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Von Musik und Musikern

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Die „M usikalische Reis e“, welche der bekannte englische Musikwissenschaftler Doktor Charles Burney im Jahre 1772 durch das alte Österreich unternommen und in der trockenhumorigen Art englischer Kulturreporter beschrieben hat, wurde in der Neuausgabe des Verlages Brüder Hollinek, Wien, von Bernhard Paumgartner mit einem Vorwort und genauen, sehr instruktiven kulturhistorischen Anmerkungen versehen. Durch’ zwölf zeitgenössische Kupferstiche wird das hübsche Bändchen nicht nur „illustriert", sondern auch belebt und bereichert. — Die weitaus bedeutendste Musikpublikation der letzten Monate, ein Buch von bleibendem Wert, ist die Theater- und Entwicklungsgeschichte der Wiener Operette von F. Hadamowsky und H. Otte Bellaria-Verlag, Wien. Auf über 400 Seiten, zwischen die 48, zum Teil farbige Kunstdrucktafeln eingefügt sind, geben die Verfasser eine erste vollständige Darstellung dieser kulturhistorisch interessanten und wichtigen Gattung. Thesen wie: „Die Wiener Operette ist ein Ausdruck der bürgerlichen Kultur im Zeitalter Franz Josephs I.,… entstanden im Mittelpunkt eines Großreiches, in dem eine Scheinblüte ungesunder Pracht die Kainszeichen des Zerfalls noch verdeckte“, oder daß „die Realitäten des Labens auch die Grundlagen der Kunst sind“ bestimmen den Tenor des ganzen Buches. Ihnen werden nicht nur viele Leser innerlich widersprechen, sie schießen auch sachlich über das Ziel hinaus. Die dem Werk beigefügten Register und die Tabelle mit genauer Angabe von Operettentiteln und -autoren, der Premierentheater und -daten, der Gattung und Aktzahl machen das Buch zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk für jeden Spezialforscher. — Ein weniger umfangreiches, aber immer noch bedeutendes Material breitet Hans F a r g a, interessant und amüsant plaudernd, vor dem Leser aus „D i e goldene Kehl e“. Meistergesang aus drei Jahrhunderten. Verlag A. F. Göth, Wien. Der Verfasser ermittelt im Laufe der letzten drei Jahrhunderte etwa 150 berühmte, allgemein anerkannte große Sänger, über deren Menschen- und Künstlerschicksal er viel Anekdotisches und Abenteuerliches zu erzählen weiß. Ein wenig vernachlässigt erscheint die weit schwierigere Darstellung der künstlerischen Leistungen, etwa in der Form von Rollenanalysen usw. Einige kleine Ungenauigkeiten und Druckfehler werden sich bei einer Neuauflage leicht beheben lassen.

Edwin Fischer sieht Johann Sebastian Bach Eine Studie. A. Scherz-Verlag, Bern im Schnittpunkt zweier Entwicklungskurven und hebt die Leistung Bachs hervor, die alte Welt der polyphonen Kirchenmusik des Mittelalters mit der neuen des Liedes und Tanzes verschmolzen zu haben. Dies ist seine auch heute noch unübertroffene „Modernität“. Bachs Genie offenbarte sich unter anderem in seinem Fleiß. Sein geistiges Dasein ruhte auf dem Fundament einer tiefen Gläubigkeit. Natürlich nimmt der bekannte Bachspieler auch zu Fragen der Bach- Interpretation Stellung. — Die Musikerreihe des Verlages Otto Walter Olten zeichnet sich durch wissenschaftliche Gediegenheit und Diskretion im biographischen Detail aus. Hier wird der Versuch gemacht, das Leben und Schaffen der großen Musiker sub specie aeterni- tatis zu sehen: „Die Tonika verkündet den wahren Sinn der Musik, die eine Dominante betrachtet den Künstler in seiner Schöpfergnade und in seinen menschlichen Bedingtheiten, die andere gibt der fragenden Seele des Empfangenden demütig Antwort." Diesen Leitgedanken fügt sich auch der dritte Band der Reihe: „Johannes Brahms. Ein Meister und sein Weg“ von Alfred O r e 1. Besonders ausführlich und genau sind die Lebens- und Werkdaten am Ende des Bandes. — Elisabeth S o f f 6, die Verfasserin des Mozartromans „Das Herz adelt den Menschen" Wiener Volksbuchverlag hat vor Beginn ihres verantwortungsvollen Vorhabens, ein neues Mozartbild zu zeichnen, gründliche biographische und kulturhistorische Studien angestellt. Sehr lebendig und anschaulich gelingt ihr das Bild der Zeit und Umwelt des Künstlers. Die menschliche Person Mozarts freilich entzieht sich der Festlegung und Umschreibung durch Anekdoten und biographische Details. Vielleicht daß Physiognomik und Tiefenpsychologie hier zu einem positiveren Ergebnis führen könnten. Einige Derbheiten im Ausdruck sind zwar authentisch. Sie entstammen unter anderem dem Briefwechsel Mozarts mit seiner Augsburger Cousine sowie mit Aloysia und Konstanze Weber, von welchem eine gefällig ausgestattete Auswahl im Mirabell- Verlag erschienen ist. Im Rahmen eines ernstzunehmenden Lebensbildes aber hätte man auf sie verzichten können. Das mit 16 Bildtafeln versehene Buch ist sauber und gefällig ausgestattet. — Der neue- C h o p i n - R o m a n von Erich Körnigen „Musik aus den Sternen“, Querschnitt-Verlag, Graz zeigt die ganze Schwierigkeit und Problematik der Gattung biographie romancee. Von der Atmosphäre der Pariser Salons um’ 1840, von der polnischen Heimat, ja von der Klangfarbe Chopinscher Musik ist manches auf diesen Seiten eingefangen. Aber es wird zuviel und zu überschwänglich-sentimental in dem Buche geredet, und es ist schwer zu entscheiden, was davon auf Rechnung der dargestellten Zeit oder des Autors geht.

Europa-Archiv. Herausgegeben von W. Cor- ni d e s. Verlag für Geschichte und Politik, Wien.

Die Geschichte unserer Zeit ist gekennzeichnet durch die enge interkontinentale Verknüpfung der Geschehnisse und Probleme auf allen Schauplätzen unserer kleingewordenen Erde. Diese Verbindung, die heute nicht allein dem Staatsmann oder dem Historiker, sondern längst jedem interessierten Menschen bewußt geworden ist, macht das Zeitgeschehen aber keineswegs leichter, sondern im Gegenteil nur noch schwerer übersehbar. Aus der Kompliziertheit des zeitgenössischen Dramas entsteht bei jedem Miterleidenden, der sich zum bewußt Miterlebenden aufschwingen will, das Bedürfnis nach Orientierung, nach Übersicht und Gliederung des schier unermeßlichen, täglich auf unser beschränktes Aufnahmsvermögen einstürmenden Materials. Aus dem Bedürfnis nach einer Übersicht ist eine neue Form der zeitgeschichtlichen Publikation entstanden, ein die Zeitereignisse be- gleitendes Archiv, das durch die laufende Ordnung und Zusammenstellung zum Verständnis des Zeitgeschehens führen will, das „Europa. Archiv“. Die bisher vorliegenden Hefte zeichnen sich durch gewissenhafte Arbeit aus. Entsprechend der Verknüpfung aller Weltfragen beschränkt sich das Archiv keineswegs auf Europa allein, sondern behandelt alle weltpolitisch und weltwirtschaftlich wichtigen Fragen so unter anderem „Der Hohe Norden im politischen Weltbild der Gegenwart“, „Die Entwicklung der Ministerien in Rußland“, „Die Palästinafrage vor den Vereinten Nationen“. Von besonderem Wert sind die zuverlässigen Zusammenstellungen über verschiedene Gebiete des kulturellen Lebens mit ausgedehnten Litera- turangaben. Freimaurerlogen. Die verschiedenen Systeme und ähnlichen Organisationen. Von K. B r o d- b e c k. Verlag Paul Haupt, Bern 1948.

Der Verfasser, der sich als „langjähriges Mitglied des Illuminatenordens und Stuhlmeister der Loge zur Gralsburg des Freimaurerordens Le Droit Humain“ einführt, warnt gleich im Vorwort jeden, der sich einer Loge anschließen will, er dürfe vor Enttäuschungen nicht zurückschrecken, und schließt seine Arbeit im Nachwort mit der Feststellung: „Die Freimaurerei hat ihre Blütezeit hinter sich. Ihre Bedeutung ist stark zurückgegangen. In der Loge ist heute vieles anders, als es nach den Satzungen sein sollte. Für viele Mitglieder ist sie nur ein Ge- selligkeitsklub, aus dem man aus Bequemlichkeit nicht austritt. Viele Brüder raten ihren Söhnen ab, dem Bunde beizutreten.“ Man möchte also fast glauben, daß es sich um eines der vielen Schriftchen gegen die Freimaurerei handle, doch ist diese Haltung nur ein Ergebnis übergroßer Objektivität des Verfassers, der, von der Erklärung des Wesens der Freimaurerei ausgehend, ihre Geschichte, die Organisation, die Symbole und die verschiedenen Systeme kurz darstellt. Bei den freimaurerähnlichen Organisationen nennt er sogar die Johanniter, die Tempelritter und den Deutschen Ritterorden! Das Schriftehen ist speziell für die Schweiz berechnet, da es besonders die Vereinigungen in der Schweiz aufzählt.

Vor gotischen Flügelaltären. Von Leopold Schmidt. Wiener Verlag.

Es ‘lag nicht in der Absicht des Verfassers, eine methodische Übersicht über die Entwicklung der Retabel- und Schreinaltäre des deut- sehen Mittelalters zu geben. Er will nur sein’ Selbstgespräche, zu denen er sich vor verschiedenen Objekten dieser Gattung angeregt fühlt, einem weiteren Kreise vermitteln und er tut dies mit viel Geschick und Wärme d’er Empfindung. Beachtenswert ist die Feststellung, daß im protestantischen Norden sich ein größerer Bestand an Flügelaltären erhalten hat, als im katholischen Süden, wo die Begeisterung für den Barock schwere Verluste an mittelalterlicher Kunst zur Folge hatte. Die Ableitung vom Reliquienschrein und der Zusammenhang mit den Weihnachtsdarstellungen in Predellen ist richtig erkannt. Es fehlen auch nicht gelegentliche Einblicke in den Problembereich der Volkskunde, also in das eigentliche Forschungsgebiet des Verfassers. Die beigegebenen Abbildungen sind mit wenigen Ausnahmen unbefriedigend, selbst wenn die großen Schwierigkeiten, denen solche Aufnahmen meist begegnen, mit in Betracht gezogen werden.

Wortes ist durchaus kein Mittel zu einer sittlichen Besserung im Gehorsam gegen den geoffenharten Willen des persönlichen Gottes, sondern lediglich eine „Erkenntnis des uns innewohnenden Gottes“.

Sosehr Raja-Yoga wegen seines pantheistischen Zieles abzulehnen ist, so soll er doch auch nicht mit Fakirismus verwechselt werden. Ein Yogi ist kein Fakir. Der echte indische Tempelfakir ist in der Regel einer Pagode zu geteilt und steht dort unter ständiger Überwachung durch seinen Guru = geistigen Lehrer, einen Tempelbrah- manen, welcher in den meisten Fällen ein Raja-Yogi ist, den vornehmsten Kasten angehört und für die Außenwelt fast unzugänglich ist. Er vermittelt dem Fakir durch Handauflegung jene magnetische Stärkung, durch die dieser seine „Wunder“ wirkt. Der Fakir ist somit eine Art Tempelmedium, das unter dem direkten Einfluß eines brahmanischen Tempelmagiers steht. Deshalb geschieht es häufig, daß der Fakir nach dem Tode seines Guru plötzlich alle seine geheimnisvollen Kräfte einbüßt. Auf europäische Verhältnisse übertragen, ist der Yogi nur ein Nachahmer im Geiste und das kein allzu glücklicher. Denn niemals wird der arische Yogi dem indischen auch nur einigermaßen gleichkommen können, und alle importierte Geistigkeit wird früher oder später leerer Manierismus. Auch ist, was in Indien sozusagen naturgewachsene Mentalität ist, hierzulande zur antichrist- l’chen Lebensanschauung mißbraucht worden: alle europä-Ischen Yogisysteme sind mehr oder weniger ein trotziger Religionsersatz und tragen somit den Keim des Verfalls in sich selbst. Die geistigen Elemente der Lehre treten sehr schnell in den Hintergrund und zurückbleibt die künstlerisch oft sehr wertvolle, aber sittlich-religiös völlig wertlose eurhythmische Leistung, ein bißchen Antinikotin-, Antialkoholismus und Vegetarismus und ein gewisser Hang zur Exklusivität. Diejenigen Yogasysteme aber, die im Gegensatz zum Raja-Yoga den Akzent mehr auf die körperliche Ertüchtigung legen, wie zum Beispiel der Hatha-Yoga,’ entarten oft nur zu leicht zu einem verzerrten Asketen- tum, das sehr gefährliche gesundheitsschädliche Übungen vorschreibt — wie zum Beispiel die für einen Europäer sehr schweren Atemübungen mit langen Atemstauungen, vor denen nicht genug gewarnt werden kann.

Immer ist es ein strenger Weg der Askese, der im Yoga vorgeschrieben wird; oberflächliche Beurteiler können daher leicht zu der irrtümlichen Meinung gelangen, daß es so manche Berührungspunkte zwischen yogistischer und christlicher Askese geben müsse. Dem ist aber nicht so. Zwischen beiden steht absolut trennend Ziel und Motiv, relativ trennend die Methode. Dem Christen, der Askese übt, ist diese das große Mittel zum höchsten Ziel, zum persönlichen Gott, dessen Heiligkeit auch vom Menschen Heiligkeit fordert; dem Yogi- anhängeristAskeseSelbstzweck. Er übt sie zwar auch um der „Vollendung"

willen, aber diese zielt nicht auf Gott, auf das Objekt außer ihm, sondern auf das. eigene „Gottmenschentum“, auf das Subjekt, das er selbst ist. Christliche Askese ist theozentrisch, yogisti- sche Askese homo-, beziehungsweise egozentrisch. Yogistische und christliche Askesemethoden aber unterscheiden sich voneinander durch die Eigenwilligkeit und Exklusivität, durch die Neigung zu Fanatismus und Überspannung der Kräfte bei ersteren und durch Hinordnung des menschlichen Willens auf den göttlichen, durch heiliges Maß und Ruhe bei letzteren. Eine echte christliche Askese ist immer natürlich, niemals verzerrt, niemals aufdringlich oder vehement und liebt vor allem das verborgene heilige Tun, trägt sich nicht zur Schau, sondern geht ihre stillen und sicheren Wege geradewegs auf Gott zu, ohne sich bei den überflüssigen Dingen der Welt aufzuhalten. Nur zu leicht aber verleitet yogistische Askese zur Absonderlichkeit und zu extremistischen Haltungen, in denen sie erstarrt. Eine Weile wird sie mit Eifer aufgenommen und praktiziert, da ihr aber der gültige sittliche Hintergrund vollkommen fehlt — nämlich das Gebot Gottes, dem sie von seiner einfachen Beobachtung an bis zur Höhe der Heiligkeit gehorchen könnte und sollte —, fehlt ihr auch die innere Harmonie, die ihrer Übung Dauer verleihen würde. Diese kommt allein vom Ziel her, das der Methode das rechte Motiv setzt. Das christliche Motiv aber ist die Liebe zum göttlichen Du. Und diese Liebe allein ist Leben, das Leben.

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