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Außenpolitik durch Opportunismus?

Nach dem fast totalen Zusammenbruch eines organisierten militärischen Widerstandes in Südostasien ist es an der Zeit, die psychologische Haltung der amerikanischen Öffentlichkeit zu analysieren, denn nur so eine Analyse kann Klarheit über die amerikanische Außenpolitik der. Zut kunft. schaffen. In einer Zeit, in der das öffentliche Leben der Vereinigten Staaten immer weniger von starken Persönlichkeiten beeinflußt wird, gewinnt die allgemeine Stimmung an Bedeutung, weil Durchschnittspolitiker sich immer mehr auf das Pulsfühlen der Meinungs-befrager verlassen, statt auf eigene Initiativen.

Wie nach jedem großen Krieg, fließt die amerikanische Seele momentan über in dem Bestreben, das menschliche Leiden in Südostasien zu lindern. Tausende südvietnamesische Babies werden adoptiert und nach den USA geflogen, wo sie von strahlenden Eltern sogleich mit den Segnungen amerikanischer Kultur von Disney bis Coca-Cola konfrontiert werden. Ob diese Babies in späteren Jahren für ihre Verpflanzung dankbar sein werden, wenn sie erst einmal ein neues „Minderheitenproblem“ darstellen, bleibe dahingestellt. Daneben laufen Bestrebungen, eine neue UNRRA-Hilfe ins Leben zu rufen, wobei die liberalen Elemente diese humanitäre Hilfe nicht bloß den noch auf freiem südvietnamesischen Boden befindlichen Flüchtlingen ange-deihen lassen wollen, sondern auch den schon überrollten. Am liebsten möchte man die im Vorjahr schon zweckgebundenen Gelder für Militärhilfe heuer für humanitäre Zwecke verwenden, während die Aussichten auf ein zusätzliches militärisches Hilfsprogramm, das Präsident Ford vom Kongreß bereits vor Monaten forderte und dessen Nichterfüllung Präsident Thieu mit veranlaßt haben soll, die nördlichen Provinzen aufzugeben, auf Null gesunken sind. Am liebsten möchte man Saigon und das Delta auch noch aufgeben, wenn man dafür eine Art von humaner kommunistischer Koalitionsregierung einhandeln könnte, die nicht außerdem ständig an die erste militärische Niederlage einer amerikanischen Armee erinnern würde. Daß dieser Wasserfall humanitären Mitgefühls, gespeist von herzerschütternden Bildern vom Flüchtlingselend im Fernsehen und in den Zeitungen nichts als ein Alibi ist für eine aus dem Bewußtsein verdrängte und nicht verdaute politische und militärische Niederlage, wagten sich noch wenige einzugestehen. Vielmehr glauben liberale Interpreten darin etwas wie Schamgefühl darüber zu entdecken, daß man ein Volk, das sowieso reif für eine marxistische Lösung war, in den sinnlosen Widerstand gedrängt habe.

Interessant ist das fast völlige Ausbleiben jeglichen Gefühls der Entrüstung über die Nordvietnamesen, die ja ihren Sieg in erster Linie dem bereits zur Praxis gewordenen Bruch internationaler Abkommen verdanken — diesmal des Pariser Vertrags, indem sie neue Divisionen einsetzten, während die Südvietnamesen mangels Unterstützung durch den amerikanischen Kongreß nicht einmal den ihnen im Vertrag zugestandenen Materialersatz „Stück für Stück“ erhalten konnten. Aber man gibt eben nicht gerne zu, daß man betrogen und hinters Licht geführt wurde — zum wievielten Mal? Da verkriecht man sich schon eher hinter dem Gefühl der Aussichtslosigkeit des ganzen Unternehmens von Anbeginn. Es ist schon so, wie es Spengler im „Untergang des Abendlandes“ dargestellt hat; man fügt sich sozusagen einer Ubermacht und übersieht dabei, daß man selbst diese Übermacht erst schafft und ihr zum Sieg verhilft. Da überdies der Begriff „Aussichtslosigkeit“ von den liberalen Medien formuliert und verbreitet wurde, dürfte sich eine Art von außenpolitischem Opportunismus entwickeln, der amerikanische Interessen nur an solche Situationen bindet, die erfolgreich sind und Hilfe jenen vorenthält, die auf die Verliererebene geraten. Caveat Israel, caveat Europa!

Was die innenpolitische Behandlung des für die USA bereits abgeschriebenen Südostasien betrifft, so ist die Regierung geteilter Auffassung. Präsident Ford schwankt zwischen einer Politik der Beschuldigung des Kongresses, dessen Nicht-handeln die Moral Südvietnams sicherlich wesentlich untergraben hat, und dem Verlangen anderer Mitglieder der Regierung, niemanden zu beschuldigen und sich ganz in die Humanität zu flüchten. Das wäre politisch sicherlich populär, würde aber auch bedeuten, daß der Präsident aus diesem Debakel nicht einmal das retten kann, was für die Zukunft essentiell ist: nämlich eine Stärkung seiner Position in außenpolitischen Belangen. Niemanden beschuldigen, hieße nicht bloß für die Republikanische Partei, Mitverantwortung an Vietnam zu tragen, obwohl sich ein republikanischer Präsident (Eisenhower) geweigert hatte, sich dort zu engagieren und ein anderer (Nixon) die militärische amerikanische Beteiligung an jenem Krieg beendet hat.

Es ist aber auch keinerlei Anzeichen dafür vorhanden, daß die Sowjetunion für die Niederlage in Südostasien verantwortlich zu machen wäre, obwohl ja irgend woher die gewaltigen Lieferungen neuesten Materials gekommen sein müssen. In Hanoi können sie doch wohl nicht entstanden sein. Es ist also kaum anzunehmen, daß die Detente in Gefahr ist. Jedenfalls nicht im Rahmen einer Neubewertung der amerikanischen Außenpolitik. Dagegen wird die Tendenz zum Isolationismus immer ausgeprägter. Verstärkt werden Anstrengungen, die Einrichtungen der Demokratie zu säubern und von den Schlacken der imperialistischen Zeit zu befreien, verstärkt auch die Bemühungen, die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Solange aber niemand den Amerikanern klar macht, daß ihre Weltposition auch einen direkten Einfluß auf ihren Lebensstandard hat, wird eben niemand in außenpolitischen Verpflichtungen mehr als bloß eine überflüssige Extraausgabe innerer Kraft sehen, auf die man verzichten sollte, wenn diese Kraft, wie im Augenblick, rückläufig ist. Solange im Lande 9 Prozent der Arbeitsfähigen arbeitslos sind, ist für Außenpolitik und Operbereitschaft kein Interesse vorhanden, Probleme des Mittleren Ostens, weil hier die Energiequellen liegen und weil ein erheblicher Teil der US-Bevölkerung noch starke proisraelische Sympathien empfindet. Auch für Europa lassen sich starke menschliche Bindungen mobilisieren. Wie weit sie allerdings gehen und wie tief sie verankert sind, ist nicht leicht zu ergründen. Legt man den wachsenden Hang zum Opportunismus den außenpolitischen Bindungen zugrunde, so hat die Schwächung der NATO durch die Auflösungserscheinungen von Portugal bis zur Türkei sicherlich auch eine Schwächung der amerikanischen Engagementbereitschaft mit sich gebracht.

Ernstlich gefährdet durch die jetzige Stimmung sind jedoch Länder wie Südkorea, wo noch immer 40.000 Mann amerikanischer Truppen stehen und das in der Person seines Präsidenten Park einen ähnlichen Kristallisationspunkt liberaler amerikanischer Abneigung besitzt wie Saigon mit Präsident Thieu. Ernstlich gefährdet sind ferner Thailand und Burma, denn wenn man einmal die militärischen Zentren verloren hat, wird man nicht die peripheren Positionen halten wollen.

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