Denkmal Eisenach - © Wikipedia / Metilsteiner (cc by 3.0); Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger
Geschichte

„Die Errichtung des freien Volksstaates“

1945 1960 1980 2000 2020

150 Jahre vor der aktuellen schweren Identitätskrise der SPD wurde im August 1869 in Eisenach die Sozial­demokratische Arbeiterpartei gegründet.

1945 1960 1980 2000 2020

150 Jahre vor der aktuellen schweren Identitätskrise der SPD wurde im August 1869 in Eisenach die Sozial­demokratische Arbeiterpartei gegründet.

In unseren Tagen verwirrt sich die Sprache der Politik. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-­Karrenbauer begrüßte ihre Parteifreunde mit Heiterkeitserfolg als „Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“ (10. Februar 2019). Als die erste weibliche Kurzzeit-SPD-Vorsitzende Andrea Nahles (April 2018 bis Juni 2019) 1995 den Bundesvorsitz der Jungsozialisten übernahm, tat sie dies mit einem Bekenntnis zu Marx – mit Engels’ Worten der Grabrede auf dem Londoner Friedhof Highgate (17. März 1883).

Es war der 100. Todestag von Marx, an dem in Eisenach in der Spätzeit der DDR unter dem Motto „Partei – Kraft der Klasse“ das „Denkmal zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung an der Gedenkstätte Eisenacher Parteitag“ enthüllt wurde. Das von Brechts Gedicht „Lob der Partei“ flankierte, 32 Tonnen schwere Monument presst Figuren zu einem Monolith, beginnend mit dem Parteitag 1869 über die November-Revolution und KPD-Gründung 1918, die Gründung der SED 1946 und schließlich – „Der Sozialismus schreitet vorwärts“ – die Ausbreitung der Ideen des Marxismus-Leninismus in Hinblick auf Vietnam, Afrika und Chile.

Zentraler deutscher Erinnerungsort

Das Denkmal steht an der Wartburg­allee angesichts des Gasthofs „Goldener Löwe“, das Parteitagslokal, das seit 1967 der „Erziehung zum sozialistischen Patriotismus“ dienen sollte. Nach der Wende betreut die August-Bebel-Gesellschaft diesen Erinnerungsort, dessen Kern die Ausstellung „August Bebel 1840–1913. Ein Großer der deutschen Arbeiterbewegung“ ist. Randbemerkung: Der Parteitag (7./8. August 1869) wurde zwar im „Goldenen Löwen“ eröffnet, die Annahme des Programms erfolgte jedoch im (nicht mehr existierenden) Gasthof „Zum Mohren“. Grund dafür waren Misshelligkeiten mit dem 1863 von Ferdinand ­Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.
264 Delegierte aus 193 Orten Deutschlands, aus Österreich (Hermann Hartung, Heinrich Oberwinder, Andreas Scheu) und der Schweiz waren gekommen. Das Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war ein Kompromiss zwischen Lassalle und Marx. „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des freien Volksstaates“, lautet bündig Artikel I. Die Ungerechtigkeit der politischen und sozialen Zustände sei „durch gleiche Rechte und Pflichten und die Abschaffung aller Klassenherrschaft“ aufzuheben; „die genossenschaftliche Arbeit (soll) den vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter“ gewährleisten. „Die soziale Frage“ zu lösen, sei „nur möglich im demokratischen Staat“. Die Partei definierte sich als „Zweig der Internationalen Arbeiter-Assoziation“, deren Mitglied Bebel seit 1866 war. In ihrem Ursprung stand die organisierte Arbeiterbewegung im Zwiespalt von Klassen- und Volkspartei.

Wieso in Eisenach, wo erst Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung einsetzte? Die Wartburg mit ihren Erinnerungen an die Heilige Elisabeth, den „Sängerkrieg“ und Richard Wagner wurde durch Luthers Bibelübersetzung zentraler deutscher Erinnerungsort. Das studentische Wartburgfest im Oktober 1817 gedachte der Reformation und der Leipziger Völkerschlacht im Gegensatz zur einsetzenden Reaktion: „Reine heilige Begeisterung glühte in allen für die ewigen Ideen des Rechts und der Tugend, der Wissenschaft und der Kunst“, schrieb Karl Julius Weber im Vormärz, wenige Jahre bevor in Deutz bei Köln das Soldatenkind August Bebel geboren ­wurde, Gründervater und Symbolgestalt der deutschen Sozialdemokratie. Anders als die Lassalleaner, die sich an Preußen orientierten, fand die Sozialdemokratie ihre erste politische Heimat im Milieu der sächsischen Herzogtümer mit ihrem reichen Kulturleben – Bach wurde 1685 in Eisenach geboren, mit Weimar gab es rege Wechselwirkung. E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Klein Zaches genannt Zinnober“ war Satire auf korrupte Kleinstaaterei, geschrieben im Jahr der Karlsbader Beschlüsse 1819. Eisenach sollte allerdings nicht allein mit dem Studentenlied aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ identifiziert werden: „klickklack, der bucklige Zwerg Kleinzack, am Hof von Eisenack!“