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Geld für die „Musi"

Dem Betrachter aus der Ferne erschien die burgenländische Kulturszene lange Zeit als Brachland, mit ein paar herausragenden Einzelerscheinungen: Joseph Haydn, später dann der Maler Rudolf Klaudus, die ihres exzentrischen Charakters wegen auffällige Dichterin Hertha Kräftner, oder das Bildhauersymposion St. Margarethen (auch die prominenten Künstler-Siedler, die sich hier ihre Refu-gien relativ billig kauften, weil die

Vorbesitzer mit dem mangelnden Komfort der alten Häuser ohnehin nichts mehr anfangen wollten).

Ganz so war es nie, und heutzutage stimmt das schon gar nicht mehr. Denn die Grenzöffnung fällt zeitlich zusammen mit der Tatsache, daß Kulturpolitik und Kulturmanagement hier in den letzten Jahren professionell zu werden beginnen. Das könnte dazu führen, daß sich nun verdichtet, was den Kanon der Künste in Westpannonien seit jeher so einzigartig macht: Wie hier eine den Menschen sehr stark dominierende Natur und die Kunstwerke, eine vitale Antwort auf diese Natur, eine bestechende Welt formen, quantitativ nicht von großen Dimensionen, aber innerhalb Österreichs so gültig wie nur irgendein Kultur-Milieu.

Diese Landschaft hat nichts Liebliches. Schon Franz Werf el verzeichnete das in „Cella oder die Überwinder". Statt mit Grün zu beruhigen, sättigt und drängt sie strohgelb, ocker, rostbraun und im Lehmgelb des vertrockneten Wintergrases. Es kann sibirisch wehen, oder ungesund schwül. Hier bewohnt man nicht überschaubare Sphären zwischen Hang und Hang, sondern bloß trügerisch abgegrenzte Räume; (erst gegen Süden wird alles hügeliger, milder, steirischer). Hier herrscht in der Tat das „Andere Licht", wie der burgenländische

Journalist Günter Unger seinen unlängst erschienenen Band zur heimischen Bildenden Kunst nannte.

Im flacheren Norden kann man unter der Decke dieses süd-östli-chen Lichtes Momente endzeitlicher Gleichgültigkeit erleben. Wer solchen Kräften standhält, der findet hier sehr tiefe Regeneration, und die energischen Konturen der Hügel und Feldstreifen bewegen ihn zum schöpferischen Aufbruch.

Weithin ist die „wäßrige Steppe" - der Neusiedlersee in Werf eis grandiosem Gedicht - das einzige große Wasser, und es ersetzt nicht den klimaregulierenden breiten Fluß. Zu selten regnet es; statt dessen braut es sich glasig zusammen, oft nur zum lautlosen Wetterleuchten wie in Lenaus „Schilfliedern".

Das CEuvre dieses deutschen Ungarn ist ein echtes grenzübergrei-

fendes Bindeglied: Lenau habe in unserer Sprache Gedichte geschrieben, die ihrer Melodik und Bildlichkeit nach sehr ungarisch seien, bemerkte kürzlich im Gespräch Alfred Marnau, Dichter, Übersetzer und Alt-Preßburger, der schon lange in England lebt.

Pannonien, dieser östliche Streifen Zentraleuropas, gilt noch immer als ein wenig rückständig. Vor allem die jahrhundertelange Präsenz der Türken wirkte hier lange nach. Auch Westungarn war keineswegs intensiv bebaut und betriebsam, als Haydns Dienst-Leben in Eszterhäza am Südufer des Sees sich fast übers Jahr dehnte. Schon ihn hat dieses Land „von der Welt abgesondert, ... und so mußte ich originär werden". Vielleicht ist seine Musik neben der Mozarts darum nach wie vor unterschätzt, weil sie

in ähnlicher Weise wie die Bruckners ohne Kenntnis ihres Bodens nie völlig zu fassen ist.

In Eisenstadt stand die fürstliche Kunst-Insel einsam auf weiter Flur, abgesehen von ein paar gebildeten jüdischen Haushalten. Nach zeitgenössischen Quellen war der Rest ziemlich verschlafen und bäuerlich. Der Komponist Jenö Takäcs (heute 88) erinnert sich: Zu seiner Kinderzeit, als ein Weg von zehn Kilometern aus seinem Heimatort Siegendorf eine große Reise ausmachte, fuhr man, „wenn überhaupt, dann nach Sopron". Ödenburg war einer j ener kulturellen Bezugspunkte, die durch die Grenze abgeschnitten wurden. In der Renaissance gab es dort einen humanistischen Zirkel, im 19. Jahrhundert aufklärerische Lesegesellschaften. Takäcs hat dort bei einer Schülerin von Emil von Sauer Klavier studiert.

Er ist ein Kosmopolit alter Schule; trotzdem hat ihn die burgenländische Landschaft - aus einer schönen Position in Cincinnati! - schließlich wieder hierhergezogen. Mit Sicherheit ist er der beste Komponist des Landes: Handwerklich gediegen, Avantgarde-Experimenten nicht verschlossen, alter und neuer ungarischer Musik (vor allem Bela Bartök) und hiesigen Volksliedern sehr verbunden.

Für die meisten lokal bekannten Namen fehlt hier der Platz; aber an die fast vergessene, weil unspektakuläre Dichterin Mida Huber aus Landsee muß man - „wenn der Weg vergrast, der zu Dir geht" - doch unbedingt erinnern; genauso an Rüdiger Hauck, der, ebenfalls unspektakulär, in St. Margarethen lebt und ein „wirklicher Dichter" ist. Mida Huber war auch als Malerin eine unverwechselbare Erschei-

nung, ganz wie Schwester Elf riede Ettl, die sehr eigenständig und sehr dynamisch Land und Leute aquarelliert.

Gründer und Haupt der ersten burgenländischen Künstlergruppe war der Kroate Rudolf Klaudus, der, gänzlich unepigonal, an Van Gogh und Cezanne anknüpfend, das Mittelburgenland farbkräftig ef-höht hat. Welch ein bedeutender Maler er war, wird sich schon noch herumsprechen.

Den Einzug der Kunst-Kolonisten nach dem Krieg hat vor allem Alfred Schmeller ausgelöst. (Übrigens ein unschätzbarer Glücksfall, daß er 1960 zum Landeskonservator des Bundesdenkmalamts berufen wurde; ohne ihn gäbe es heute weder das Kellerviertel von Heiligenbrunn noch die historische Bausubstanz von Rust.) Attersee kommt oft nach St. Martin an der Raab, Walter Pichler wohnt permanent dort mit seinen Skulpturen, Anton Lehmden gehört das Schloß Deutschkreutz, Wander Bertoni war in Winden seßhaft, Moldovan kam für einige Zeit, Mikl, Roland Goeschl und Giuseppe Sinopoli haben Häuser im Burgenland.

Seinerzeit hat Kulturlandesrat Fred Sinowatz - anfangs - gerne große Projekte gefördert; etwa „Beispiel Eisenstadt": Maler von internationalem Rang und Ruf (Messensee, Peter Bischof, Zbynek Sekal, Rudi Goessl) konnten einige Wochen in der langen, hohen Orangerie im Eisenstädter Schloßpark arbeiten. Diese Initiative, un-pro-vinziell wie damals kaum eine im Land, schlief ein, weil der Trend zur höchst unselektiven Subvention alles Bodenständigen im Kommen war, leider nach dem Motto: „Ein jeder ist ein Künstler"...

Aber das ist schon lange her. Für die burgenländische Kulturpolitik waren die Chancen noch nie größer als jetzt, angesichts der veränderten Situation im Osten. Hoffen wir, daß auch im jeweils rechten Moment das „Geld für die Musi" zu erübrigen ist.

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