" genannt, der Gegenspieler Maria Theresias, hatte sich schon vor seinem Regierungsantritt auf dem verträumten Schloss Rheinsberg dem Musischen hingegeben: Er spielte Flöte, komponierte, pflegte die Philosophie und korrespondierte mit Voltaire. Für den Pomp seines Großvaters hatte er nur Spott übrig. Zeichen seiner Toleranz ist der Bau der katholischen Kirche in Berlin, rundherum entstanden Oper und Bibliothek, aber auch in Potsdam wurde viel gebaut. Jeder Herrscher ließ dort Neues errichten, sodass sich heute ein Ring von Sommerresidenzen, Orangerien und Schlösschen sichelförmig um die Stadt vor den Toren Berlins legt.

Friedrich II stellt auch die Juden in Preußen unter seinen Schutz. Am kommenden Wochenende wird in Berlin das Jüdische Museum Berlin eröffnet, das 2000 Jahre Judentum in Deutschland wiederspiegelt. Die Geschichte der Juden ist auch Teil der Geschichte Preußens. Ihre Gemeinde, besonders in Berlin, wuchs stetig, und es war ein Jahrhunderte langer Kampf der Emanzipation. Zwar gelang ihnen immer wieder ein Stück Gleichberechtigung, doch ebenso oft mussten sie die Ablehnung der christlichen Mehrheit erfahren. So wurden sie etwa vom Staat gezwungen, bei Verheiratung Stücke der königlich-preußischen Porzellan-Manufaktur abzukaufen. Noch erhalten sind Affen mit hässlichen Fratzen, die der weit über seine Zeit hinaus bedeutsame Berliner Moses Mendelssohn erwerben musste.

Bis zum ersten Weltkrieg blieben den Juden die vollen Bürgerrechte, höhere Stellen in der öffentlichen Verwaltung und im Heer verwehrt. Gleichzeitig fühlten sich die Juden als Deutsche, ja als Preußen, kämpften patriotisch im ersten Weltkrieg, viele wurden mit hohen Orden ausgezeichnet. Die zwanziger Jahre waren eine Blütezeit jüdischen Lebens in Medien und Kunst in der Hauptstadt Berlin. Die Gleichstellung schien geschafft, doch die aufkommende NSDAP hetzte - und dann folgte die grausame Politik des NS-Staates. Auch wenn heute Berlin wieder die am Schnellsten wachsende jüdische Gemeinde der Welt aufweist, die Zeit von damals sei unwiderruflich vorbei, meint Hermann Simon, Mitherausgeber des Buches "Juden in Berlin".

In der Entwicklung Preußens kehren wir aber ins 18. Jahrhundert zurück. Die Friedrich dem Großen folgenden Herrscher versuchen, den Wohlstand zu mehren, den Staat in seinen Strukturen schlagkräftiger zu machen und europäisches Gewicht zu bekommen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt sich das Antlitz des preußischen Ideals zu verzerren, in der Person des Ministerpräsidenten Otto von Bismarcks wird aus dem Land aufgeklärter Toleranz der wilhelminische Obrigkeitsstaat. Aus der Verzerrung wird ein Zerrbild, eine Fratze, die im Nationalsozialismus endgültig pervertiert wird. 1947 erklären die Alliierten Preußen offiziell für untergegangen.

Wo ist die Peitsche?

Und was ist heute aus den Preußen geworden? Vor wenigen Wochen stellten sich die Nachfahren des preußischen Adels der Presse, draußen vor den Toren Potsdams, im von der öffentlichen Hand wieder entzückend renovierten Schloss von Caputh, einem Dorf am Templiner See, wo einst auch Albert Einstein wohnte. Reinhild Gräfin von Hardenberg wurde 1923 in Potsdam geboren, ihr Vater war im Widerstand, überlebte mit Hilfe der Kommunisten im KZ. Nach der Wende übernahm sie gemeinsam mit ihrem Bruder das Familienschloss Hardenberg, ließ es nach und nach renovieren und baute ein Hotel hinein. "Wir wussten, das geht nicht lange", sagt Gräfin Hardenberg. Die Sparkasse von Hannover wurde zum Retter: "Wir wurden von vielen angegriffen, weil man nicht verkaufen soll. Ich habe eine andere Ansicht: Man lässt es nicht verkommen, wer Besitzer ist, ist nicht so wichtig."

Beatrix Gräfin zu Lynar spricht in preußischer Manier von der "Pflicht der Tradition", warum ihr Mann mit der ganzen Familie 1992 aus Portugal auf den alten Familiensitz zurückgekehrt war. Nach Schloss Lübbenau im Spreewald, das der Bürgermeister zu DDR-Zeiten sprengen und als Rodelberg verwenden wollte. Nach der Wende betrieben die Lynars das Haus selbst als Hotel. Für die Investitionen wurden Grundstücke im Ort verkauft. Die Kinder seien "sehr traurig" gewesen, dass sie aus Portugal weggehen mussten, doch inzwischen sitzt der eine Sohn, der Landwirtschaft studiert hat, glücklich mit seiner Frau in einem kleinen Haus auf dem Land und betreibt ökologischen Landbau, der andere Sohn wird das Hotel übernehmen. Sie selbst ist in der Jugendarbeit der Lübbenauer Pfarre tätig und betreibt im Ort ein Geschäft mit portugiesischen Produkten, erzählt Gräfin Lynar.

Der Augenarzt Bernhard von Barsewisch war jahrelang Klinikchef in München, bevor er sich nach der Wende zweier Häuser aus dem Familienbesitz in Putlitz annahm. Schon vorher war er oft in der alten Heimat gewesen und hatte sich geärgert, "dass man mit der Faust in der Hosentasche zusehen musste, wie alles ruiniert wurde". Nach langem Überlegen entschied er sich für die Rückkehr. "Die waren dort alle indoktriniert", sagt Barsewisch. "Ein adeliger Name, und sie fragen sich: Wo ist die Reitpeitsche, mit der er mir eine über den Schädel zieht." Seit 1993 wird im früheren Gutshaus operiert. Die Augenklinik hat 40 Arbeitsplätze geschaffen. Er selbst wohnt in den alten Gesellschaftsräumen seiner Großeltern.

Das nahe Schloss Wolfshagen in der Prignitz, das auf mittelalterlichen Fundamenten steht, will von Barsewisch zum Museum machen: "Da soll man sehen, so sah ein märkisches Gutshaus aus: Hier hängt der Hirsch, hier hängen die Ahnen, hier steht die Truhe."

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