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Burgenland — Meiseland

Wo die Sonne am frühesten erscheint und lockt; wo die Wärme in der Köstlichkeit einer milden Luft, welche Edelkastanien und Mandeln reifen läßt, am längsten dauert und bis in die Spätherbsttage Hügel, Wälder, Seen, Weingärten, Ackerland und Grassteppe übergoldet; wo das Herz leichter schlägt; wo noch nicht die große Welt einem Phantom nachjagt; wo der Himmel höher erscheint als irgendwo in Oesterreich: dort ist Burgenland, das vielgestaltigste Reisegebiet, das man sich ersinnen kann.

Die Ausläufer der Alpen durchziehen den mittleren und südlichen Teil des Landes, den nördlichen aber berührt die ungarische Tiefebene mit der Romantik, mit der unglaublichen Wandlungsfähigkeit des Landschaftsbildes von Monat zu Monat, von Tagesstunde zu Tagesstunde. Gerade diese Gegend ist es, welche in zunehmendem Maße auch die Beachtung des ausländischen Reisepublikums findet. Hier, von Kittsee, im Nordzipfel des Landes, über die Leitha und die Parndorfer Heide zum Seewinkel und den Heidebauern zwischen Halbthurn und Pamhagen nächst dem Einser-Kanal lebt eine Welt, die der europäische Reisende innerhalb der Grenzen der freien Welt nirgendwo findet.

Wenn wir unsere Rundfahrt im Norden beginnen, sehen wir noch das kleine bewaldete Inselgebirge der Hundsheimer (Hainburger) Berge, die aus einer Höhe von 476 m zur Ebene hin abfallen. Das Burgenland hat am Hundsheimer Hügelland im Bereiche von Edelstal Anteil, wo man eben daran ist, die aus den Römerzeiten her bekannte Heilquelle zu untersuchen, zu sichern und der Gesundheitsförderung dienstbar zu machen. Für die 690 Einwohner des Ortes wird die Erschließung der radioaktiven Quelle wirtschaftlich von Bedeutung werden. In der Landschaft zwischen Leitha und Donau, die durch jüngere Flußanschwemmungen der Leitha (Leiten — Abhang; aha — Wasser: also etwa „Wasser am Abhang”) gebildet und überaus fruchtbar ist, liegen die drei großen Siedlungen: Kittsee (wo 1861 zum erstenmal der Dampfpflug über die Gründe der Batthyani ging), der Geburtsort des einst berühmten Geigers J. Joachim; Pama an der Kreuzung der Straße von Petronell über Deutsch-Jahrndorf nach Ragendorf (auf ungarischem Gebiet) mit der leider stillgelegten Bahnstrecke von Parndorf nach Kittsee-Preßburg; und schließlich das volkskundlich interessante Jahrndorf selbst.

Von da an südwärts werden wir öfter den kroatischen Trachten begegnen, vorweg in Parndorf und Neudorf. Bezaubernd ist diese Landschaft bis hin nach Halbturn und Frauenkirchen. Die Schwengel der Ziehbrunnen starren in den Himmel und der Steppenwind jagt durch die Flügel der Mühlen. Wer die Einsamkeit liebt, wer kilometerweit keinem Menschen begegnen möchte — und welcher Städter hat nicht mitunter solche Anwandlungen? —, der ist hier zu Hause und unten im Seewinkel — oder, wenn er die Berge nicht entbehren kann — noch weiter südlich zwischen Bernsteiner und Günser Gebirge und dann im Neuhauser Hügelland.

Vom Neusiedler See zu reden, hieße Störche nach Rust tragen. Der See selbst, Klimaregulator, bald wohl die größte Heilquelle Europas, durch seine unerschöpflichen, sich immer wieder erneuernden mineralischen Beigaben, deren Untersuchung jetzt eben im Gange ist, bietet den Freunden des Segelns eine ideale Fläche (im Winter Eissegeln) ebenso wie den Motorsportlern und Fischern. Auf den 293 Quadratkilometern Fläche braucht man nicht zu besorgen, mit Konkurrenten zusammenzustoßen. Die Neusiedler Biologische Station ist weltbekannt und wird einen Ausbau erfahren, gilt es doch das Leben und Treiben von 250 Vogelarten zu studieren. Die einzelnen Seegemeinden haben in den letzten Jahren ganz bedeutende Aufwendungen gemacht. So etwa gleich Podersdorf, das den einzigen schilffreien Sandstrand besitzt, ein sehr schönes Strandbad und einen großartigen Campingplatz angelegt hat. 1,5 Millionen Schilling hat die Gemeinde mit Landeshaftung an Kredit aufgenommen. Ganz hervorragend hat sich auch Mörbisch bemüht. Die gründliche Ausbaggerung am Seeufer im vergangenen Jahre verfolgte den Zweck, den durch Schilfreste entstandenen Schlamm zu entfernen. Das Seebad wurde vor allem deshalb an dieser Stelle errichtet, weil dort überhaupt die tiefsten Stellen des Neusiedler Sees zu verzeichnen sind. Eine neue Zufahrtsstraße bringt den Autobus- und Kraftfahrgast in einigen Minuten von der Ortsmitte zur freien Seefläche und dem hübschen Strandbad.

Fünf Kilometer nördlich von Mörbisch liegt die „Storchenstadt” Rust, ebenfalls mit einem erst 1956/57 ausgebauten Seebad, einer Jugendherberge wie in Neusiedl. Daß hier die Feinschmecker (festen und flüssigen Stoffs) besonders auf ihre Rechnung kommen, sei nur am Rande erwähnt. Sagen wir es gleich an dieser Stelle: die Vielfalt der burgenländischen Weine ist überwältigend, die Kunst der Kellerei hervorragend. Wo immer ein Ortsname genannt wird: Schützen am Gebirge, Mörbisch, Rust, Weiden am See, Podersdorf, Neusiedl, Purbach (der bekannte Kirschenort mit dem herrlichen Blick auf den See und ins Wulkatal), Oggau mit seinen Qualitätsweinen; Gols, das so ziemlich’ das größte Weinbaugebiet im Lande hat und mit seinen farbenfrohen Winzerfesten weithin bekannt wurde, Illmitz (der niedrigst gelegene Ort Oesterreichs — 117 Meter), wo auf dem Sandboden gleichwie in Apetlon der „Sandwein” gedeiht (teilweise Weinbau auf alte Art, ohne amerikanische Unterlage, weil reblaussicher): überall funkelt und glüht es aus den bereitwillig kredenzten Gläsern und die schwermütig-süße und feurige Musik der Zigeuner spielt dazu ihre Weisen.

Weiter muß unsere Fahrt gehen, weg vom silberglänzenden Schild des Sees. In der Mitte des Heidebodens liegen Sankt Andrä am heilkräftigen Zicksee, Rheumatikern sehr zu empfehlen, Frauenkirchen mit seiner Wallfahrtskirche, Andau und Tadten (von hier stammt der Urgroßvater des Komponisten Joseph Haydn) am Rande des „Waasens” (Hanczag). Zurück’über Jois und Breitenbrunn (auch mit einem geschätzten Tropfen!), das Leithagebirge entlang nach Eisenstadt, jetzt, nach 25 Jahren wieder Sitz einer groß angelegten Burgenländischen Landesausstellung. Seit 1264 urkundlich bekannt, 1648, im Jahre des Friedens von Münster und Osnabrück am Ende des Dreißigjährigen Krieges zur Freistadt erhoben, Landeshauptstadt, eine bezaubernde Stadt, geweiht durch den Namen Haydn.

Draßburg mit seinem interessanten Schloß und dem schönen Barockgarten liegt an der Straße nach Mattersburg, acht Kilometer von Sauerbrunn entfernt, das eine der entzückendsten Kur-Sommerfrischen des Burgenlandes ist. Die Kuranstalt wird aufgebäut. Schwimmbad und Campingplatz sind vorhanden. Das Sauerbrunner Wasser wird bei Magen- und Darmkrankheiten, bei Nieren- und Blasenleiden angewandt.

Das Oedenburger Gebirge, durchschnitten von der großen Nord-Süd-Autostraße, Forchten- stein, die Rosalia bleiben hinter uns zurück, über den Sattel von Sieggraben, wo — ein augenfälliges Beispiel sinnloser Grenzziehung nach dem Venediger Vertrag und dem Raube Oeden- burgs — das Burgenland nur fünf Kilometer breit ist, geht es an Kobersdorf, das zwei Sauerquellen hat und eine gemütliche Sommerfrische ist, vorbei nach Sankt Martin. Von hier lohnt sich ein Abstecher in das Landseer Gebirge. Landsee liegt 627 Meter hoch und bietet eine herrliche Fernsicht. Unweit des Ortes befindet sich die gewaltige Ruine Landsee, die im 16. und 17. Jahrhundert mit einer vierfachen Verteidigungsanlage versehen wurde. Geologisch sehr interessant ist der Pauliberg (755 m), auf dem zwei Basaltkuppen aufsitzen. Der Basalt wirc auch gebrochen und für den Straßenbau ver wendet.

Das Gebiet der Rabnitz ist eine Hügel- unt Hochflächenlandschaft. Im Westen liegen groß Wälder, meistens Nadelholz, hier ist der Holz und Sägewerksarbeiter daheim. Lockenhaus (mi Burg und Museum) ist der Mittelpunkt. Westlich davon liegt Bernstein, der einzige Fundor von Edelserpentin, der zu Schmuckzwecken verarbeitet wird. Im Schloß ist eine sehr exklusiv! Pension eingezogen. Südlich von Lockenhaui liegen Bad Tatzmannsdorf, Schlaining und Rechnitz. Tatzmannsdorf ist das österreichisch Herz- und Frauenheilbad, eines der ältester Bäder Europas, 1945 weitgehend zerstört, nur zu neuem Glanze erstanden. Die Quellen vor Tatzmannsdorf sind erdig-alkalische Eisensäuerlinge mit einem hohen Gehalt an natürliche! Kohlensäure und außergewöhnlich geringen Kochsalzgehalt. Dem Rufe eines Frauenheilbade! verdankt es seinem in Europa einzigartiger Heilmoor, das von der Natur sehr gut aufgeschlossen ist. Schlaining und Rechnitz haber Schwimmbäder. Weiter im Süden verdienen Güs- sing, Kukmirn und das Neuhauser Hügelland Beachtung. Jennersdorf im Raabtal bildet der Schlüssel für das Neuhauser Gebiet, wo mar wirklich Ferien vom Ich machen kann, wo keir Wirt erst nach der Brieftasche fragt und dann nach dem Menschen.

Am Ende der Straße, die von Jennersdorf an der Bahnstrecke von Fehring (das man mit der Aspangbahn erreichen kann) südwestwärts führt, liegt das verträumte Neuhaus am Klausenbach, 270 Meter hoch, mit seinen 713 Einwohnern in einer romantischen Umgebung. Eine alte Burgruine erzählt von bewegten Tagen, und von einer neuen Aussichtswarte bietet sich ein wundersamer Fernblick in die Alpenwelt. Sieben Kilometer östlich befindet sich die Dreiländerecke: Oesterreich mit der südlichsten Sommerfrische des Burgenlandes im Rücken, haben wir vor uns Ungarn, zur rechten Hand Jugoslawien. Wer dort die Nadelbäume rauschen hört, und durch das Unterholz streift, wo allerorts überreich Beeren leuchten, fühlt sich glücklich erhoben über kleinlichen Hader und jenseits aller Zeit.

Burgenland, Land der Burgen, der Seen, Wälder und Ebenen, der Heilbäder und prächtigen Straßen, heute noch Reiseland, morgen Urlaubsland, ist die Heimat aller derer, die es mit dem berühmten Satz halten: „Mehr sein als scheinen!”

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