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Feuilleton

Die digitale Boheme und ihr Sinn für Gemeinschaft

1945 1960 1980 2000 2020

"Co-Working-Spaces" boomen mittlerweile auch in Wien. Aber wer nutzt sie eigentlich? Und was haben die hippen Großraumbüros mit deregulierten Arbeitsverhältnissen zu tun?

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"Co-Working-Spaces" boomen mittlerweile auch in Wien. Aber wer nutzt sie eigentlich? Und was haben die hippen Großraumbüros mit deregulierten Arbeitsverhältnissen zu tun?

"Raus aus der Küche. Rein ins Leben" - mit diesem Slogan werden die Besucher des Co-Working-Büros "MEINS 01" im Eingangsbereich begrüßt. Das Metallschild im Industrieschick, auf dem der Spruch geprägt ist, passt perfekt zum restlichen Interieur. Die Wände sind mit Strukturtapeten beklebt und mit gerahmten Vintage-Postkarten oder Retro-Plakaten dekoriert. An einem Fensterbrett lehnt ein Citybike in grau-pink. Geschäftsführer Manfred Vodrazka erklärt: "Jeder, der hier arbeitet, darf es benutzen."

2015 hatte der Wiener die 300 Quadratmeter große Bürofläche, verteilt auf zwei Etagen, von seinem verstorbenen Freund übernommen, der in dem Gründerzeithaus das Unternehmen ursprünglich gestartet hatte. "Davor war hier ein Studio für koreanischen Kampfsport", erzählt Vodrazka.

Großstadtphänomen

Asiatische Kampfkunst und Co-Spacing haben tatsächlich mehr gemeinsam, als man gemeinhin denkt. In beiden Konzepten geht es um das Gefühl von Gemeinschaft, das den Einzelnen in seinen Fähigkeiten stärken soll. Der Leitgedanke von Shared Offices war zunächst, Freischaffende und Jungunternehmer von der Einsamkeit und Isolation des heimischen Schreibtisches zu befreien. Ein Raum wurde geschaffen, in dem sich Gleichgesinnte austauschen und vernetzen können. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um ähnliche Branchen handelt oder nicht. Laut Vodrazka hätte die Erfahrung sogar gezeigt, dass unterschiedliche Geschäftszweige wertvolle Synergie-Effekte auslösen können.

Ab 270 Euro (exklusive Mehrwertsteuer) und einmonatiger Kündigungsfrist gibt es bei "MEINS 01" einen fixen Schreibtisch in einem der Gemeinschafts-oder Einzelbüros. Ein Chip ermöglicht den Mieterinnen und Mietern rund um die Uhr Zutritt. Die Kosten richten sich nach der jeweiligen Größe des Arbeitsbereiches. Für einen Platz am Fenster muss mehr gezahlt werden, als für einen mit weniger Tageslicht.

Gemeinschaftlich geteilt werden dagegen Küche, Toiletten, Meeting-Raum und die räumlich und akustisch abgetrennte Telefon-Nische, die bei längeren Gesprächen genutzt wird. Zweimal die Woche kommt eine Reinigungskraft.

So hat hier etwa die Salzburger Firma "hotelkid" zwei Arbeitsplätze für ihre Niederlassung in Wien gebucht. Tina Seitner, eine der Mitarbeiterinnen: "Ich bin seit drei Jahren bei 'MEINS 01'. Früher habe ich meine Arbeit im Homeoffice erledigt. Irgendwann ist mir die Decke auf den Kopf gefallen." Jetzt, so sagt sie, hätte sie Mitstreiter, mit denen sie sich zwischendurch austauschen könne.

Ähnlich empfindet das der selbstständige Webentwickler und Content-Marketing Experte Eberhard Lauth (44): "Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Arbeit zurücklassen kann. Den habe ich hier gefunden".

Wie seine Bürokollegin schätzt auch Lauth den Kontakt zwischen den Mietern untereinander und das Gefühl von Gemeinschaft, das dadurch entsteht. "Gleichzeitig werde ich nicht gezwungen, eine Firmenkultur mitzutragen, sondern bleibe mein eigener Chef", sagt er.

Co-Working ist bereits seit Jahren ein internationaler Trend, der sich nun auch in Österreich durchgesetzt hat. Da es sich dabei um ein klassisches Großstadt-Phänomen handelt, sind die meisten Angebote erwartungsgemäß in Wien zu finden. Die Pioniere der heimischen Szene heißen Michael Pöll und Stefan Leitner-Sidl, die 2002 die "Schraubenfabrik" im zweiten Bezirk und später den "Rochuspark" im Dritten eröffnet haben.

Wie viele dieser Offices es in Österreich genau gibt, wird laut Sabine Wall von der Statistik Austria noch nicht erhoben. Eine Sprecherin der "JW"(Junge Wirtschaft) weiß: "Aktuell kommen fast monatlich neue Spaces hinzu. Von EPUs, Start-ups bis hin zu Teams aus Unternehmen -sie alle nutzen verstärkt diese Möglichkeit."

Tatsächlich wurden die Sharing-Angebote zunächst nur von Einzelkämpfern - Kreative, Start-ups -genutzt. Mittlerweile zeigen Firmen aus unterschiedlichsten Branchen Interesse. Vor allem kleinere Unternehmen verzichten zunehmend darauf, sich eigene Büroflächen anzumieten. Stattdessen teilen sie die Infrastruktur mit anderen.

Zwischen Freiheit und Ausbeutung

Für die Arbeitssoziologin Carina Altreiter sind Co-Working-Spaces vor allem Ausdruck einer gesellschaftlichen Wirklichkeit der gut gebildeten, weißen Mittelschicht, die sich dort zusammenfindet (siehe auch Interview Seite 5). Die Forscherin der Uni Wien sieht die Entwicklung kritisch: "Das Perfide an dem System ist, dass es einerseits einem bestimmten Lifestyle entspricht und durchaus individuelle Ansprüche auf Unabhängigkeit oder Netzwerkmöglichkeit erfüllt. Gleichzeitig wird aber eine Grundlage für gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnisse geschaffen, die auf den ersten Blick schwer erkennbar ist."

Altreiter begründet ihre These damit, dass sich gerade in "Shared Offices" Beschäftigungsverhältnisse bündeln, die kaum eine dauerhafte Existenzsicherung ermöglichen. So hätte die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse Angestellte bestimmter Branchen (Werbeagenturen, Medien, Architektur) in die Solo-Selbstständigkeit getrieben oder sie müssten sich mit Werkverträgen durchschlagen. "Um nicht allein zu sein oder soziale Kontakte zu haben, mieten sich viele der Betroffenen dann in einem Co-Space ein", sagt die Soziologin.

Neuer Schauplatz: Das ehemalige Telegrafenamt in Wien-Mariahilf - nur einen Katzensprung vom berühmten Naschmarkt entfernt. Ein edles Firmenschild in Gold verziert die Eingangstür von "Telegraf7.works". Tobias Leodolter, einer der Gründer des Start-ups "Rendity" - eine Crowdinvesting-Plattform für Immobilienprojekte -führt durch das 250 Quadratmeter große Büro.

Arbeitsplatz via App

Eine Event-Agentur, eine Baufirma und der Digitalisierungs-Dienstleister "Ceyond" haben sich samt Belegschaft hier eingemietet. Die vier Einzelarbeitsplätze nutzen selbstständige Webdesigner und Grafiker. Neben den üblichen Gemeinschaftsräumen gibt es exklusiv für die Office-Mitglieder ein Fitnessstudio und eine Dachterrasse mit Blick über Wien. Ab 290 Euro netto im Monat kann man sich hier an einem der Tische ausbreiten -allerdings nur, wenn man sich auch mindestens 12 Monate vertraglich bindet.

2017 hatte Leodolter gemeinsam mit seinen Kompagnons Lukas Müller und Paul Brezina die Idee, in dem historischen Gebäude eine Bürogemeinschaft zu gründen. "Anfangs steckten ausschließlich wirtschaftliche Gründe dahinter", sagt der 29-jährige Jurist. "Wir haben nicht so viel Platz gebraucht, also lag es nahe, die Infrastruktur und damit die Miete mit anderen zu teilen." Nach und nach stellte sich aber heraus, dass sich Vermieter und Mieter auch in ihrer Arbeit unterstützen können.

"Mit uns sitzen bei Telegraf7.works noch 16 andere Leute. Mit vier haben wir bereits erfolgreiche Projekte umgesetzt", erzählt Stephan Holzbach, der Digital-Marketing-Experte von "Rendity", nicht ohne Stolz. Bewährt hätte sich zudem die Dachterrasse für gemeinsame Abendveranstaltungen.

Auch Bauingenieurin Sandra Ulrich spürt die positive Wirkung, die die Beschäftigten aus unterschiedlichen Branchen aufeinander ausüben. Sie arbeitet für das Hamburger Infrastrukturberatungsbüro "Arndt idc", das seine Wiener Zweigniederlassung im Co-Working-Büro des ehemaligen Telegrafenamtes eingerichtet hat. Allerdings ist die Angestellte überzeugt: "Das klappt nur so gut, weil wir alle im weitesten Sinne mit modernen Themen zu tun haben."

Die Sharing-Konzepte von "MEINS 01" und "Telegraph7.works" sind nur zwei von vielen in der heterogenen Co-Working-Welt. Es gibt Offices im Stil von Coffee-Shops, in denen Arbeitsplätze via App vermietet werden. Verrechnet wird im Minutentakt. Einige Anbieter haben sich auf Geschäftsreisende spezialisiert, die nur tageweise einen Arbeitsplatz benötigen. Und dann gibt es noch die Giganten, die ihre Bürogebäude als Erlebniszonen konstruieren. Meist handelt es sich dabei um Anbieter, die bereits weltweit Dependancen betreiben.

Den Anfang machte im Mai 2018 der niederländische Anbieter "Spaces". Der sich auf 4000 Quadratmetern und vier Stockwerken im Wiener Orbi-Tower (3. Gemeindebezirk) niedergelassen hat.

Das aktuell wohl spektakulärste Projekt in der heimischen Co-Spacing-Szene ist das internationale Netzwerk "Talent Garden Vienna"(offizielle Eröffnung im März). CEO Davide Dattoli ist gerade dabei, in der Liechtensteinstraße einen cirka 5000 Quadratmeter großen Co-Spacing-Campus, aufgeteilt auf sechs Stockwerke, zu erschaffen. Das langfristige Ziel des Italieners: Mittels der verschiedenen Standorte in Albanien, Dänemark, Irland, Litauen, Rumänien, Spanien und jetzt Österreich soll ein europaweites Ökosystem für Startups geschaffen werden. Im Vordergrund steht die Vernetzung untereinander -und zwar nicht nur innerhalb eines Quartiers. Wer in Wien ein Büro gebucht hat, der kann auch die Standorte in anderen Ländern nutzen.

Bekenntnis zu "New Work Style"

Neben klassischen Einzelarbeitsplätzen oder abgetrennten Büroinseln bietet "Talent Garden" auch Kurse zu Technologien wie "Blockchain" oder "Künstlicher Intelligenz" sowie Fortbildungen zu modernen Management-Methoden an.

"Raus aus der Küche. Rein ins Leben" - "MEINS 01"-Betreiber Vodrazka trifft mit seinem Firmenmotto und der hippen, urbanen Inneneinrichtung ziemlich genau den Nerv seiner Zielgruppe: der digitalen Boheme. Denn eine Mitgliedschaft in einem der "Shared offices" ist wie ein offenes Bekenntnis zum "New Work Style" - wieder so ein Anglizismus, der in der modernen Arbeitswelt Einzug gehalten hat.

Kann "Co-Working" ein Massenphänomen werden? Hier sind sich die Experten uneinig. Nur in einem Punkt herrscht Konsens: Eine bahnbrechende Veränderung braucht meist Jahrzehnte, bis sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

"Raus aus der Küche. Rein ins Leben" - mit diesem Slogan werden die Besucher des Co-Working-Büros "MEINS 01" im Eingangsbereich begrüßt. Das Metallschild im Industrieschick, auf dem der Spruch geprägt ist, passt perfekt zum restlichen Interieur. Die Wände sind mit Strukturtapeten beklebt und mit gerahmten Vintage-Postkarten oder Retro-Plakaten dekoriert. An einem Fensterbrett lehnt ein Citybike in grau-pink. Geschäftsführer Manfred Vodrazka erklärt: "Jeder, der hier arbeitet, darf es benutzen."

2015 hatte der Wiener die 300 Quadratmeter große Bürofläche, verteilt auf zwei Etagen, von seinem verstorbenen Freund übernommen, der in dem Gründerzeithaus das Unternehmen ursprünglich gestartet hatte. "Davor war hier ein Studio für koreanischen Kampfsport", erzählt Vodrazka.

Großstadtphänomen

Asiatische Kampfkunst und Co-Spacing haben tatsächlich mehr gemeinsam, als man gemeinhin denkt. In beiden Konzepten geht es um das Gefühl von Gemeinschaft, das den Einzelnen in seinen Fähigkeiten stärken soll. Der Leitgedanke von Shared Offices war zunächst, Freischaffende und Jungunternehmer von der Einsamkeit und Isolation des heimischen Schreibtisches zu befreien. Ein Raum wurde geschaffen, in dem sich Gleichgesinnte austauschen und vernetzen können. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um ähnliche Branchen handelt oder nicht. Laut Vodrazka hätte die Erfahrung sogar gezeigt, dass unterschiedliche Geschäftszweige wertvolle Synergie-Effekte auslösen können.

Ab 270 Euro (exklusive Mehrwertsteuer) und einmonatiger Kündigungsfrist gibt es bei "MEINS 01" einen fixen Schreibtisch in einem der Gemeinschafts-oder Einzelbüros. Ein Chip ermöglicht den Mieterinnen und Mietern rund um die Uhr Zutritt. Die Kosten richten sich nach der jeweiligen Größe des Arbeitsbereiches. Für einen Platz am Fenster muss mehr gezahlt werden, als für einen mit weniger Tageslicht.

Gemeinschaftlich geteilt werden dagegen Küche, Toiletten, Meeting-Raum und die räumlich und akustisch abgetrennte Telefon-Nische, die bei längeren Gesprächen genutzt wird. Zweimal die Woche kommt eine Reinigungskraft.

So hat hier etwa die Salzburger Firma "hotelkid" zwei Arbeitsplätze für ihre Niederlassung in Wien gebucht. Tina Seitner, eine der Mitarbeiterinnen: "Ich bin seit drei Jahren bei 'MEINS 01'. Früher habe ich meine Arbeit im Homeoffice erledigt. Irgendwann ist mir die Decke auf den Kopf gefallen." Jetzt, so sagt sie, hätte sie Mitstreiter, mit denen sie sich zwischendurch austauschen könne.

Ähnlich empfindet das der selbstständige Webentwickler und Content-Marketing Experte Eberhard Lauth (44): "Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Arbeit zurücklassen kann. Den habe ich hier gefunden".

Wie seine Bürokollegin schätzt auch Lauth den Kontakt zwischen den Mietern untereinander und das Gefühl von Gemeinschaft, das dadurch entsteht. "Gleichzeitig werde ich nicht gezwungen, eine Firmenkultur mitzutragen, sondern bleibe mein eigener Chef", sagt er.

Co-Working ist bereits seit Jahren ein internationaler Trend, der sich nun auch in Österreich durchgesetzt hat. Da es sich dabei um ein klassisches Großstadt-Phänomen handelt, sind die meisten Angebote erwartungsgemäß in Wien zu finden. Die Pioniere der heimischen Szene heißen Michael Pöll und Stefan Leitner-Sidl, die 2002 die "Schraubenfabrik" im zweiten Bezirk und später den "Rochuspark" im Dritten eröffnet haben.

Wie viele dieser Offices es in Österreich genau gibt, wird laut Sabine Wall von der Statistik Austria noch nicht erhoben. Eine Sprecherin der "JW"(Junge Wirtschaft) weiß: "Aktuell kommen fast monatlich neue Spaces hinzu. Von EPUs, Start-ups bis hin zu Teams aus Unternehmen -sie alle nutzen verstärkt diese Möglichkeit."

Tatsächlich wurden die Sharing-Angebote zunächst nur von Einzelkämpfern - Kreative, Start-ups -genutzt. Mittlerweile zeigen Firmen aus unterschiedlichsten Branchen Interesse. Vor allem kleinere Unternehmen verzichten zunehmend darauf, sich eigene Büroflächen anzumieten. Stattdessen teilen sie die Infrastruktur mit anderen.

Zwischen Freiheit und Ausbeutung

Für die Arbeitssoziologin Carina Altreiter sind Co-Working-Spaces vor allem Ausdruck einer gesellschaftlichen Wirklichkeit der gut gebildeten, weißen Mittelschicht, die sich dort zusammenfindet (siehe auch Interview Seite 5). Die Forscherin der Uni Wien sieht die Entwicklung kritisch: "Das Perfide an dem System ist, dass es einerseits einem bestimmten Lifestyle entspricht und durchaus individuelle Ansprüche auf Unabhängigkeit oder Netzwerkmöglichkeit erfüllt. Gleichzeitig wird aber eine Grundlage für gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnisse geschaffen, die auf den ersten Blick schwer erkennbar ist."

Altreiter begründet ihre These damit, dass sich gerade in "Shared Offices" Beschäftigungsverhältnisse bündeln, die kaum eine dauerhafte Existenzsicherung ermöglichen. So hätte die Deregulierung der Arbeitsverhältnisse Angestellte bestimmter Branchen (Werbeagenturen, Medien, Architektur) in die Solo-Selbstständigkeit getrieben oder sie müssten sich mit Werkverträgen durchschlagen. "Um nicht allein zu sein oder soziale Kontakte zu haben, mieten sich viele der Betroffenen dann in einem Co-Space ein", sagt die Soziologin.

Neuer Schauplatz: Das ehemalige Telegrafenamt in Wien-Mariahilf - nur einen Katzensprung vom berühmten Naschmarkt entfernt. Ein edles Firmenschild in Gold verziert die Eingangstür von "Telegraf7.works". Tobias Leodolter, einer der Gründer des Start-ups "Rendity" - eine Crowdinvesting-Plattform für Immobilienprojekte -führt durch das 250 Quadratmeter große Büro.

Arbeitsplatz via App

Eine Event-Agentur, eine Baufirma und der Digitalisierungs-Dienstleister "Ceyond" haben sich samt Belegschaft hier eingemietet. Die vier Einzelarbeitsplätze nutzen selbstständige Webdesigner und Grafiker. Neben den üblichen Gemeinschaftsräumen gibt es exklusiv für die Office-Mitglieder ein Fitnessstudio und eine Dachterrasse mit Blick über Wien. Ab 290 Euro netto im Monat kann man sich hier an einem der Tische ausbreiten -allerdings nur, wenn man sich auch mindestens 12 Monate vertraglich bindet.

2017 hatte Leodolter gemeinsam mit seinen Kompagnons Lukas Müller und Paul Brezina die Idee, in dem historischen Gebäude eine Bürogemeinschaft zu gründen. "Anfangs steckten ausschließlich wirtschaftliche Gründe dahinter", sagt der 29-jährige Jurist. "Wir haben nicht so viel Platz gebraucht, also lag es nahe, die Infrastruktur und damit die Miete mit anderen zu teilen." Nach und nach stellte sich aber heraus, dass sich Vermieter und Mieter auch in ihrer Arbeit unterstützen können.

"Mit uns sitzen bei Telegraf7.works noch 16 andere Leute. Mit vier haben wir bereits erfolgreiche Projekte umgesetzt", erzählt Stephan Holzbach, der Digital-Marketing-Experte von "Rendity", nicht ohne Stolz. Bewährt hätte sich zudem die Dachterrasse für gemeinsame Abendveranstaltungen.

Auch Bauingenieurin Sandra Ulrich spürt die positive Wirkung, die die Beschäftigten aus unterschiedlichen Branchen aufeinander ausüben. Sie arbeitet für das Hamburger Infrastrukturberatungsbüro "Arndt idc", das seine Wiener Zweigniederlassung im Co-Working-Büro des ehemaligen Telegrafenamtes eingerichtet hat. Allerdings ist die Angestellte überzeugt: "Das klappt nur so gut, weil wir alle im weitesten Sinne mit modernen Themen zu tun haben."

Die Sharing-Konzepte von "MEINS 01" und "Telegraph7.works" sind nur zwei von vielen in der heterogenen Co-Working-Welt. Es gibt Offices im Stil von Coffee-Shops, in denen Arbeitsplätze via App vermietet werden. Verrechnet wird im Minutentakt. Einige Anbieter haben sich auf Geschäftsreisende spezialisiert, die nur tageweise einen Arbeitsplatz benötigen. Und dann gibt es noch die Giganten, die ihre Bürogebäude als Erlebniszonen konstruieren. Meist handelt es sich dabei um Anbieter, die bereits weltweit Dependancen betreiben.

Den Anfang machte im Mai 2018 der niederländische Anbieter "Spaces". Der sich auf 4000 Quadratmetern und vier Stockwerken im Wiener Orbi-Tower (3. Gemeindebezirk) niedergelassen hat.

Das aktuell wohl spektakulärste Projekt in der heimischen Co-Spacing-Szene ist das internationale Netzwerk "Talent Garden Vienna"(offizielle Eröffnung im März). CEO Davide Dattoli ist gerade dabei, in der Liechtensteinstraße einen cirka 5000 Quadratmeter großen Co-Spacing-Campus, aufgeteilt auf sechs Stockwerke, zu erschaffen. Das langfristige Ziel des Italieners: Mittels der verschiedenen Standorte in Albanien, Dänemark, Irland, Litauen, Rumänien, Spanien und jetzt Österreich soll ein europaweites Ökosystem für Startups geschaffen werden. Im Vordergrund steht die Vernetzung untereinander -und zwar nicht nur innerhalb eines Quartiers. Wer in Wien ein Büro gebucht hat, der kann auch die Standorte in anderen Ländern nutzen.

Bekenntnis zu "New Work Style"

Neben klassischen Einzelarbeitsplätzen oder abgetrennten Büroinseln bietet "Talent Garden" auch Kurse zu Technologien wie "Blockchain" oder "Künstlicher Intelligenz" sowie Fortbildungen zu modernen Management-Methoden an.

"Raus aus der Küche. Rein ins Leben" - "MEINS 01"-Betreiber Vodrazka trifft mit seinem Firmenmotto und der hippen, urbanen Inneneinrichtung ziemlich genau den Nerv seiner Zielgruppe: der digitalen Boheme. Denn eine Mitgliedschaft in einem der "Shared offices" ist wie ein offenes Bekenntnis zum "New Work Style" - wieder so ein Anglizismus, der in der modernen Arbeitswelt Einzug gehalten hat.

Kann "Co-Working" ein Massenphänomen werden? Hier sind sich die Experten uneinig. Nur in einem Punkt herrscht Konsens: Eine bahnbrechende Veränderung braucht meist Jahrzehnte, bis sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.