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Digital In Arbeit

Neue Arbeitsplätze aus alten Sachen

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Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Schwer vermittelbare Arbeitsuchende sind praktisch chancenlos. Ein sinnreiches Projekt in Wien-Ottakring ist da ein Lichtblick.

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Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Schwer vermittelbare Arbeitsuchende sind praktisch chancenlos. Ein sinnreiches Projekt in Wien-Ottakring ist da ein Lichtblick.

In diesem Winter droht ein trauriger Rekord: Experten — darunter auch Sozialminister Alfred Dallinger - befürchten, daß die Zahl der arbeitslosen Österreicher die 200.000er-Marke erreichen oder gar übersteigen wird.

Steigt die Arbeitslosigkeit, sinken für andere Arbeitslose die

Chancen, doch zu irgendeinem Arbeitsplatz zu kommen, auf ein Minimum: Das sind jene, die im Jargon der Arbeitsmarktverwaltung nur als bedingt vermittlungsgeeignet gelten. Leute mit eingeschränkter Qualifikation,

mit höherem Alter, körperlich wie geistig Behinderte und Haftentlassene sind in solchen Zeiten praktisch chancenlos und oft zur Dauerarbeitslosigkeit verurteilt.

Ende November etwa wurden insgesamt 136.340 Arbeitslose registriert, 33 Prozent davon — also rund 45.000 Personen — galten als lediglich bedingt vermittlungsgeeignet. Das entspricht auch der Faustregel, die man im Sozialministerium kennt: Für ein rundes Drittel der Arbeitslosen ist es angesichts der Konkurrenz der Beschäftigungssuchenden schwierig bis aussichtslos, eine Arbeit zu finden.

Dazu zählen auch alle mit einer sozialen Behinderung: Strafentlassene also, Obdachlose. Fehlt der Halt, auch der materielle Rückhalt, gibt es aus dem Teufelskreis fast kein Entkommen.

Menschen Arbeit geben, die sonst auf der Straße leben: Das ist das Motto eines Projektes in der Lorenz-Mandl-Gasse in Wien-Ottakring. Ein Lichtblick für viele, die im Schatten der gegenwärtigen Wirtschaftslage leben.

Organisiert wird dieses Projekt von der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenhilfe, einem Verein, der 1980 von Sozialarbeitern des Bahnhofssozialdienstes und der SOS-Gemein- schaft der Caritas gegründet wurde. Eines der Ziele: neue Arbeitsmöglichkeiten für schwer vermittelbare arbeits- und obdachlose Menschen zu schaffen.

Der Ausgangspunkt der Idee war denkbar naheliegend: Einerseits konnte die Caritas Gebrauchtmöbelspenden, die ihr Angeboten wurden, nicht verwerten, andererseits war die Nachfrage bedürftiger Menschen nach altem Mobiliar gegeben.

Dadurch ist nun in Wien-Otta- kring ein Gebrauchtmöbellager entstanden. Nicht nur das: ein kleines Dienstleistungsunternehmen mit doppeltem Nutzen. Für die einen gibt es durch die Möbelspenden Arbeit, für die anderen billige Einrichtungsgegenstände.

„Wir sind“, umreißt Franz Sedlak die Entwicklung, „von einem Sozialprojekt in einen Betrieb hineingeschlittert.“ Der Sozialarbeiter Sedlak, noch immer Personalspende der Caritas, in die Rolle des Betriebsleiters.

Seit dem Frühjahr 1983 hat sich die Arbeitsgemeinschaft günstig - und unbefristet — auf dem Areal der Firma „Sowitsch“ in der Lorenz-Mandl-Gasse eingemietet. Rund 2000 Quadratmeter Fläche stehen dort zur Verfügung, die freilich erst genutzt werden wollen. Und renoviert.

Derzeit funktioniert das Möbellager. Möbelspenden aus Wien und dem nahen Wiener Umland werden abgeholt, dann überholt und hergerichtet, bevor sie billig zum Verkauf angeboten werden.

Sedlak hat einen Lernprozeß hinter sich: „Wir haben mit Sand lern Möbel transportiert, die waren dann am Ende kaputt.“ Und überhaupt ist der Transport eine heikle Sache. „Wenn ein Kasten beim Laden auf ein Auto fällt: Wer zahlt das? Wir haben zwar eine Haftpflichtversicherung, aber es ist ein Unterschied, ob das gelernte oder ungelernte Leute machen … “

Und noch etwas wollte gelernt sein, für Sedlak aber ist dies das größte Erlebnis: „Daß aus Klienten Mitarbeiter werden. Das ist etwas, was wir auch nicht gleich geschafft haben.“

Heute hat er 16 angestellte Mitarbeiter, die sonst keinerlei Chance auf Arbeit gehabt hätten, unter seinen Fittichen, fünf davon in leitender Funktion: für den Trans-

port, zwei Frauen im Büro und ein Tischler. Und sozusagen als Tagelöhner werden weitere zehn bis 15 Personen beschäftigt, im Laufe eines halben Jahres insgesamt an die 250 Personen.

Gegenwärtig kann der Verkauf noch nicht ganz die Personalkosten decken. Dafür läuft derzeit eine Schulung der Arbeitsmarktverwaltung für sechs Personen: „Das umfaßt den Tischler und die Randbereiche, die dazugehören, um für den Transport die Möbel fachgerecht zu zerlegen und zusammenzubauen“ (Sedlak).

Darüber hinaus gibt es keine Subventionshilfe, auch nicht von der Stadt Wien. Allerdings: „Das Sozialamt schickt uns Leute, die Möbel suchen und kaufen. Das ist sogar unsere Hauptkundschaft. Und uns ist schon sehr geholfen, .Wenn wir verkaufen können.“

Alles andere bleibt dem Erfindungsreichtum überlassen. So wie die Anschaffung eines Klein- LKWs.

Der Verein betreibt auch einen Klub für Nichtseßhafte in Wien- Favoriten. 100 bis 150 Klienten, je nach Monat verschieden, finden dort zeitweilig Aufenthalt und Betreuung. Mit einer Caritas- Subvention für diesen Klub wurde vorerst der Transporter gekauft, dafür werden jetzt monatliche Erträge in den Klub und seine Arbeit investiert.

Nach den ersten guten Erfahrungen soll jetzt der Betrieb weiter expandieren, neue Arbeitsplätze aus alten Sachen sollen auch in anderen Bereichen gewonnen werden: ein Lager mit Gebrauchtkleidung ist im Aufbau, im kommenden Jahr soll im „Sowitsch“-Haus ein Second- Hand-Shop mit ständigem Flohmarkt eröffnen.

Damit nicht genug, wird auch an einem Wohnprojekt gearbei-

tet: ,,Wir haben da in Wien-Alser- grund ein kleines Projekt laufen“, berichtet Sedlak. Wohnungen werden vom Verein in Hauptmiete übernommen und in Untermiete weitergegeben. Bewähren sich die Untermieter, wird ihnen die Wohnung in drei bis vier Jahren überschrieben.

Ein Projekt fügt sich zum anderen, ein Rad greift ins andere: Das ist Hilfe zur Selbsthilfe von Menschen, die sonst wahrscheinlich scheitern müßten. „Die gesamte Arbeit wäre sinnlos“, resümiert Franz Sedlak, würde sie nicht zu einer Bewußtseinsbildung beitragen, die Auseinandersetzung des einzelnen mit sich selbst fördern und den Sinn der Arbeit über den materiellen Bezug hinaus einsichtig machen.“ Und eigentlich ist das ein geschlossenes System: Durch die Hilfe für Betroffene können diese selbst Betroffenen helfen. Das ist echte Hilfe, kein Almosen.

Hinweis Für Interessenten und Spender: Möbellager der Arbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenhilfe, 1160 Wien, Lorenz- Mandl-Gasse 31, Tel.-Nr.: 92 42 39. ^

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