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"Hat eine Schlacht stattgefunden?"

1945 1960 1980 2000 2020

Viele Orte erinnern an die Kriegsereignisse des Jahres 1866 und die verlustreiche Schlacht bei Königgrätz. Am 3. Juli jährt sich die Schlacht, die das Gesicht eines ganzen Jahrhunderts entscheidend verändert hat, zum 150. Mal. Geschichte einer Niederlage.

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Viele Orte erinnern an die Kriegsereignisse des Jahres 1866 und die verlustreiche Schlacht bei Königgrätz. Am 3. Juli jährt sich die Schlacht, die das Gesicht eines ganzen Jahrhunderts entscheidend verändert hat, zum 150. Mal. Geschichte einer Niederlage.

Kein anderes Epochenereignis hat so viele Schlagworte in die Welt gesetzt wie die sprichwörtliche Niederlage der österreichischen Armee bei Königgrätz am 3. Juli 1866 -in einem Krieg, für den es keinen einheitlichen Namen gibt. Vom Deutschen Krieg schrieb Theodor Fontane, oft wurde Bruderkrieg zugefügt. Deutsch-Deutscher Krieg, Preußisch-Österreichischer Krieg erfassen den paradoxen Konflikt nicht vollständig, da mit der deutschen zugleich die italienische Frage entschieden wurde.

"Casca il mondo!" - mit diesem Schreckensruf reagierte angeblich Kardinalstaatssekretär Antonelli auf das Ende der durch den Wiener Kongress geschaffenen europäischen Ordnung; der Kirchenstaat hatte nur noch vier Jahre Gnadenfrist. "Finis Austriae!" klagte Graf Anton Auersperg, als Freiheitsdichter Anastasius Grün, in Verzweiflung darüber, dass die Wiener nach dem Eintreffen der Schreckensnachricht im Prater ein Maskensommerfest feierten.

Die Signatur dieser Epoche hatte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck am 30. September 1862 in der Budgetkammer des Abgeordnetenhauses ausgesprochen: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut." Dieses Programm des "reaktionären Junkers" war schon in den Befreiungskriegen von Arndt und Schenkendorf formuliert worden. Nach der Schlacht von Solferino 1859 vermochte sich die Habsburgermonarchie nicht zu konsolidieren; Gründerzeit und Ringstraßengroßbaustelle konnten über ihre Schwächen nicht hinwegtäuschen.

Die unanehmbare Karte Demokratie

So verpuffte Franz Josefs Fürstentag 1863 in Frankfurt zu einer Bundesreform - mit dem demonstrativen Zeigen der schwarzrot-goldenen Farben - ins Leere; Bismarck hielt König Wilhelm fern. Die Frage von "Schleswig-Holstein, meerumschlungen", die schon 1848/50 zu militärischen Verwicklungen geführt hatte, wurde 1864 akut - Preußen trieb Österreich vor sich her. Die Stellung der norddeutschen Herzogtümer, seit dem Spätmittelalter "up ewig ungedeelt" mit dem Königreich Dänemark vereinigt, wurde von einer dynastischen Erbfolgefrage zu einem Sprach- und Nationalproblem. Im Deutsch-Dänischen Krieg sprachen die Waffen. In ihrem unbekanntesten Krieg siegte die k. u. k. Armee zu Land, Tegetthoff behauptete sich bei Helgoland, Preußen erstürmten die Düppeler Schanzen. Mit der Gasteiner Konvention fädelte Bismarck im August 1865 eine Scheinlösung ein: Die Verwaltung Holsteins sollte bei Österreich, die Schleswigs bei Preußen liegen.

Österreichs Außenpolitik dieser Krisenjahre lag in den Händen der unfähigen Grafen Rechberg-Rothenlöwen und Mensdorff-Pouilly. In einer machiavellistischen Parallelaktion schloss Bismarck am 8. April 1866 ein Geheimbündnis mit Italien. Im Bundestag beantragte Preußen am 9. April ein Parlament aus allgemeinen Wahlen; Bismarck spielte die für Österreich unannehmbare Karte der Demokratie aus. Im Juni begann der Krieg: Preußen rückte in Holstein ein, der Deutsche Bund löste sich auf. Preußen war mit den norddeutschen Kleinstaaten verbündet, Nebenkriegsschauplätze wurden die Partnerstaaten Österreichs, Hessen, Hannover, Bayern.

"Getrennt marschieren, vereint schlagen"

Ungehindert marschierten die preußischen Armeen über das mit Österreich verbundene Sachsen nach Böhmen. Der Generalstab Helmuth von Moltkes leitete die Logistik des Aufmarsches mit Hilfe von Eisenbahn und Telegraph. Unter der von Scharnhorst vorgeprägten Devise "getrennt marschieren, vereint schlagen" machte er in einer Reihe von Gefechten den österreichischen Vorteil der inneren Linie zunichte.

Von "affenähnlicher Beweglichkeit" der Preußen schrieb Die Presse am 18. Juni 1866. Feldzeugmeister Ludwig von Benedek, zwar als Truppenführer bewährt unter Radetzky und bei Solferino, hatte keinerlei strategische Erfahrung und wehrte sich erfolglos gegen die Übernahme des Kommandos der Nordarmee. Für seine im Festungsraum von Königgrätz konzentrierte Armee wurde ihm bange - am 30. Juni telegrafierte Benedek nach Wien: "Bitte E. M. dringend, um jeden Preis den Frieden zu schließen. Katastrophe der Armee unvermeidlich." Der Antwort des Kaisers: "Ich befehle -wenn unausweichlich -den Rückzug anzutreten" fügte der unfähige und arrogante Generaladjutant Folliot de Crenneville die Frage an: "Hat eine Schlacht stattgefunden?"

Sie fand statt, mit 450.000 Mann, größer als die Völkerschlacht von Leipzig 1813. Das rechtzeitige Eintreffen der Kronprinzenarmee, geführt vom späteren König Friedrich III. von Preußen, deutscher Kaiser von hundert Tagen 1888, entschied den Sieg durch die Besetzung der Anhöhe von Chlum. Mit dreifacher Feuergeschwindigkeit war das preußische Zündnadelgewehr System Dreyse dem österreichischen Lorenzvorderlader überlegen. Professor Oscar Peschel fügte Preußens Stolz noch den "Sieg des preußischen Schulmeisters" hinzu (Ausland, 17. Juli 1866). Ungehindert stießen die preußischen Heeressäulen zur Donau vor; bei Blumenau vor Pressburg fielen die letzten Schüsse. Zum Schutz von Wien wurden hastig die Alten Schanzen an der Flanke des Bisambergs aufgeworfen. Am 4. August wurde im Schloss von Nikolsburg der Waffenstillstand vereinbart; in einer schweren Nervenkrise hatte Bismarck gegen König Wilhelm eine weitere Demütigung des besiegten Gegners verhindert. Zudem begann sich die Cholera bedrohlich auszubreiten.

Am 23. August wurde zu Prag Friede geschlossen: Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt wurden mit Preußen vereinigt; Sachsen geschont. Der Kanzler des Norddeutschen Bundes hieß Graf Bismarck. Noch auf dem Schlachtfeld konzipierte der Militärkapellmeister Gottfried Piefke den Königgrätzer Marsch; an die preußische Parade bei Gänserndorf Ende Juli erinnert seit 2009 ein Denkmal.

An der Wiener Hofburg entdeckte die Polizei einen Anschlag: "Freiwillige ohne Knöpf', Minister ohne Köpf', Ein Kaiser ohne Hirn, Da müssen wir verliern." Sächsische Soldaten starben in Wiener Lazaretten und wurden auf dem St. Marxer Friedhof begraben, ihr Denkmal in den Zentralfriedhof übertragen.

Die Berliner Siegessäule von 1873 mit ihren vergoldeten Kanonenrohren fasste die Ergebnisse der preußisch-deutschen "Einigungskriege" 1864/1866/1870 triumphal zusammen: Düppel, Königgrätz, Sedan. Auf dem Schlachtfeld von Königgrätz mahnen zerstreute Grabdenkmäler an die Gefallenen. Nur eine Säule ist monumental mit einer Austria gestaltet: Sie erinnert an die "Batterie der Toten" vom 8. Artillerie-Regiment, die mit Aufopferung der beiden Kommandanten und 52 Mann den Rückzug der flüchtenden Infanterie deckte.

Glorreich und sinnlos

Franz Josef war traumatisiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dessen Gesicht Königgrätz entscheidend verändert hatte, gab er Gemälde zur "Batterie der Toten" in Auftrag: Václav Sochors 5 x 8 m messendes Monumentalbild - "Heldentum" geht in Chaos, Panik und Entsetzen unter, geradezu ein Appell wie Bertha von Suttners "Die Waffen nieder!" Zum zweiten das elegische "Ruhmesblatt der österreichischen Artillerie" im Regennebel von Chlum, von Rudolf Otto von Ottenfeld.

Auf dem italienischen Kriegsschauplatz siegte Erzherzog Albrecht, Sohn des Siegers von Aspern, bei Custoza (24. Juni). So verschaffte man dem Mann, den Kaiserin Elisabeth als Inkarnation des Militarismus verhöhnte und der durch seinen Schießbefehl die Märzrevolution 1848 verschuldet hatte, Reiterdenkmal-Ehre auf der Albertina-Rampe - bei Custoza hatte ja schon Radetzky gesiegt. Der erstaunliche "glorreiche" Sieg Tegetthoffs bei Lissa (20. Juli) blieb ebenso sinnlos. Romakos Gemälde des Rammstoßes gegen den "Rè d'Italia" gerieten zur Karikatur des Heroismus. Am Wiener Praterstern, in der Geburtsstadt Marburg/Maribor und im Kriegshafen Pola/Pula wurden Denkmäler des Admirals errichtet. Die Abtretung Venetiens an Italien war schon vorher mit Napoleon III. vereinbart worden!

Für die Innenpolitik der Donaumonarchie hatte Königgrätz einschneidende Konsequenzen: 1867 konstituierte sich die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, auch in Cisleithanien begann liberales Verfassungsleben. In perverser Logik von Geheimdiplomatie, Blut und Eisen forderten Frankreich und einflussreiche konservative Kreise in Österreich jedoch nach 1866 "Revanche pour Sadowa", wie Franzosen und Engländer den Schlachtort nennen. Nach dem Krieg war vor dem Krieg

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