Blutige Reaktion - In der sogenannten "Praterschlacht" im August 1848 schlug die Nationalgarde eine Arbeiterdemonstration brutal nieder. Die Ursache der Proteste waren Lohnkürzungen im Bereich der bei öffentlichen Bauvorhaben eingesetzten Arbeiter gewesen. - © picturedesk.com / Richard Weixlgärtner / ÖNB-Bildarchiv
Feuilleton

"Ich hoffe, wir werden uns beide in einem Convent noch neben einander finden"

1945 1960 1980 2000 2020

Karl Marx und ein vergessener Wortführer der Wiener Revolution von 1848, geboren vor 200 Jahren: Andreas Freiherr von Stifft der Jüngere, Mitglied radikaler Vereine und Schöpfer des Begriffes "soziale Demokratie".

1945 1960 1980 2000 2020

Karl Marx und ein vergessener Wortführer der Wiener Revolution von 1848, geboren vor 200 Jahren: Andreas Freiherr von Stifft der Jüngere, Mitglied radikaler Vereine und Schöpfer des Begriffes "soziale Demokratie".

In seinem Brief an "Herrn Dr. Stifft in Wien", datiert Harburg 6. Mai 1849, hoffte Karl Marx auf eine neue Revolutionswelle in Europa -und einen Konvent in Deutschland wie in der Großen Französischen Revolution: "Ich hoffe, wir werden uns beide in einem Convent noch neben einander finden." Am 3. Mai hatte sich Dresden erhoben; der Aufstand, berühmt durch Teilnehmer wie Gottfried Semper, Richard Wagner und Michail A. Bakunin, wurde am 9. Mai von preußischen Truppen bezwungen. Dasselbe Schicksal widerfuhr der Reichsverfassungskampagne, die noch einmal die demokratischen und republikanischen Kräfte in der Rheinpfalz und in Baden zum Kampf rief -hier siegte der Preußenprinz Wilhelm, 1871 Deutscher Kaiser. Am 18. Juni wurde das nach Stuttgart übersiedelte Rumpfparlament der Frankfurter Paulskirche gewaltsam aufgelöst.
Noch hielt Ungarn stand: Am 14. April 1849 hatte der Reichstag von Debrecen die Dynastie Habsburg-Lothringen der Stephanskrone für verlustig erklärt. Ofen/Buda wurde im Mai von der Honvéd-Armee eingenommen. Doch siegte die Gegenrevolution mit russischer Waffenhilfe mit der Kapitulation von Világos am 13. August. Die revolutionär erneuerte Markusrepublik Venedig musste sich, ausgehungert und bombardiert, am 24. August Radetzky ergeben. Am 27. August schiffte sich Marx nach Dover ein, London sollte fortan sein Exilort werden.

Intensive Beziehungen zu Wien
Der Brief an Stifft empfahl den "Hauptagitator" des Bundes der Kommunisten Johann Karl Bruhn (1803-1877) aus Holstein, Deckname Balduin. Jener war seit dem Vormärz Berufsrevolutionär im Bund der Geächteten und der Gerechten und nach 1848 publizistisch und organisatorisch für die Arbeiterbewegung in Hamburg/Altona tätig. Bruhn wurde arretiert. Die aufgefangenen Briefe von Marx wurden im Frankfurter Kriminalgericht archiviert. Die reichliche Marx-Biografik zum 200. Geburtstag nahm diese Quelle nicht wahr; selbst die Großausstellung in Trier nahm von der intensiven Beziehung von Marx zu den Wiener "Doktoren der Revolution" und zur Arbeiterbewegung keine Notiz.
Aus dem Jahr 1850 stammt eine Äußerung von Marx, dass er Stifft "für den größten Redner, den schärfsten philosophischen Denker und den bedeutendsten Sozialisten in ganz Deutschland" halte. Wer war dieser Freiherr von Stifft?

"Väter und Söhne"
Der Generationenkonflikt ist ein Leitthema der Revolutionsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Stiffts Großvater Andreas Joseph (1760-1836) stammte aus einer niederösterreichischen Bauernfamilie und stieg zum nobilitierten Leibarzt Kaiser Franz II. (I.) auf. Als reaktionärer und intriganter Ohrenbläser seines Herrn suchte und fand er nicht nur in der Kollegenschaft Opfer - er schaltete etwa den "Weisen von Prag", den Theologen, Mathematiker und Philosophen Bernhard Bolzano aus. Sein Sohn Andreas von Stifft der Ältere (1787-1861) wurde Gutsherr des Freimaurerschlosses Rosenau im Waldviertel. Der ältere Stifft gehörte der liberalen Fraktion der Landstände an.
Im ungeliebten Dienst des niederösterreichischen Landrechts, des Sondergerichtshofs des Adels, stand der Sohn, geboren im Mai 1819. Vater und Sohn Stifft erlebten den Ausbruch der Märzrevolution im Landhaus. Stifft hatte eingehend die Theorien der Frühsozialisten studiert, zugleich gab er sich einem mystischen Christentum hin -"die Gedanken des Sozialismus und Kommunismus erfreuen sich eines hohen Alters", meinte er mit Berufung auf die Apostelgeschichte.
Gegen den liberalen Kompromiss begründete Stifft in der Allgemeinen Österreichischen Zeitung das Prinzip der Demokratie, er forderte die politische Gleichberechtigung der Arbeiter bei den Wahlen und war einer der ersten, die in Österreich von der "sozialen Demokratie" sprachen. Stifft trat für die nationalen Ansprüche der Ungarn, Italiener und Polen ein; anders als die meisten Demokraten forderte er das Recht auf Selbstbestimmung auch für Tschechen und Südslawen: " Sozialismus der Völker"!
Im ersten Presseprozess vor einem Geschworenengericht verteidigte er erfolgreich den Herausgeber des satirischen Blattes Wiener Katzen-Musik (Charivari), in dem der Hebbel-Freund Sigmund Engländer den Fürsten Windischgrätz, den Sieger über den Prager Pfingstaufstand, als "aristokratischen, dummstolzen Kommißbrothelden" bezeichnet hatte. Auch warnte Stifft vor den Folgen der Siege Radetzkys, "der nur Rebellen und Untertanen am Po kennt".

Am 2. September kamen Stifft und Marx im Arbeiterverein zusammen, der seine Sitzungen in den Sträußelsälen beim Josefstädter Theater abhielt.

Die soziale Frage spitzte sich zu, als die nach Tausenden zählenden, bei Notstandserdarbeiten beschäftigten Arbeiter, darunter viele Frauen und Jugendliche, mit einer Taglohnreduzierung unter das Existenzminimum gedrückt und dadurch aus Wien verbannt werden sollten. In der "Praterschlacht" vom 23. August richteten Nationalgarde und Sicherheitswache ein Blutbad unter den Protestierenden an: 22 Tote und an die 300 Schwerverwundete. Der verantwortliche Minister für öffentliche Arbeiten, Ernst von Schwarzer, war Herausgeber der Allgemeinen Österreichischen Zeitung. Genau an diesem Tag zog Stifft, der sich von Schwarzer trennte, die Parallele zur Junischlacht unter dem Pariser Proletariat.
Ein seit 27. August für zehn Tage in Wien weilender Gast, "Dr. Carl Marxe (!), Dr. der Philosophie, aus Paris" (Wiener Zeitung), griff in die Debatte über diese Verstörung der bürgerlichen Revolution ein. Im Demokratischen Verein, der in der Gastwirtschaft "Zum Engländer" in der Währinger Straße tagte, legte Marx am 28. August dar, dass nun auch in Wien "wie in Paris der Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat" entbrannt sei. Am 2. September, dem Vorabend des Leichenbegängnisses für die Opfer, kamen Stifft und Marx im Arbeiterverein zusammen, der seine Sitzungen in den Sträußelsälen beim Josefstädter Theater abhielt. Im Anschluss an Marx, der über Lohnarbeit und Kapital sprach -Keimzelle seiner künftigen Kritik der politischen Ökonomie -sprach Stifft über die Unmöglichkeit des Weiterbestands des "aus dem Absolutismus künstlich zusammenkomponierten Österreich", er forderte ein Bündnis von Arbeitern, Studenten und Demokraten und wurde nach diesen "freiheitsbegeisterten Worten" zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt.

Rückzug in die innere Emigration
Im Oktoberkampf trat Stifft an die Spitze des neu gewählten Wiener Gemeinderats. In dem verworrenen Kräftespiel zwischen Reichstagspermanenz, Nationalgardeoberkommando, Studentenkomitee und Demokratischem Verein verstand es Stifft, "ein halbes Schock erfahrener Zöpfe zu einem Leitseil zusammenzubinden" und "die kühnen Absagebriefe des Gemeinderats an Windischgrätz" zu richten.
Nach dem Sieg der Konterrevolution zog sich Stifft, dem sein Familienhintergrund das Schicksal vieler seiner Gesinnungsgefährten und Kollegen ersparte, in die innere Emigration zurück. Für die Zeitgenossen wurde er zum skurrilen Einzelgänger. Man sah ihn, mit Bücherpacken unter dem Arm, mit sich selbst sprechend, durch das Wien der Ringstraßenzeit schlurfen, "Sommer und Winter im gleichen abgetragenen Rocke, mit schäbigem Hute und stets mit rotem Regenschirm bewaffnet", wie Die Presse zu seinem Tod am 13. Dezember 1877 berichtete. Von dem ihm zustehenden Erbe (86 978 fl. 55 2/3 Kr.) hatte er nichts angerührt, er vermachte es einem Angehörigen. Er selbst besaß an Bargeld 6 fl. 34 kr. und hinterließ außer einigen alten Möbeln und einer goldenen Uhr zwei Kisten mit "Makulaturpapier".
Über die Jahrzehnte hatte Stifft eine Fülle von (unaufgeführten) Dramen und vielbändigen Romanen verfasst, auch Reiseerinnerungen, in denen er immer wieder sein Bekenntnis zu den Ideen und Zielen der Revolutionen von 1789 und 1848 verschlüsselte. Andreas Freiherr von Stifft der Jüngere war der wohl begabteste publizistische Wortführer der Sache der Volkssouveränität, weitergedacht zur "sozialen Demokratie" und zum Selbstbestimmungsrecht der Völker.

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