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,,... wir zogen nach Friaul“

Man weiß sich in der Nähe der Berge, behütet, beschützt, aber auch immer wieder bedroht. Terre- moto - Erdbeben. Als am 6. Mai 1976 Tod und Zerstörung über Friaul kamen, fragten sich viele: Warum bleiben die Menschen? Wäre es nicht besser - ?

Das Wort „Heimat“ als Erklärung reicht nicht aus. Da fehlt noch etwas. Ein eigenartiger Landstrich. Mit seiner Eigenart. Grenzland, Durchgangsland, Schlachtfeld, Hort. Wie sangen die Landsknechte? „Wir zogen nach Friaul - da hatten wir allesamt groß Maul, strampedemi...“

Friaul lehrt den Fremden dasStau- nen. Berge, Hügelland, Ebene, Meer. Hier pflügten die Kelten, bauten die Römer ihre Straßen, lagerten die Hunnen, die Goten waren da und die Byzantiner und schließlich die Langobarden. Friauls Markgraf Berengar I. läßt sich 888 zum König von Italien krönen, Ungarneinfälle entvölkern das Land, Slawen rücken nach, in der Zeit der Kreuzzüge wird Friaul Durchzugsland für Menschenmassen aus vielen Ländern.

Der Besitzwille der Venezianer richtet sich auf, dieses Nachbarland, ihre Herrschaft dauerte Jahrhunderte und ist vielerorts noch ablesbar. Im Mittelalter wechseln ghibelli- nische und quelfische Sympathien, Papsttum und Kaiserreich, Venedig und die Herzöge von Görz finden , ihre Anhänger.

Mit dem Schwinden des politischen Einflusses der Lagunenstadt wächst der Einfluß Habsburgs. 1797 bringt Napoleon die Ideen der Französischen Revolution auch nach Friaul, überläßt es aber im Friedep von Campoformio den Österreichern. 1866 beschließt Friaul den Anschluß an Italien.

Aquileja: bedeutendste Stadt von Gallia Cisalpina. Augustus erhebt sie zur Hauptstadt der zehnten Region. Ihr Hafenkai hatte eine Länge von fünfhundert Metern, die Bevölkerung war auf 200.000 Menschen angewachsen. Nach der römischen Epoche erlebt die Stadt eine neue Blütenzeit als Sitz des Patriarchen.

Kärnten ruft Wien „Ab 1975 kam bei uns das große Umdenken“, stellte Dr. Mario Ferrari-Brunnenfeld, Allhöchster des Kärntner Fremdenverkehrs, fest. „Nämlich wegen der Wiener. Wir geben zu, daß wir bis zu diesem Jahr die Wiener Gäste sträflich vernachlässigt haben.“

Dieses Umdenken trug zahlenmäßig Früchte. So folgten auf die fetten Jahre wieder fette Jährchen, und der Inländer, der seine Liebe zu Kärnten entdeckt hatte, schlug sich in den Zahlen der flachsprachigen Statistiker nieder.

Mit über zwei Millionen Inländerübernachtungen lag der Anteil der Österreicher bei genau 12,97 Prozent der Gesamtnächtigungen und ließ sich nur von den Bundesdeutschen auf den Platz zwei verweisen.

Ganz besonders taten sich die Wiener hervor. Mit über 870.000 Nächtigungen dokumentierten sie, daß sie Kärnten trotz aller Unkenrufe für urlaubsgünstig hielten, und Landesfremdenverkehrsdirektor Ingo Zlamal hofft auf eine Intensivierung dieser Liebe. Dazu dürfte auch eine ganz sicher kommende Benzinpreiserhöhung beitragen. Wer früher noch chromglänzend nach Italien trampte, wird heuer doch eher bei einem warmen Kärntner See auf die Bremse steigen.

Und daß dies recht viele tun, dafür wollen die Kärntner sorgen. Eine Unterscheidung zwischen Komfort- und Standardzimmer soll dem Gast anzeigen, was er erwarten kann. „Viele beschweren sich über die Preise“, sagte Ferrari-Brunnenfeld, „aber man kann doch nicht einen Mercedes zum Preis eines Golf abgeben", zog er den Vergleich. Deswegen in Zukunft eine bessere Deklaration, der Mißverständnisse wegen.

Auch die Küche wurde verbessert. „Die war unterm Hund“, gab Ferrari-Brunnepfeld zu. Doch in den letzten Jahren sprang das WIFI mit Kochkursen ein, und damit schnellte auch die Qualität in die Höhe, und Kasnudeln verdrängten die Pommes frites.

Und da der Wiener gerne gut ißt und im Gegensatz zum Germanen mehr konsumiert, schlug sich dies in den Umsätzen nieder. Anschwellende Bäuchlein können per Drahtesel wieder abgestrampelt werden, denn neuerdings ist in Kärnten Radwandern „in“. Radwege wurden ausgebaut, und die energiesparenden Räder sind zu leihen.

Aber auch sonst gibt’s Angebote für den kommenden Sommer: Für Feinschmecker in Sachen Musik schlägt im Juli Velden mit dem Jazzfestival zu, was heuer eigentlich ein Rockfestival ist. Chuck Berry sowie Blood, Sweat & Tears und Weather Report werden für heiße Nächte sorgen und sicher die Vorjahrsbesucherzahl von 15.000 übertreffen lassen.

Pörtschach steht wieder im Zeichen des Tennis, und neben diversen Veranstaltungen von Seniorenbis Davis-Cup-Mannschaften geht es im Herbst um weltmeisterliche Ehren bei den Journalisten.

Geruhsamer wird es Ende Mai am Faaker See zugehen, wenn sich die Petri-Jünger zu einem Stelldichein finden. Aber immerhin winken den Preisträgern kostenlose Aufenthalte.

Wer an diesen Veranstaltungen, und nicht nur an diesen, interessiert ist, wendet sich am besten an die Kärntner Fremdenverkehrswerbung, Kaufmanngasse 13, A-9010 Klagenfurt. Nicht vergessen, Wiener willkommen!

Wer heute die Türe zur Basilika öffnet, ist überwältigt: Der fast völlig erhaltene Mosaikfußboden sucht auch im kunstschätzereichen Italien seinesgleichen. Heute ist Aquileja ein bescheidenes Landstädtchen, unter dessen Gärten und Feldern zweifellos noch viele unentdeckte Schätze ruhen.

In Passiariano liegt die Villa Manin, der Sommersitz eines der letzten Dogen, weiträumig angelegt, eindrucksvoll besonders bei nächtlicher Scheinwerferbestrahlung. In der Nähe suchen wir einen Landgasthof auf, kosten den berühmten Schinken von S. Daniele und trinken dazu den vorzüglichen Fragolino.

Unsere Begleiterin heißt Daniela, schlank, dunkelhaarig, eine aparte Schönheit. Römerin? Sie winkt lachend ab. „Ich bin Friaulerin’*, sagt sie, „die Römer waren die Eroberer. Wir sind ein eigener Schlag, wir haben sogar unsere eigene Sprache, die von Rom-nicht gefördert wird!“ Ihr Mann ist groß, rotblond - lango- bardisches Blut?

Cividale ist die Langobardenstadt. Seine Randlage hat ihr manche Einbußen gebracht. Aber sie ist voller Kostbarkeiten. Wir bewundern den Ratchis-Altar und das Taufbecken des Callisto aus dem 8. Jahrhundert. Die Stadt bewahrt auch die Geschichte der Langobarden des Paulus Dlaconus.

Überaus zahlreich die Werke der Malerei friaulischer Künstler, die von Tolmezzo ihren Ausgang nahm. Pellegrino de S. Daniele und G. A. Pordenone verbanden heimische Tradition mit den Einflüssen aus Venedig und Florenz und bei G. B. Tiepolo erreichte die friaulische Malerei internationale Größe.

Das Meer: Friauls Anteil reicht von der Mündung des Tagliamento bis Grado. Der Ferienort Lignano mit seinen langen Sandstränden und Pinienwäldern zählt dazu, die Lagune von Marano und die gegliederte Küste um die alte Inselstadt. Jahr für Jahr strömen sonnenhungrige Urlauber an das warme Wasser der Adria, suchen Erholung, Entspannung, Abwechslung.

Doch - ein Badeaufenthalt ist zu wenig. Dafür wiegen die Schätze Friauls zu schwer. An ihnen vorbeizufahren, nur zur Küste, das wäre mehr als ein schlimmes Versäumnis!

Udine ist vor allem geschäftig, betriebsam. Dennoch ist keine Hektik dabei. Wer gefragt wird, nimmt sich Zeit für Erklärungen. An der Piazza della Liberia ist Venedig, präsent, das Rathaus mit der Loggia des Lio- nelleo, gegenüber die Arkaden S. Giovanni, da schlägt das Herz der Friaulischen Hauptstadt, pulst das Leben.

Hier begrüßte man den Patriarchen, den Statthalter, den General Napoleon, Soldaten marschierten auf, Kundgebungen fanden ihren Höhepunkt, Prozessionen nahmen von hier ihren Ausgang. Die massigen Statuen von Florean und Ventu- rin recken sich aus dem Getümmel, geduldet und geduldig.

Wo die Berge in die Ebene übergehen, am Austritt des Tagliamento aus dem Gebirge, liegt die Erdbebenzone. Gemona und Venzone zählen zu den meistbetroffenen Orten des schrecklichen 6. Mai 1976. Ein paar tausend Menschen verloren ihr Leben, viele grub man verletzt aus den Trümmern.

Langsam richtet sich das Leben wieder auf, neue Mauern werden hochgezogen, Baukräne signalisieren den Aufbauwillen, aus den Gesichtern der Menschen ist die Angst gewichen. Aber die Sorge bleibt...

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