6633027-1956_49_11.jpg
Digital In Arbeit

„Zwischenbilanz“

Werbung
Werbung
Werbung

Vor einigen Monaten, kurz vor Ausbruch der Suezkanalkrise, erschien aus der Feder des nicht unbekannten englischen Biographen Lewis B r o a d eine Darstellung der politischen Laufbahn Sir Anthony Edens; seines Wirkens als Abgeordneter, Unterstaatssekretär, Chef des Foreign Office und anderer Ressorts und schließlich als Nachfolget Winstpn Churchills an der Spitze der Regierung*. Diese-Zwischenbilanz, wie der Autor sie nennt weist als letzten.

besuch Bulganins und Chruschtschows in London, der über Edens Initiative und persönliche Einlädung erfolgte und von ihm als reich an „ermutigenden Fortschritten auf einer ganzen Reihe von Gebieten“ und als Beitrag zur Erhöhung der Weltsicherheit verbucht wurde. Dem Buch vorangestellt ist ein Vorwort, in dem sich Broad indirekt dafür entschuldigt, daß er es unternahm, eine Biographie des derzeitigen britischen Premiers noch zu dessen Lebzeiten zu veröffentlichen. „Ein Autor“, so schreibt, er, „der seine ungeschminkte Meinung über die markantesten Figuren seiner Zeit äußert, solange sie noch im öffentlichen Leben stehen, muß schon über ein gewisses Maß an Taktlosigkeit verfügen ...“ Nun ist Taktlosigkeit gegenüber seinem Helden allerdings das Letzte, was man diesem Autor vorhalten könnte. Eher verdient er, den Vorwurf, daß er uns an Stelle

• der verheißenen „ungeschminkten Zwischenbilanz“ einen Panegyrikus geliefert hat, der den

; objektiv abwägenden Vergleich positiver und ' negativer Momente vermissen läßt und keine Antwort auf entscheidende Fragen gibt, die der von Anthony Eden gesteuerte Kurs aufgeworfen hat.

Schon vor 33 Jahren, bei seinem ersten Gehversuch auf der politischen Bühne als Parlamentskandidat der Konservativen Partei, hatte sich „der schöne Anthony“, wie man ihn damals nannte, durch seine äußere Erscheinung, sein gewandtes, selbstsicheres, dabei bescheidenes Auftreten und sein gewinnendes Wesen die ' Sympathien weitester Kreise erworben. Seine auch von politischen Gegnern unbestrittene Popularität wurde bald zu einem Kapital, das sich für seinen weiteren Aufstieg als ungemein wertvoll erweisen sollte. Aber das eigentliche und jahrzehntelang unerschüttert gebliebene Fundament seines Rufes als Diplomat und Staatsmann ungewöhnlichen Formats bildete sich in den Jahren 1935 bis 1938. In seinen langen und zähen Bemühungen, die imperialistischen Aspirationen Mussolinis zu durchkreuzen, in seinem als Protest gegen die „Appeasement“-Politik Chamberlains erscheinenden Austritt aus der Regierung, in seinen heftigen Anklagen gegen die „Männer von München“, sah man ebenso viele unzweifelhafte Beweise seines staatsmännischen Weitblicks, seiner Charakterstärke und Entschlossenheit, seines bedingungslosen Festhaltens an den Geboten einer strengen Ethik auch im zwischenstaatlichen Leben. Und doch hätte sich gerade in jenen Jahren schon aus einer näheren Untersuchung seiner politischen Handlungen und ihrer Motive die Frage ergeben, ob denn das große Vertrauen, das die englische Öffentlichkeit in die Staatskunst und die Prinzipientreue ihres Lieblingspolitikers setzte, auch hinlänglich begründet war.

Als Eden im Juni 193 5 im Zuge der Umbildung des Kabinetts Baldwin mit dem neugeschaffenen Amt eines Ministers für Völkerbundangelegenheiten betraut wurde, hielten alle, die an die Genfer Liga als ein Bollwerk des Friedens glaubten — und dazu zählte damals sicherlich die große Mehrheit der britischen Bevölkerung —, diese Wahl für die beste, die überhaupt getroffen werden konnte. Der junge Minister war ein überzeugter Anhänger des Völkerbundes, dessen Prinzip der kollektiven Sicherheit er seit langem mit größtem Eifer vertreten hatte — im Laufe seiner mehrjährigen Tätigkeit als Delegierter bei der Liga hatte er das Genfer Getriebe gründlich kennen gelernt —, und, was weiter für ihn sprach, er war, im Gegensatz zu den meisten seiner Amtskollegen, mit fast allen wichtigen Akteuren auf der Bühne der Weltpolitik persönlich zusammengekommen. Gerade letzteres allerdings war ein Umstand, der sich für den weiteren Verlauf der Dinge keineswegs als günstig erweisen sollte.

Schon im Februar 1934, also ein volles Jahr nach dem nationalsozialistischen Umsturz, hatte Eden, damals Unterstaatssekretär im Foreign Office, der deutschen Hauptstadt einen Besuch abgestattet, um durch Beobachtungen an Ort und Stelle ein Bild von der Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, daß das „erwachte“ Deutschland sich als eine Stütze des Weltfriedens bewähren würde. Auch wenn er, wie so viele seiner Landsleute, die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Machtübernahme und die seitherige Entwicklung mit äußerstem Wohlwollen interpretierte, so hätte er aus seiner Unterredung mit Hitler, der ihm über den ersten Abschnitt seines militärischen Forderungsprogramms — Kräfteparität der Reichswehr und des französischen Heeres — sehr deutliche Auskunft gab, bereits erkennen müssen, was von dieser Seite zu erwarten war. Von einer solchen Einsicht war er aber noch weit entfernt. Zwar sprach auch er sich jetzt für eine Verstärkung der britischen Rüstungen aus, aber mindestens ebenso wichtig war es ihm, das „ewige Mißtrauen“ der Franzosen, durch das Hitler nur gereizt werden könne, zu überwinden und ihre Aufmerksamkeit von den etwaigen Absichten des neuen deutschen Regimes auf die nächstliegenden und umfassenden Aufgaben der kollektiven Friedenssicherung durch die Apparatur des Völkerbundes zu lenken. An diesem Konzept hielt er auch dann noch fest, als ein Jahr später die rüstungsbeschränkenden Klauseln des Versailler* Vertrags offiziell zerrissen waren und er bei einem neuerlichen Besuch in Berlin, in Begleitung des Außenministers Sir Johrr Simon, aus dem Munde des „Führers“ selbst hören konnte, daß dieser nicht daran dachte, auf die Rückgewinnung der früheren deutschen Kolonien und die Eingliederung Oesterreichs in das neue deutsche Reich zu verzichten. Sei es, daß er die vitale Bedeutung der österreichischen Unabhängigkeit überhaupt nicht erfaßte, oder daß er Hitlers Drohungen nicht ernst nahm, jedenfalls war er zu diesem Zeitpunkt schon vorwiegend mit der Frage beschäftigt, auf welchem Wege Mussolinis offenkundig gewordene afrikanische Aspirationen am sichersten zu durchkreuzen wären; im Rahmen des Völkerbundes natürlich, der nach Edens Idee in der Verteidigung Abessiniens gegen den italienischen Zugriff seine erste große Bewährungsprobe ablegen sollte.

Im Rahmen des Völkerbundes — das konnte, falls der „Duce“ diplomatischen Vorstellungen unzugänglich blieb, praktisch nur so viel heißen, wie eine gemeinsame militärische Aktion der beiden einzigen Mitgliedstaaten der Genfer Liga, die für einen bewaffneten Einsatz in Frage kamen, also Großbritanniens und Frankreichs; oder, falls Frankreich, wie es dann tatsächlich geschah, sich weigerte, mitzutun, eine Aktion Großbritanniens allein, das heißt ein Aufmarsch der britischen Flotte, die durchaus stark genug war, durch eine Blockade der Koste von

Erythrea die Durchführung des italienischen Angriffsplanes unmöglich zu machen. Daß die schwächliche Regierung Baldwin sich, entgegen der. damals in der englischen Oeffentlichkeit vorherrschenden Stimmung, p& einem solchen Eingreifen nicht entschließen konnte, war nicht Edens Schuld; sein Versagen lag vielmehr darin, daß er es nicht verstand, die einzig mögliche Konsequenz aus der nun einmal gegebenen Situation zu ziehen. Statt sich mit seinem ganzen Einfluß und dem Gewicht seines kurz vor Weihnachten 1955 übernommenen Amtes als Außenminister für die Aufnahme von Verhandlungen einzusetzen, mit dem Ziele einer möglichst baldigen Beendigung des Blutvergießens in Abessinien, vertrat er mit aller Hartnäckigkeit den Standpunkt, daß es gelingen müsse, Mussolini durch wirtschaftliche Sanktionen in die Knie zu zwingen; und von der Weiterführung dieser schon zu Beginn als völlig wirkungslos erkennbaren Sanktionspolitik wollte er sich selbst dann nicht abbringen lassen, als der letzte, verzweifelte Widerstand der Abessinier längst zusammengebrochen war. Es hat lange gedauert, bis der für dieses politische Meisterstück Verantwortliche einzusehen begann, daß er nur zwei Dinge erreicht hatte; die Untauglichkeit des Völkerbundes als kriegsverhinderndes Instrument war vor aller Welt demonstriert; und, was noch weit verhängnisvoller war, Mussolinis nun endgültig gewordener Bruch mit dem Westen und sein Bündnis mit Hitler.

In seiner Behandlung des Abessinienproblems hatte E4en nicht nur einen erstaunlichen Mangel an politischem Weitblick gezeigt; er hatte sich auch als ungewöhnlich beeinflußbar durch persönliche Momente erwiesen. Für Diktatoren empfand er, als überzeugter Demokrat, von vorneherein wenig Sympathien, aber es gab da für ihn persönlich bedingte Abstufungen. Hitler machte ihm, soviel man weiß, die beiden ersten Male, daß er ihn traf, keinen besonders schlechten Eindruck, und mit Stalin, den er im Frühjahr 1935 besuchte, sprach er sich nach seinen eigenen Erklärungen sogar ausnehmend gut; aber über den „Duce“ fällte er schon nach seinem ersten Gespräch im Palazzo Venezia ein vernichtendes Urteil. Mussolini war für ihn kein Gentleman, und damit war der Stab gebrochen. An beides, an Edens mangelnder Einsicht in die Folgen und Auswirkungen seines politischen Handelns und seine Beeinflußbarkeit durch persönliche Gefühle wird man jetzt angesichts der Ereignisse um den Suezkanal erinnert. Noch ist es zu früh, die Schlußbilanz der Edenschen Aktion — diesmal einer anglo-französischen Aktion, wie der jetzige britische Premier sie sich vor 21 Jahren erträumte — zu ziehen, aber die Parallele zwischen damals und beute ist naheliegend. Erscheint nicht etwa Oberst Nasser in Edens Gefühlswelt irgendwie als Rein-karnation Mussolinis, der so bedauerlicherweise „kein Gentleman“ war? Und könnte nicht wieder, so wie damals als Folge der Edenschen Politik, eine „Achse“ im Entstehen sein, aber nun mit dem einen Pol im arabischen Raum und dem anderen sehr weit im Osten? Das sind Erwägungen, die nachdenklich stimmen müssen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung