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3,Einigkeit und Recht und Freiheit..

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ZWISCHEN REVOLUTION UND REAKTION. Ein Lebensbild des Reichsfreiherrn Hans Christoph von Gagern. Von Helmuth Rössler. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau XIV. Musterschmid-Verlag, Göttingen. 321 Seiten. - DEUTSCHER LIBERALISMUS IM VORMÄRZ. Heinrich von Gagem, Briefe und Reden 181; bis 1848. Herausgegeben vom Bundesarchiv und der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt, bearbeitet von Paul W e n t z k e und Wolfgang Klötzer. Musterschmid-Verlag, Göttingen 1959 (als erster von drei Bänden!). 496 Seiten. Preis 46 DM. — HEINRICH VON GAGERN, Vorkämpfer für deutsche Einheit und Volksvertretung. Von Paul Wentzke. Persönlichkeit und Geschichte, Band 4, Musterschmid-Verlag, Göttingen. 86 S.

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ZWISCHEN REVOLUTION UND REAKTION. Ein Lebensbild des Reichsfreiherrn Hans Christoph von Gagern. Von Helmuth Rössler. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau XIV. Musterschmid-Verlag, Göttingen. 321 Seiten. - DEUTSCHER LIBERALISMUS IM VORMÄRZ. Heinrich von Gagem, Briefe und Reden 181; bis 1848. Herausgegeben vom Bundesarchiv und der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt, bearbeitet von Paul W e n t z k e und Wolfgang Klötzer. Musterschmid-Verlag, Göttingen 1959 (als erster von drei Bänden!). 496 Seiten. Preis 46 DM. — HEINRICH VON GAGERN, Vorkämpfer für deutsche Einheit und Volksvertretung. Von Paul Wentzke. Persönlichkeit und Geschichte, Band 4, Musterschmid-Verlag, Göttingen. 86 S.

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Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts muß neu geschrieben werden, und anders als Treitschke und Co. sie nach Bismarcks Sieg geschrieben haben. Das wissen wir heute. Wie ist aus einem Deutschland, dessen Vormacht Österreich und dessen Kaiserstadt Wien war, ein Deutschland geworden, dessen Vormacht Preußen und dessen Hauptstadt Berlin war? Wie ist das alte „Vaterland der Ehren“ zVölf Jahre lang verdunkelt worden durch die „Dritte Walpurgisnacht“? E i n Umbruch der deutschen Geschichte ist jeweils nur durch den vorhergehenden verständlich. Der Weg des Fragenden führt von 1945 über 1933 zu 1871 und 1866, von da aber zum tollen Jahr 1848 und endlich zum großen Bruch der deutschen Geschichte: zum Ende des alten Reiches, zum Rheinbund, zur Geburt des Deutschen Bundes souveräner Staaten.

Ganz wesentlich hilft uns zum Verständnis der Zeit zwischen 1803 und 1848 ein Dreiblatt von Büchern, das uns soeben vorliegt. Sie besprechen eine Familie, aus der Vater und Söhne „magna pars“, entscheidend handelnde Personen jener Krisenjahre gewesen sind. Worum es sich da handelt, wird dem Leser eine kurze Skizze andeuten. Freiherr Hans Christoph v. G a g e r n war ein Edelmann, der nicht als dessen Vasall, sondern als dessen Freund in die Dienste eines deutschen Fürsten trat: des Fürsten von Nassau-Weilburg. Da wirkte er im Geiste eines aufklärerischen deutschen Patriotismus, dem das josephinische Österreich nnd das friderizianische Preußen beide Sympathien einflößten. Beide I — das blieb auch für alle Zukunft maßgebend. Denn sosehr die Politik des Hauses Gagern um den Gedanken deutscher Einheit kreist, so kommt sie doch nie von der Grundvorstellung der zwei deutschen Großmächte los ... Zur Rheinbundzeit hilft Gagern den nassauischen Staat retten — und vergrößern. Nachher freilich tritt er zu der deutschen Widerstandsbewegung. Und nach den Freiheitskriegen wirkt er abermals für das Haus Nassau, nämlich für den neuen König von Holland. Im Sinn geschichtlicher Romantik und moderner Wirtschaft will er die gesamten Niederlande an Deutschland knüpfen — und zwar mittels eines möglichst großen nassauischen Staates in Deutschland. Ihm ist denn großenteils das eigentümliche Verhältnis Luxemburgs zu danken, wie es seit dem Wiener Kongreß bestanden hat. Gagern, das müssen wir besonders betonen, verfocht lange und nachdrücklich die Wiederannahme der Reichskrone durch Kaiser Franz: und dem also restaurierten Reich wollte er nach den Befreiungskriegen auch die älteren Erwerbungen Frankreichs zurückgeben. — Seit 1818 aber lebte Hans Christoph als geistig sehr reger Privatmann.

Nun traten seine Söhne ins öffentliche Leben ein — vor allem Heinrich. Heinrich entwickelte sich bald zum ausgesprochenen Oppositionsmann, zum nationalen Liberalen. Wollen wir freilich den deutschen Liberalismus Gagerns (und anderer Standes- und Zeitgenossen) recht verstehen, dann dürfen wir niemals die grundlegende Tatsache der Vorgeschichte vergessen: er kämpfte nicht (wie französischer und österreichischer Liberalismus) gegen einen historischen, angestammten Staat; et kämpfte gegen die Zufallprodukte der Rheinbund-und Kongreßzeit. Mit diesem Hintergrund nun trat Heinrich in das Jahr 1848 und spielte da seine Hauptrolle in der Frankfurter Paulskirche. Diese Rolle ist wohl auch oft ungerecht beurteilt worden. Die liberalen Zeitgenossen freilich — die spendeten dem unerschrockenen Freiheitsmann Gagern überschwengliches Lob. Anders die literarische „Garde der Hohenzollern“ und Bismarcks. Wenn Bismarck meinte, die deutsche Einheit werde durch Blut und Eisen, nicht durch Beschlüsse erreicht werden, so ging das direkt gegen Gagern. Viel Spott wurde denn auch, selbst von Bismarck persönlich, über Gagerns politischen Freund, den Herzog von Coburg, ausgegossen. Nun war Ernst II. gewiß keine erfreuliche Persönlichkeit. Doch wenn er meinte, ein volkstümlicher deutscher Fürst könne wohl gewähltes Reichsoberhaupt werden — war denn solche Ambition ein Sakrileg an einem vorbestehenden preußischen Majestätsrecht auf Deutschlands Führung . . . ? Damit wollen wir nicht sagen, daß nun Gagern eine restlos sympathische Erscheinung gewesen sei — schon gar, wenn man ihn vom österreichischen Standpunkt betrachtet. Das Porträt, das Wentzke seinem Werk vorangestellt hat, ähnelt in seiner Volksrednerpose zum Verwechseln jener zeitgenössischen Karikatur, die den „Abgeordneten Piepmayer“ zeigt mit dem männlichen Kernspruch: Fest wie Deutschlands Eichen! — Und Wentzky tut wahrlich nichts, um dem österreichischen Leser seinen Helden näherzubringen. Sein Satz (S. 3 3), die österreichische Regierung habe 1848 „einen erbitterten Kampf mit ihren Fremdvölkern“ geführt (wem fremd?!), läßt tief blicken in die Vorstellungswelt mancher Leute jenseits von Freilassing. .. (Jener englische Bub dankte Gott, daß er nicht in Frankreich geboren war; denn, da er ja nicht französisch kann, wie würde er sich dann mit den Fremden verständigen?) Der österreichische Leser wird sich dagegen über R ö s s 1 e r freuen, der es vermeidet. Metternich zum unbedingten Freiheitsfeind zu machen!

Doch endlich wollen wir Gagern selbst das Wort erteilen. Wenn etwas vonnöten ist. um das Interesse des Lesers der prächtigen Ausgabe der Korrespondenz Heinrichs v. Gagern zu wecken — es sind sowohl Briefe von als an Heinrich v. Gagern abgedruckt! —, wenn wir der Einsicht ermangeln sollten, wieviel wahrhaft Echtes am Freiheitssinn dieser Deutschen war — dann sollen Gagerns eigene Worte seinen Platz in der Geschichte bestimmen helfen.

Folgendes hat er am 24. Juni 1 832 im Landtag von

Hessen-Darmstadt gesagt:

„Die polnische Revolution ist herbeigeführt worden, weil in der polnischen Nation der Wille war, eine unabhängige, eine selbständige Nation zu sein. Der Keim zu einer Revolution wird in jedem Volke liegen, dessen Regierung im Widerspruch steht mit allen Nationalgefühlen, mit allen Nationalwünschen und -bestrebungen. Welche Macht und Vorteile auch die gegenwärtige Regierung in Polen wieder errungen haben mag. ich bin überzeugt, wenn diese Nation alle zehn Jahre . wieder dezimiert werden sollte, so wird in ihr der Wunsch nicht untergehen, wieder eine Nation zu sein und die Unabhängigkeit zu erstreben.“ Seither sind die Jahre 1863 und 1920, 1940 und

1956 vergangen — und man kann heute zu Gagerns Worten nur hinzusetzen: Quod erat demonstrandum.

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