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In Polen reden die Steine

Dank seiner Mannigfaltigkeit, Ursprünglichkeit und geheimen Poesie hat Polen dem künstlerisch und historisch Interessierten viel zu bieten. Kaum ein zweites Land in Europa hat während des letzten Krieges so viele wertvolle Kulturdenkmäler eingebüßt. Doch wurde das Zerstörte fast überall neu aufgebaut. In den meisten Provinzstädten blieb das Alte wesentlich erhalten; zur Konservierung wurde manches getan, wenn auch der Aufgabenkreis noch nicht erschöpft ist.

Die bedeutendsten Architekturdenkmäler spiegeln die Vielfalt westlicher und östlicher Einflüsse wider, die in Polen zu einer besonderen, betont eigenständigen Synthese zusammenschmolzen. Die Klöster, die Handelsstädte an der Weichsel und die Residenzen der Teilfürsten im 12. und 13. Jahrhundert nahmen Vorbilder des deutschen und romanischen Westens auf. Im 15. und 16. Jahrhundert, als Polen am Höhepunkt seiner Macht stand, kamen viele Italiener ins Land und drückten dem Stil ihren Stempel auf. Zwischen 1500 und 1800 entstanden die wichtigsten Magnatenschlösser.

Um 1700 verdrängten französische Muster die anderen; dem Barock folgte ein kurzes und spätes Rokoko, dann gleich der Klassizismus. In Ostpolen machten sich russische und orientalische Einflüsse bemerkbar; nur wenig davon ist auf dem heutigen Staatsgebiet, um Bialystok, Lublin und Rzes-zöw, zu sehen. Der schlesische Barock ist Bestandteil des habsburgischen, besonders des böhmischen. Unser Streifzug durch die alten Städte, Klöster, Burgen und Museen wird uns immer an die Einheit in der Verschiedenheit erinnern.

Wer über das Tatra-Gebiet einreist, sollte in einer der drei- bis vierhundert Jahre alten Holzkirchen der Sonntagsmesse beiwohnen. Dann begegnet er den Goralen in ihren bunten Trachten verschlossene, aber nicht unfreundliche Menschen. Sicher wird ein Gorale das Floß lenken, mit dem der Besucher durch die Engpässe des Dunajec fährt, vorbei an der guterhaltenen Burg Nied-zica und an den Ruinen von Czorsztyn. In Stary Sacz fällt das alte Stadtbild auf; das Renaissancekloster der Klaris-sinnen öffnet den Blick auf das stark altösterreichisch anmutende Nowy Sacz.

Die nächste Etappe - Krakow (Krakau) - bildet einen Höhepunkt. Hier lebt die Geschichte auf Schritt und Tritt. Die Tuchhallen im Stil des italienischen Cinquecento beherbergen das Historische Museum; sie stehen in der Mitte des Marktplatzes, neben dem gotischen Rathausturm, dem Potocki-Pa-lais, unweit der Marienkirche mit ihrem herrlichen Veit-Stoß-Altar. Etwas abseits erhebt sich die romanische Adalbert-Kapelle. Alle Seitengassen haben stilechte Gebäude, in denen oft zehn oder mehr Generationen lebten und arbeiteten. Kirchen sieht man in großer Zahl: die hoch barocken Gotteshäuser der Heiligen Peter und Paul, der hl. Anna oder der Karmeliter sind nur Beispiele.

Das Collegium Maius der Universität und das Museum der Jagellonischen Bibliothek zeugen von einer sechshundertjährigen wissenschaftlichen Tradition.

Uber die Grodzka-Gasse gelangen wir zum weithin sichtbaren Wawel -dem einstigen Königsschloß. Zunächst romanisch und gotisch, fand es seinen Höhepunkt in der Renaissance, unter den letzten Jagellonen. Das Museum zeugt vom Reichtum und Kunstsinn der Sigismunde. Das Nationälmuseum mit seinen drei Hauptabteilungen in der inneren Stadt nennt polnische, flämische und italienische Meister sein eigen. Besucht man das ehemalige Ghetto, lohnt vor allem ein Besuch der ehrwürdigen, spätgotischen Remuh-Synagoge samt anschließendem Friedhof. Die aus Deutschland geflüchteten Juden fanden unter Kasimir dem Großen (1333-70) in Polen eine neue Heimstätte.

Von Krakau aus, das gleich Graz, Laibach, Brünn oder Pilsen eine grün bepflanzte Ringstraße nach Wiener Vorbild besitzt - aber noch mit Barba-kane und Resten der alten Stadtmauern -, setzen wir die Reise durch das ehemalige Galizien fort.

Uber das Salzbergwerk von Wielicz-ka gelangen wir nach Tarnöw: ein Renaissancerathaus, Häuser mit Laubengängen, neben dem gotischen Dom ein vortreffliches Diözesanmuseum. östlich von Rzeszöw zieht der Potocki-Pa-last in Lancut viele Fremde an, ebenso wie die Basilika in Lezajsk mit ihrer berühmten Orgel, beides Höchstleistungen des Barocks.

Jaroslaw, beherrscht von drei Klöstern, bietet etliche Sehenswürdigkeiten: neben dem attikageschmückten Rathaus und der Residenz des italienischen Kaufmanns Orsetti die armenische Kirche. Irgendwie weht hier schon der Hauch kosakischer Steppen. Prze-mysl, einst österreichische Festung, liegt malerisch am San. Vom Burgberg her fällt der Blick auf die leuchtenden Kuppeln vieler Barockkirchen - ein kleines Lemberg. Unweit liegt das Renaissanceschloß der Fürsten Sapieha in Krasiczyn.

In der Nähe von Baranöw erhebt sich auf einem Hügel über der Weichsel Sandomierz, vor 1914 im russischen Teil Kleinpolens gelegen. Die Silhouette dieser mittelalterlichen Handelsstadt weist Romanik und Gotik neben Renaissance und Barock auf. Kazimierz Dolny, mit seinen an Fresken und Sgraffiti reichen Häusern, ist ein Tummelplatz von Kunstliebhabern.

Schade aber, daß die mittelpolnischen Heiligenkreuzer Berge mit ihren romanischen Kirchen in Wachock, Koprzywnica, Jedrzejöw, Wislica und Opatöw, dem Barockkloster in Kli-montöw und der Wehranlage in Szyd-löw ebensowenig bekannt sind wie das alte Piriczöw, einst Hort der sogenannten Arianersekte. Kielce kann auf seine Kathedrale, die barocke Bischofsresidenz und das Museum durchaus stolz sein.

Lublin mit seinen geschichtlichen Gebäuden, Sitz der Katholischen Universität, nütze man als Sprungbrett zu abgelegenen Orten wie Zamosc, Chelm oder Wlodawa, die ihrer Bausubstanz und Atmosphäre halber bestechen.

Die Hauptstadt Warszawa (Warschau), aus Ruinen auferstanden, ist voll pulsierenden Lebens. Der historische Kern lohnt ebenso eine Besichtigung wie das Sobieski-Schloß Wilanöw, das anmutige Rokokopalais Lazienki, das Nationalmuseum oder die Straßenzüge der Gegenwart.

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