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Arbeitslosigkeit: Das Schicksal der anderen

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Elenden“ beleuchtet die Journalistin Anna Mayr die Rolle der Arbeitslosen in der Gesellschaft. Ihre These: Jobsuchende müssen als abschreckendes Beispiel herhalten, damit der Rest der Bevölkerung Leistung liefert.

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In „Die Elenden“ beleuchtet die Journalistin Anna Mayr die Rolle der Arbeitslosen in der Gesellschaft. Ihre These: Jobsuchende müssen als abschreckendes Beispiel herhalten, damit der Rest der Bevölkerung Leistung liefert.

Arbeitslose werden verachtet, und genau deshalb sind sie so wichtig für die Gesellschaft – Anna Mayr stellt in ihrem Buch „Die Elenden“ eine These auf, die für Zündstoff sorgt. Sie argumentiert, dass Arbeitssuchende die Angst des Einzelnen schüren (sollen), auch selbst in deren Situation zu kommen. Zudem trage diese soziale Abgrenzung zum Wohlempfinden der Mittelschicht bei – „Ich bin was Besseres“.

Die Autorin geht noch weiter, schreibt: „Ohne Armut und Arbeitslosigkeit würde unsere Gesellschaft, so wie sie ist, nicht funktionieren.“ „Nehmen wir einmal an ...“, beginnt Mayr in der Einleitung und entwirft auf den ersten Seiten Szenarien, die dazu führen, dass jemand „nicht mehr leistungsfähig“ ist.

Autorin legt eigene Herkunft offen

So könne man krank werden oder durch Kinderbetreuung oder einen Pflegefall in der Familie seine Ressourcen abseits der Arbeitswelt aufbrauchen müssen. Auch der Beruf, den man einmal gelernt hat, könnte einfach von der Bildfläche verschwinden. Oder die Firma würfe (pandemiebedingt) ein paar Mitarbeiter raus, was insbesondere für 50+­Kandidaten zur Existenzkrise werden könne. Welche Gründe einen Menschen auch immer in die Arbeitslosigkeit treiben, wenn der oder die Betroffene kein nennenswertes Vermögen als Puffer hat oder einen Partner als finanzielle Stütze, können die Folgen verheerend sein, schreibt Mayr.

Sie skizziert auch lakonisch, wie der Verlust des Arbeitsplatzes in eine Abwärtsspirale münden kann, die einen Menschen sozial wie gesundheitlich vernichten könne. Am Anfang, so schreibt sie, trösteten einen die Freunde noch. Nach einem Jahr hätten sich die meisten distanziert. Ein weiteres Jahr später gilt es, sich eine günstigere Bleibe zu suchen, und jeder einzelne Sonderposten (kaputte Waschmaschine, Tierarztrechnung, Gleitsichtbrille) würde zum Problem.

„Nach etwas drei Jahren Arbeitslosigkeit sieht man Ihnen deutlich an, wo Sie wohnen, wie Sie wohnen und dass Ihnen nichts mehr einfällt“, wendet sich Mayr direkt an ihre Leser(innen).

Arbeitslose werden verachtet, und genau deshalb sind sie so wichtig für die Gesellschaft – Anna Mayr stellt in ihrem Buch „Die Elenden“ eine These auf, die für Zündstoff sorgt. Sie argumentiert, dass Arbeitssuchende die Angst des Einzelnen schüren (sollen), auch selbst in deren Situation zu kommen. Zudem trage diese soziale Abgrenzung zum Wohlempfinden der Mittelschicht bei – „Ich bin was Besseres“.

Die Autorin geht noch weiter, schreibt: „Ohne Armut und Arbeitslosigkeit würde unsere Gesellschaft, so wie sie ist, nicht funktionieren.“ „Nehmen wir einmal an ...“, beginnt Mayr in der Einleitung und entwirft auf den ersten Seiten Szenarien, die dazu führen, dass jemand „nicht mehr leistungsfähig“ ist.

Autorin legt eigene Herkunft offen

So könne man krank werden oder durch Kinderbetreuung oder einen Pflegefall in der Familie seine Ressourcen abseits der Arbeitswelt aufbrauchen müssen. Auch der Beruf, den man einmal gelernt hat, könnte einfach von der Bildfläche verschwinden. Oder die Firma würfe (pandemiebedingt) ein paar Mitarbeiter raus, was insbesondere für 50+­Kandidaten zur Existenzkrise werden könne. Welche Gründe einen Menschen auch immer in die Arbeitslosigkeit treiben, wenn der oder die Betroffene kein nennenswertes Vermögen als Puffer hat oder einen Partner als finanzielle Stütze, können die Folgen verheerend sein, schreibt Mayr.

Sie skizziert auch lakonisch, wie der Verlust des Arbeitsplatzes in eine Abwärtsspirale münden kann, die einen Menschen sozial wie gesundheitlich vernichten könne. Am Anfang, so schreibt sie, trösteten einen die Freunde noch. Nach einem Jahr hätten sich die meisten distanziert. Ein weiteres Jahr später gilt es, sich eine günstigere Bleibe zu suchen, und jeder einzelne Sonderposten (kaputte Waschmaschine, Tierarztrechnung, Gleitsichtbrille) würde zum Problem.

„Nach etwas drei Jahren Arbeitslosigkeit sieht man Ihnen deutlich an, wo Sie wohnen, wie Sie wohnen und dass Ihnen nichts mehr einfällt“, wendet sich Mayr direkt an ihre Leser(innen).

Skizziert wird lakonisch, wie der Verlust des Arbeitsplatzes in eine soziale und gesundheitliche Abwärtsspirale münden kann.

Man erfährt auch das Motiv der Zeit­-Journalistin, das sie zum Schreiben von „Die Elenden“ veranlasst hat: „Ich werde oft gefragt, warum meine Eltern arbeitslos sind. Ich finde die Frage frech. Manchmal frage ich zurück: Warum ist dein Vater Ingenieur?“ Weiter heißt es: „Er (ihr Vater, Anmerkung der Redaktion) ist einer von denen, die niemals gefragt werden, was sie eigentlich denken oder können – weil es schon reicht, wenn sie mit einem Gabelstapler Palettenhin und her fahren. Und sobald es keine Paletten mehr gibt, werden sie nach Hause geschickt und vergessen.“

Mit der Offenlegung der eigenen Herkunft, bietet Mayr eine Angriffsfläche. Einige Kritiker, etwa Gerald Wagner von der FAZ, werfen ihr vor, in dem Buch insbesondere die eigene Wut sprechen zu lassen. So ginge es ihr mehr darum, persönliche
Ausgrenzungserfahrungen aufzuarbeiten, als über Befunde der soziologischen Arbeitsmarktforschung zu informieren. Auch wird Mayr vorgehalten, sich in ihrer Analyse nicht mit zentralen philosophischen Erklärungsmodellen aufgehalten zu haben.

Richtig ist: Um eine allumfassende wissenschaftliche Abhandlung handelt es sich bei „Die Elenden“ nicht. Der Vorwurf, zentrale Deutungsmuster ignoriert zu haben, fasst bei „Die Elenden“ zu kurz. Es entlarvt Systemprofiteure und Systemverlierer noetisch. Und es ist ein gelungener Versuch, die Lebenswirklichkeit von Bewohnern aus Brennpunktvierteln, von Langzeitarbeitslosen oder auch sogenannten Abgehängten greifbarer zu machen.

Paradoxerweise dürfte das gerade jenes selbstbezogene Schreiben bewirkt haben, für das die Autorin von manchen Stellen gescholten wird. Die Autorin merkt einmal im Buch an, ein Leser hätte ihr nach der Lektüre eines anderen ihrer Texte geschrieben: „Ich habe etwas verstanden.“ Auch bei dieser Publikation könnte dem einen oder anderen dieser Gedanke kommen.

Die Elenden - © Hanser Literaturverlage
© Hanser Literaturverlage
Sachbuch

Die Elenden - Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht

Von Anna Mayr
Hanser Berlin 2020
208 S., geb., € 20,60

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