Leder - © Foto: Brigitte Quint

Langzeitarbeitslosigkeit: Kein Mensch ist unvermittelbar

1945 1960 1980 2000 2020

Johann Leder ist einer von 400.000 Langzeitarbeitslosen, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegen null gehen. Mit 58 Jahren schafft er den Wiedereinstieg. Das Porträt eines Kämpfers.

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Johann Leder ist einer von 400.000 Langzeitarbeitslosen, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegen null gehen. Mit 58 Jahren schafft er den Wiedereinstieg. Das Porträt eines Kämpfers.

Von Pak Choi hatte Johann Leder bislang noch nichts gehört. Auch die Begriffe Papaya oder Sternenfrucht hatten ihn fremd angemutet. Das hat sich geändert. Wenn der 58-Jährige morgens um zwei Uhr seine Lieferscheine zugeteilt bekommt, wirft er einen kurzen Blick darauf und schichtet gekonnt die georderten Früchte und Gemüsevariatonen – von exotisch bis heimisch – in die Transportkisten. Nur noch selten googelt er eine angeforderte Ware, die ihm nichts sagt, um sich in der Bildergalerie anzuschauen, wie sie aussieht.

Von Pak Choi hatte Johann Leder bislang noch nichts gehört. Auch die Begriffe Papaya oder Sternenfrucht hatten ihn fremd angemutet. Das hat sich geändert. Wenn der 58-Jährige morgens um zwei Uhr seine Lieferscheine zugeteilt bekommt, wirft er einen kurzen Blick darauf und schichtet gekonnt die georderten Früchte und Gemüsevariatonen – von exotisch bis heimisch – in die Transportkisten. Nur noch selten googelt er eine angeforderte Ware, die ihm nichts sagt, um sich in der Bildergalerie anzuschauen, wie sie aussieht.

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Seit Anfang Juni arbeitet Leder auf dem Großgrünmarkt in Inzersdorf. Als Fahrer eines Gemüsehändlers. Ein Familienbetrieb mit vier Angestellten. Seinen neuen Arbeitsplatz beschreibt der Wiener als „Sechser im Lotto“. Für Leder ist er weit mehr als eine materielle Existenzsicherung. Durch ihn nahm sein Leben eine Wende: Er ebnete ihm den Weg aus der Perspektivlosigkeit, gab ihm Selbstvertrauen und eine geregelte Tagesstruktur zurück.

Zu alt, Qualifikation zu gering

Über Jahre galt Leder als das, was Sozialwissenschafter als „schwer vermittelbar“ bezeichnen. Er war einer von derzeit rund 400.000 Langzeitarbeitslosen, die aufgrund ihres Alters und/oder ihrer Erwerbsbiografie auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Leders Situation wurde durch die Tatsache erschwert, dass er über zehn Jahre lang seine demente Mutter pflegte. Immer wieder suchte er beim AMS um eine Stelle an, die mit seiner Care-Arbeit vereinbar ist. Ein Gesuch, das ungehört blieb. Wohl auch, weil seine private Situation das ohnehin geringe Quantum an potenziellen Arbeitsplätzen für einen Mann wie ihn noch zusätzlich reduzierte. Was blieb, waren die obligatorischen Kurse. Computerseminare, Bewerbungstrainings, Weiterbildungsworkshops. Teilnehmen konnte er dann, wenn sich jemand für seine Mutter fand. Meist war das seine zwei Jahre ältere Schwester. Sie ist es auch, die seit ihrer Pensionierung im Frühjahr dieses Jahres die Hauptlast der Pflege übernommen hat – nicht zuletzt um ihrem Bruder einen beruflichen Neustart zu ermöglichen.

Ein Selbstläufer ist das freilich nicht. Neben seinem Alter ist vor allem Leders Status als Geringqualifizierter ein Hemmschuh. Ein Schicksal, das er mit vielen Langzeitarbeitslosen teilt. Wer nicht die nötige Ausbildung mitbringt, jahrelang als Hilfsarbeiter eingesetzt war, für den ist es in der schnelllebigen Berufswelt schwer, Fuß zu fassen.

Um zu verstehen, warum Johann Leder nie eine richtige Ausbildung gemacht hat und mit der Schule auf Kriegsfuß stand, muss man weit zurückgehen. Vielleicht sogar in seine früheste Kindheit. Er ist noch keine drei Jahre alt, als sich die Eltern trennen. Leder deutet an, dass Alkoholmissbrauch und Gewalt den Ausschlag gegeben haben dürften. Als Alleinstehende verliert die Mutter ihren Anspruch auf die bislang bewohnte Hausmeisterwohnung am Wiener Alsergrund. Ihr bleibt nur der Park als Schlafstätte. Sohn Johann und seine Schwester werden von der Jugendwohlfahrt in ein Heim nach Hinterbrühl (Niederösterreich) gebracht. Zusammenbleiben dürfen die Geschwister nicht. Obwohl sie sich verzweifelt aneinanderklammern, bringt sie die Heimleitung in separaten Trakten unter. Eine willkürliche Erziehungsmaßnahme, von der noch einige folgen werden. Die Trennung von der einzigen Bezugsperson, die ihm geblieben ist, ist eine der schmerzlichsten und bittersten Erfahrungen überhaupt, sagt Leder heute.

Dem Lehrer kann er die Buchstaben auf der Tafel nicht vorlesen. Er bräuchte eine Brille. Doch er kommt auf die Sonderschule.

Ohnedies traumatisiert das Leben im Heim den Buben. Als die Mutter Jahre später einen Mann findet, der die 30.000 Schilling für die Ablöse aufbringt, die es braucht, um die Kinder zurückzuholen, muss sie erkennen, wie sehr es ihrem Buben an Urvertrauen und Halt fehlt. Ein Umstand, der sich zuweilen auch in der Beziehung der beiden widerspiegelt. Auch Stiefvater Franz, der für Johann eine zentrale Figur wird, kann Johanns seelische Blessuren nicht kompensieren.

Der Schuldenberg wächst

Die Schule wird für Johann zur Tortur. Nach wie vor lebt die Familie in ärmlichen Verhältnissen. Johann trägt die Hosen und Jacken der älteren Schwester auf. Das liefert so manchem Mitschüler einen willkommenen Grund, das ehemalige Heimkind aufzuziehen. Bis heute erinnert sich Leder an die Aufsätze, die er nach den Weihnachtsfeiertagen abliefern musste. Es galt, die Geschenke zu beschreiben, die unter dem Baum lagen. Alle Jahre wieder eine Demütigung. Johann Leder wird gezwungen zuzugeben, dass es bei ihm zu Hause nur für eine Packung Biskotten gereicht hat. Indes sind seine Noten zumeist mangelhaft. Das liegt vor allem daran, dass Leder die Buchstaben und Zahlen auf der Tafel nicht lesen kann. Eine Brille hätte dem Abhilfe verschafft. Doch die Sehschwäche des Schülers bleibt unerkannt. Stattdessen wird er angehalten, auf die Sonderschule nach Wien-Währing zu wechseln. Dort bleibt er, bis er 14 Jahre alt ist. Das fehlende neunte Schuljahr schließt er auf dem Polytechnikum ab. Aber auch dieser Schultyp erweist sich als ungeeignet für einen Heranwachsenden, dem sich der Sinn des Lernens nie erschlossen hat. Vielmehr träumt er davon, Geld zu verdienen. In seinen Augen der einzige Weg, der Armut zu entfliehen. Stiefvater Franz überredet ihn dennoch, eine Lehre zu machen. Als Maurer. Doch die bricht Johann ab. Dann beginnt er eine zweite. Als Glaser. Auch die bricht er ab. Von da an schlägt er sich mit Hilfsarbeiterjobs auf dem Bau durch. Leder hangelt sich von Baustelle zu Baustelle. Meistens in Wien. Manchmal auch am Neusiedler See oder in der Gegend des Attersees. Angemeldet wird er fast nie. Später gründet er ein Ein-Mann-Unternehmen, erledigt auf selbstständiger Basis Auftragsarbeiten im Hoch- und Tiefbau – etwa beim Bau der U-Bahn-Linie sechs. Die Firmengründung kostet Geld. Leder beginnt, Schulden zu machen. Am Ende summieren sie sich auf 80.000 Euro.

So unstet seine Erwerbsbiografie anmutet, so ähnlich verhält es sich in Leders Privatleben. Erst mit 26 Jahren zieht er aus der mütterlichen Wohnung aus. Sein Stiefvater ist bereits tot. Mit seiner damaligen Freundin übersiedelt er in eine Gemeindewohnung in Floridsdorf. Doch die Beziehung scheitert. Wie seine spätere Ehe. Jede der Partnerschaften bleibt kinderlos.

2010 erhält seine Mutter die Diagnose Demenz. Für den Sohn ist es eine Frage des Anstandes, sie jetzt nicht im Stich zu lassen. Das Angebot, eine Imbissstube in Schwechat zu übernehmen, kommt ihm gelegen. Indem er seine Mutter dorthin mitnimmt, kann er sie betreuen und gleichzeitig Geld verdienen. Eine Win-win-Situation, die sich vier Jahre lang bewährt. Dann wird der Standort umgewidmet. Die ansässige Firma zahlt ihm für den Stand eine Ablöse aus. Noch gibt sich Leder optimistisch hinsichtlich seiner Jobsituation. Seine Einstellung ist, dass er noch immer sein Auskommen hatte und irgendwo Geld verdienen konnte.

Geänderte Spielregeln

Doch die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt haben sich geändert. Auch im Bauwesen. Hingehen, beim Chef vorsprechen, noch am selben Tag eingesetzt werden – Szenarien wie diese sind nur noch selten. Auch sind mittlerweile Anforderungen gefragt, die Leder nicht erfüllen kann. Er ist nicht mehr auf dem neuesten Stand, was die hochmodernisierte Baubranche angeht.

Auch als Anfang 2021 seine Schwester die Pflege der Mutter übernimmt, sind Leders Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor prekär. Das AMS teilt ihm schließlich einen Platz in einem sozialökonomischen Betrieb zu. Der Träger ist die Volkshilfe Wien. Leder kommt in einem zeitlich befristeten Programm unter, in dem Langzeitarbeitslose wieder fit fürs Erwerbsleben gemacht werden sollen. Künftig soll er im Volkshilfe-Logistikcenter in Wien-Donaustadt in einem Team mitarbeiten, das für Wohnungsauflösungen zuständig ist. Ziel dieser Maßnahme ist es, Leder durch einen sanften Einstieg wieder langfristig in der freien Wirtschaft unterzubringen. Zudem wird ihm ein Sozialarbeiter an die Seite gestellt. Er heißt Franz und versucht herauszufinden, wo die Stärken und Fähigkeiten seines Klienten liegen. Wie viele Volkshilfe-Betreuer kann er auf ein breites Netzwerk an Kontakten zurückgreifen. Das heißt: Leute wie Franz erfahren oft von freien Stellen, noch bevor diese offiziell in einer Jobbörse auftauchen. Auf die Art entstand auch der Kontakt zu Leders heutigem Chef. Ein Coup, der selbst für Volkshilfe-Verhältnisse außergewöhnlich ist. Nach nur zwei Wochen im Transitprogramm bekommt Leder einen unbefristeten Arbeitsvertrag angeboten.

Per Google zum Autodidakten

Seither hantiert Leder mit Pak Choi, Papaya, Paprika und Co. Was er besonders schätzt, ist das familiäre Umfeld im Unternehmen. Er mag es, wenn man ihn morgens fragt „Wie geht es dir?“, und er spürt, dass das Gegenüber an einer ehrlichen Antwort interessiert ist. Umgekehrt schätzt man den Autodidakten, der es durch konsequentes Gemüsesorten-Googeln binnen kürzester Zeit zum Fachmann geschafft hat. Auch der Schuldenberg schrumpft Tag für Tag. Was fällt Leder ein, wenn er über die Wende nachdenkt, die sein Leben genommen hat? „Über Umwege habe ich einen Platz gefunden, wo ich hingehöre. Was braucht der Mensch mehr?“

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