6968978-1985_23_11.jpg
Digital In Arbeit

Geist der Romanik

Erwirb es, um es zu besitzen”. Das hinlänglich bekannte Goethe-Wort bekommt plötzlich einen frischen, aktuellen Klang, wenn man in diesem Jahr aufmerksam durch Köln geht. Hier wurde 1985 das „Jahr der romanischen Kirchen” ausgerufen, die die Kölner aus römischer und frühmittelalterlicher Zeit ererbt haben, aber wahrhaft neu erwerben mußten.

Vor ein paar Jahren hatten sie den Dom, das „Wahrzeichen” gefeiert, der — obwohl gotisch — erst vor hundert Jahren vollendet worden war. Hatte man es schon als ein Wunder empfunden, daß dieses mächtige Bauwerk nach allen Kriegszerstörungen und im Wettlauf mit dem ständigen Steinfraß durch Abgase wieder hergestellt werden konnte, so wurde mit dem Reigen der zwölf romanischen Kirchen etwas aufgebaut, das man 1945 endgültig für verloren halten mußte.

Waren Stadtregierung und Bürgerschaft zu Opfern bereit, um diese zwölf Meisterwerke, die Köln einst zur „Hauptstadt der Baukunst” gemacht hatten, wiederherzustellen, so meldeten sich Bedenken der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger. Konnte man denn diese Ruinen so weit rekonstruieren, also „verfälschen”? Sollte man nicht lieber die eine oder andere als Mahnmal des Krieges stehen lassen, bei den übrigen die Reste in einen Neubau einschmelzen? Nun ja, die Ruinen im Stadtgebiet sind Geschmackssache. Neubauten fragwürdiger Qualität gibt es ohnehin genug. Man kann sie glücklicherweise nach Bedarf auswechseln. Die „Rekonstrukteure” setzten sich vor allem mit dem Argument' durch, daß ja ein so altes Bauwerk niemals unverfälscht aus dem Mittelalter überkommen sei, daß viele Generationen daran gebaut und verändert hätten.

Nun sahen die Denkmalpfleger puristischer Schule ihre Chance darin, beim Wiederaufbau die „reine” Romanik wiederherzustellen. Und in der Tat: Was heute in den wiederhergestellten Kirchenräumen den stärksten Eindruck macht, ist die Sprache des Raumes.

Abgesehen von diesen Differenzen sind nun alle mit den gewaltigen Anstrengungen von Bauleuten und Steinmetzen, von

Architekten und Statikern zufrieden. Bedenkt man, daß Fachleute aus ganz Deutschland, türkische, italienische, jugoslawische Gastarbeiter, polnische Spezialisten für Rekonstruktionen des Mittelalters mitgewirkt haben — die Stadtkonservatorin stammt aus Österreich —, so kann man von einer europäischen Gemeinschaftsleistung sprechen, wie es dieser Stadt mit ihren seit jeher europaweiten Beziehungen zukommt. Das „Jahr der romanischen Kirchen” soll wieder Besucher aus aller Welt anziehen.

Wenn man den immer wieder schönen Blick auf das Rheinufer von alten Ansichten mit der Wirklichkeit heute vergleicht, dann existieren zwar viele neue Hochhäuser und andere Betonklötze, aber die romanischen Kirchen sind doch nicht zu übersehen: St. Andreas, St. Aposteln, St. Cäcilien, St. Georg, St. Gereon, St. Kunibert, St. Maria im Kapi-tol, St. Maria Lyskirchen, Groß St. Martin, St. Pantaleon, St. Severin, St. Ursula. Sie leuchten beinahe wie neu aus dem Häusermeer. Da werden sich die 300 Millionen Mark, die in vierzig Jahren in die zwölf verbaut wurden, mit der Zeit schon amortisieren. Der Gast muß gar nicht so lange bleiben, bis er alle zwölf wirklich besichtigt hat. Aber einige begegnen ihm geradezu zwangsläufig.

St. Andreas mit dem Grab des heiligen Albertus Magnus liegt in nächster Nähe von Dom und Hauptbahnhof. Hier stößt man auch zum ersten Mal auf den Namen des Erzbischof s Bruno (953-65), der ein ebenso aktiver Politiker wie Bauherr war. Albertus Magnus begründete hier das „Studium generale”. Thomas von Äquin war sein Schüler.

St. Aposteln steht an dem sehr belebten, leider architektonisch nicht besonders markanten Neumarkt und beherrscht den Platz. Die Anlage an der Westseite, kleeblattartiger Grundriß, gekrönt von einer Kuppel und zwei Türmchen, büdet einen stärkeren Blickfang, als der schlichte Hauptturm im Osten. Schon Friedrich Schlegel erinnerte die

Anlage an die Sophienkirche zu Konstantinopel und an St. Markus in Venedig.

Von hier ist es nicht weit zu St. Caecilien, die das Museum für kirchliche Kunst, das Schnütgen-Museum beherbergt. Etwas abgelegen steht St. Georg wie eine kleine Festung im Häusermeer: die einzige erhaltene Säulenbasilika des Rheinlandes. Die Gründung von Erzbischof Anno (1056-75) wurde vielfach verändert, im letzten Krieg auch besonders schwer zerstört. Trotzdem hinterläßt sie einen starken Eindruck, nicht zuletzt durch gerettete Kunstwerke wie die wilden Renaissance-Löwen und das Abendmahls-Relief von 1556: am Tisch des Herrn sitzt auch eine Frau.

Bei Gregor von Tours wird um 590 die Kirche St. Gereon zum ersten Mal erwähnt. Helena, die Mutter des ersten christlichen römischen Kaisers Konstantin, soll sie nach der Legende errichtet haben. Kölns erster Erzbischof Hildebold (819) wurde hier bestattet. St. Gereon ist heute nach dem Dom die ranghöchste Kirche des Erzbistums.

St. Kunibert, vom Dom ein Stück rheinabwärts gelegen, geht in seinen Ursprüngen ins 7. Jahrhundert zurück.

St. Maria im Kapitol erhebt sich auf einem Hügel am Rhein, die Schauseite zum Strom gewandt. Auch hier finden wir einen Kleeblatt-Chor. In der Weihnacht zelebriert seit alters her der Kölner Erzbischof hier die erste Messe und geht dann erst in den Dom. Die besonders prächtige Marienkirche war lange Zeit die Hauptkirche des städtischen Bürgertums. Sie wurde über einem römischen Staatstempel erbaut. Im 7. Jahrhundert wurde hier ein adeliges Damenstift gegründet, das später nochmals errichtet werden mußte. Vollendet wurde es unter der hier begrabenen Äbtissin Ida (1015-1060), einer Enkelin von Kaiser Otto II. und dessen Gemahlin Theophanu von Byzanz.

Groß St. Martin ist ebenfalls eine Gründung von Erzbischof Bruno, dem Bruder Kaisers Ottos des Großen. Hier wirkten zunächst iroschottische Mönche, darunter Marianus Scottus, der Verfasser der Weltchronik. Sie brachten auch die Verehrung der heiligen Brigida von Kildare (453-523) mit, der eine anschließende Kirche geweiht ist.

Das Grab des unermüdlichen Klostergründers Bruno finden wir in St. Pantaleon, das ein Stück vom Zentrum entfernt ist und durch einen Park einen besonders schönen Anblick bietet. Die einstige Abtei war eng mit dem Kaiserhaus und der Reichspolitik verbunden. Nicht nur Erzbischof Bruno, auch Kaiserin Theophanu liegt hier begraben.

Es sind noch St. Ursula zu nennen, St. Severin (einem Heiligen gewidmet, der nicht mit dem spätrömischen Heiligen von der Donau identisch ist), St. Maria Lyskirchen. Jede Kirche hat ihre Traditionen, ihre lange Geschichte. Jede hatte ihre Gemeinde; die eine wurde von den Rheinschiffern bevorzugt, die andere von den Kaufleuten.

Köln hat sich in diesen Kirchen wahre Schatzkammern geschaffen, die für jedermann zugänglich waren. Ihre Architektur und die Schätze, die sie umschlossen, waren eine Schule nicht nur der Seele, sondern auch des Auges. Im Stadtbild setzten sie Akzente. Heutige Stadtplaner müssen sich daran messen lassen, ob sie vor ihren Kollegen aus der Römerzeit und dem Mittelalter bestehen können.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau