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Bücggenland - heüte Reiseland, mocgen Fcemdenveckehcsland!

Muten diese Schlagzeilen nicht etwas überheblich an? Wird mancher denken, mancher sagen, der das Land der Burgen nicht kennt. Doch das Burgenland hat den Ehrgeiz, entdeckt zu werden, in Geltung zu kommen! Vorweggenommen sei aber gleich, daß dieser Ehrgeiz nicht so weit reicht, in die Reihe der großen Fremdenverkehrsländer eingereiht zu werden; es wird der Bogen nicht überspannt werden, denn das Burgenland will und wird in erster und letzter Linie dem Ausflugsverkehr und dem sommerlichen Erholungsbedürfnis jener Menschen dienen, welche unweit des Landes die Städte Übervölkern, vor allem die Bundeshauptstadt Wien, aber auch Wr. Neustadt, die steirischen Städte bis zur Metropole Graz gravitieren ins Land, und ihre Bewohner sind schon seit alters her hier sehr gern gesehene Gäste. Das Burgenland hat aber auch alle Voraussetzungen, die geeignet sind, nicht nur den „kleinen oder mittleren Mann“ ins Land zu locken. Und darüber wollen wir gerne denen erzählen, die das Land noch nicht kennen. Seitdem der Staatsvertrag abgeschlossen, die große Chance, ja das Glück völliger Freiheit in die greifbare Nähe gerückt ist, wurden in Presse und Rundfunk, im In- und im Ausland viele Stimmen laut, die auch des Burgenlandes gedachten: mit Worten der Freude, daß auch dieses östlichste Land, das ja schon sprichwörtlich bisher nur unter der Ungunst der Verhältnisse gelitten hat, nun auch frei werden soll. Da das Burgenland industriearm ist, sieht es sich gezwungen, wirtschaftliche Ausweichstellen zu erschließen. Und darum denkt es an den Fremdenverkehr. Die geographischen Voraussetzungen hierfür sind so günstig, weil österreichische Interessenten kaum eine Autostunde ins Land benötigen, daher mit den geringsten Reisespesen kommen können. Ihrer sind gar nicht wenige, wenn man bedenkt, daß ein Drittteil der österreichischen Bevölkerung knapp vor dem Burgenlande seßhaft ist.

Der Ungunst der Verhältnisse zum Trotze war die Landesregierung auch in den letzten schweren Jahren nicht untätig, sondern sie hat viele Straßen und gute und schöne Straßen gebaut. Tatsächlich führen heute zu den interessanten Punkten des Landes gute Autostraßen, es gibt keine Straßen des Schreckens mehr. Landschaftlich ist das Burgenland außerordentlich reizvoll und anziehend.

Da haben wir im Norden des Landes die Ebene, in Fortsetzung der ungarischen die österreichische Pußta, mit dem Blick in die fernen Weiten, im Seewinkel (das Gebiet östlich des Neusiedler Sees) alte ungarische Ziehbrunnen, welche in der Sonnenglut die großen Herden locken, viele Salzlacken, von denen der Z i c k s e e nächst St. A n d r ä und unweit von Frauenkirchen, dem altberühmten Wallfahrtsort, der größte und wertvollste ist. Herrlich klares, bis 2 Meter tiefes Wasser führt er über 2 Kilometer Länge, die Schlamme des Sees gelten seit alters her als Heilschlamme bei rheumatischen Erkrankungen. Bis 1945 standen an seinem Ufer viele Baulichkeiten, die aber alle den Ereignissen der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Opfer fielen. Da war unter einem ein Kinderheim mit 200 Betten, Gaststätten und andere Quartiere. Heute aber ist es dort viel ruhiger, wohl hat die an der Wiederbelebung dieses herrlichen Sees interessierte Gemeinde St. Andrä einen netten, einfachen Campingplatz anlegen lassen, in nächster Zeit aber gilt es, wieder ein ansehnliches Ausmaß von Werken zu schaffen. Kommen wir von 111 m i t z, dem kürzlich von einer Brandkatastrophe heimgesuchten Orte, wo ein besonders gutes Glaserl Sandwein wächst, nach Podersdorf, dann wird unser Blick durch schönes Panorama gefangen: Am Ende der sauberen Ortschaft, durch die natürlich auch eine asphaltierte Autostraße führt, liegt vor uns der gewaltige Neusiedler See. Dort gibt es nach beiden Seiten einen kilometerbreiten, schilffreien Strand, einen Tummelplatz für alt und jung. Die Podersdorfer bieten Ihnen vieles, wieder auch süffigen Sandwein, viel Obst, und nach dem erfrischenden Bade im salzigen Neusiedler See, dessen Wasser und Schlamm ungefähr die gleichen Heilwerte wie der Zicksee aufweisen. Die Sommersonne sendet heiße Strahlen, und doch ist die Atmosphäre gut und verträglich, weil im Seegebiete zumeist eine frische Brise weht. Eine herrliche Fußwanderung, besonders zur Maienzeit, wenn die Steppe blüht, wenn sich die Ihnen unbekannte herrliche Flora östlich des Neusiedler Sees vorstellt, der Weg von Podersdorf den See entlang nach Weiden - Neusiedl !

Auch der Hauptwert der kleinen Stadt Neusiedl ist nebst Wein und Gemüse der See. Eine breite Autostraße mit gesondertem Weg für Fußgeher führt dort hin. Schon diese Strecke sorgt für Abwechslung. Denn auf dem Wege dorthin liegt ein kleines Museum und neben diesem ein Gehege. Der einzige Steppensee Europas, der Neusiedler See, ist weit über unser Vaterland hinaus als Vogelparadies bekannt, in dem 250 Artgenossen hwsten, nisten und hausen. Groß

sind die Fischbestände des Sees, vor allem Hechte und Karpfen werden in großen Mengen nach Wien geliefert. Die biologischen Voraussetzungen, bedingt durch die Werte des Seewassers, sind derart günstig, daß mit einem dreimal so raschen Wachstum der Fische als in anderen Seen gerechnet wird. Und im Museum an der Seestraße sieht man Exemplare der einmaligen Vogelwelt um den See. Gleich neben dem Museum grüßt ein eingezäunter Platz, in dem sich lebende Exemplare der gefiederten Lebewesen bewegen. Störche, Reiher, Wildenten und -gänse machen sich bemerkbar, einige Arten von den vielen, die gleich nebenan, meist unbemerkt, im Schilf hausen. Am Strand angekommen, bietet sich ein gewaltiger Blick nicht in den See, sondern in die See. Man sieht ja kein Ende dieser 37 Kilometer langen, eindrucksvollen Wasserfläche. Moderne Bade- und Strandanlagen zieren das Ufer, viele Wiener und andere haben dieses Badeidyll bereits entdeckt und kommen Zumindestens am Wochenende zu Tausenden. Und doch ist dies erst der Anfang größerer Planungen, die Beherbergungsobjekte in absehbarer Zeit entstehen lassen werden. Nächst des Bades befindet sich die Biologische Anstalt, in deren Rahmen Vertreter der Wissenschaft an Ort und Stelle alles beobachten, untersuchen und befunden, was diese einmalige Natur im und um den See gebiert oder sonst werden läßt. Umgrenzt ist dieses riesige Seengebiet von den besten Weinrieden des Landes, die weit über die Grenzen Oesterreichs Berühmtheit erlangt haben.

Reisen wir nun am Westufer des Sees südwärts, so stoßen wir auf die berühmtesten Weinorte. Ist G o 1 s örtlich des Sees die größte Weingemeinde Oesterreichs überhaupt, so laufen ihm O g g a u und R u s t an Qualität den Rang ab. Reizend ist das Barock-stäÄchen Rust, von nur 1600 Seelen bewohnt, mit seinen alten Häusern und Kirchen. Mit der Güte ihres Weines haben sie vor Jahrhunderten die Freiheit der Gemeinde errungen, sie sind stolze Geschlechter, die alten Rüster, die dort gefangenes Sonnengold keltern. Im Volksmund heißt Rust auch die Stadt der Störche, denn tatsächlich horsten nirgendwo mehr vom Stamme Adebars als in Rust. Eine Motorbootrundfahrt in den See hinaus vermittelt dem Gaste jene Zauberfülle, die ihm verkündet worden ist.

Ein tüchtiges Völklein lind die Bewohner von M ö r b i s c h. Nicht zufrieden damit, daß sie eine berühmte Wein- und Obstgemeinde sind, eine wunderbare Lage ihrer Felder und auch Wälder haben, rasteten sie nicht, bis sie in zäher Pionierarbeit an einer Stelle durch den breiten Schilfgürtel in das freie Seewasser stießen, wo sich ein Panorama eröffnet, welches jenes von Neusiedl noch übertrifft. Nur ein Kilometer von dieser Anlage entfernt ist die Staatsgrenze gegen Ungarn, Wachtürme lassen den Eisernen Vorhang sichtbar werden. Es ist die Endstation am See, Mörbisch, der geographische Antipode von Neusiedl.

An den sanften Hängen des Leithagebirges, zu dem wir uns wieder wenden müssen, geht es zur Metropole des Landes, nach Eisenstadt, auf dem Wege dorthin liegen etliche sehr anziehende Weingemeinden, wie Winden, Jois und Breitenbrunn, Purbach, Donnerskirchen und Schützen, sowie das liebliche St. Georgen vor den Toren Eisenstadts. Eisenstadt, ebenfalls eingebettet in einen sanften Hang dieses Höhenzuges, ist die Stadt Josef Haydns, der hier lahrzehnte wirkte und im Mausoleum der bekannten Bergkirche seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Beherrscht wird Eisenstadt vom stattlichen Schloß des Fürsten Esterhazy, dem übrigens nahezu ein Fünftel des burgenländischen Bodens gehört, welches, von der Besatzungsmacht beschlagnahmt, sohin zum Großteil für das Land verloren, wesentlich dazu beitrug, daß das Land verarmte. Die Freistadt Eisenstadt, bei weitem die kleinste Landeshauptstadt Oesterreichs, wird nach Abzug der Besatzungstruppen trachten, durch frohes Schaffen die Metropole des Landes würdig zu gestalten. Der herrliche Schloßpark ist eine Sehenswürdigkeit, ein moderner Sportplatz sowie ein ebensolches Schwimmbad findet dort einen einmaligen Rahmen. Ziehen wir nun immer am Hange des Leithagebirges wieder an Weingemeinden, wie Klein- und Großhöflein, Müllendorf vorbei, und fahren wir vor der großen und sauberen Kroatensiedlung Hornstein südwärts Mattersburg zu, erstehen am Horizont die Waldberge, die eigentlich niemand im Burgenland vermutet. Wenige wissen, daß mehr als ein Viertel der burgenländischen Fläche von Wald bedeckt und Wald zumeist auf Hügeln oder Bergen wächst. Und darum sind so viele Gäste erstaunt, hier in die Berg-und Waldwelt zu kommen. Und schon halten wir nach Mattersburg vor der gewaltigen Grenzfest Forchtenstein, der niemals eroberten, die im 12. Jahrhundert von gotischen Grafen begründet worden war. Wie überhaupt die burgenländischen Burgen den Reiz der Romantik als steinerne Zeugen einer großen Vergangenheit mit allen ihren Grenzlandschicksalen vermitteln und vermehren. Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhange die Ein-flechtung der Bemerkung, daß nicht die im Burgenland befindlichen Burgen dem Lande den Namen gegeben haben, sondern jene Burgen, die heute gar nicht mehr im Lande liegen, nämlich Preßburg, Oedenburg, Eisenburg und Wieselburg. Die Burg Forchtenstein liegt am Fuße des Rosaliengebirges, eines lieblichen Gebirgszuges, der sich von der niederösterreichischen Grenze ins Burgenland zieht. Von der Rosalienkapelle aus gewinnt man einen herrlichen Fernblick in den ungarischen Raum, und auf der anderen Seite in die Voralpenwelt. Zur Zeit der Kirschblüte hat die Umgebung der Rosalia ihr Festkleid zur Bewunderung aber tausender Gäste angezogen und stellt einen der wichtigsten Brennpunkte des burgenländischen Fremdenverkehrs dar. Am Fuße der Rosalia liegt auch die große Ananas- und Obstgemeinde Wiesen, unweit davon der alte Kurort Sauerbrunn. Säuerlinge und Schwefelquellen sind überhaupt die Stärke des Burgenlandes, nicht weniger als noch 29 harren der Erschließung Die Nachkriegsverhältnisse haben Sauerbrunn den Kurbetrieb genommen, diese schöne, nur auf Fremdenverkehr abgestimmte Gemeinde hat aber alle Voraussetzungen, wieder ein Kurort von Rang zu werden. Wenn wir die Autostraße südwärts dem mittleren Burgenland zustreben, so wird uns die Berg- und Waldwelt und nicht zuletzt die Autostraße über den kleinen burgenländischen Semmering vor Sieggraben im Banne halten, ein kleiner Abstecher von der Hauptstraße bringt uns nach Kobersdorf am Fuße des Landseer Gebirges, bekannt durch ein altes Wasserschloß und zwei Sauerquellen. Mitten im genannten Gebirge liegt die Ruine Landsee, einst die mächtigste Burg und Reichsfeste des Grenzlandes, heute die größte Ruine Oesterreichs. Geht es wieder zurück und südwärts, lassen wir zur Linken Raiding, die Heimat Franz Liszts, liegen und fahren über Oberpullendorf dem Massiv des Geschriebensteins zu, an dessen nördlichsten Fuß Lockenhaus, eine altbekannte Sommerfrische, liegt. Der Bezirk Oberwart bietet uns viel Interessantes: die alten Burgen Bernstein und Stadt-Schleining, der berühmte Kurort BadTatzmanns-d o r f mit seinen Moor- und Kohlesäurebädern seien nur herausgegriffen. Suchen Sie etwa auch feudale Quartiere im Burgenland? Auch dann sei Ihnen gerne gedient: Wir bringen Sie zur Schloßpension Bernstein, dort sind Sie bei allem Komfort bestens untergebracht. Es wird Ihnen wirklich alles geboten, was das Herz begehrt Lieber Güssing. beherrscht von der alten Burg der Grafen von Güssing, geht es dann in den südlichsten Zipfel des Landes über Jennersdorf nach Neuhaus am Klausenbach, wo Sie ..Ferien vom Ich“ halten können, an der Dreiländerecke in waldreichster und friedlicher Gegend.

Zur Vervollständigung des Gesamtbildes über das Burgenland, seine Werte und Interessensphären muß aber auch gesagt werden, daß sein Sorgenkind das Gastgewerbe und vor allem das Beherbergungsgewerbe ist, daß es derzeit im ganzen Lande noch keine 2000 Betten in Fremdenzimmern gibt und die vorhandenen vielfach noch nicht dem Kulturbedürfnis des Gastes genügen Darum kann heute das Land nur als Reiseland Geltung haben, und erst in zäher Aufbauarbeit muß es gelingen, durch Errichtung moderner Fremdenverkehrsbetriebe an den Brennpunkten des Landes, an den Seen, an der Rosalia, am Geschriebenstein usw. Bedeutung als Urlaubsland zu gewinnen. Doch, das ist Menschenwerk.' Der Schöpfer gab den Burgenländern ein schönes Land, und das war und ist unverfängliches Gotteswerk! Seine Menschen, ob sie nun Deutsch, Kroatisch oder Ungarisch reden, sind sich einig in allen wesentlichen Fragen, demgemäß auch in dem Bestreben die Werte des Landes mit eigener und fremder Hilfe auszubauen, zu Frommen der kleinen und der großen Heimat.

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